Der erste Sorokin, den ich gelesen habe, war Сердца Четырех (Die Herzen der vier), das ich in einem Antiquariat in Kursk mitgenommen habe. Aufgrund der immer absurderen Wendungen habe ich bald an meinem Russisch gezweifelt…

Seitdem störte mich noch öfter, dass Sorokin sich von Effekt zu Effekt hangelt & wenig bemüht scheint, die chaotischen Momente erzählerisch wieder zu integrieren, wobei zugegeben die Lektüren 10+ Jahre zurückliegen. Ausnahme: Der Schneesturm, der es schafft eine traditionel beginnende Erzählung behutsam ins Fantastische zu kippen.

Telluria habe ich mir nach längerem Ringen nun aufgrund des starken Schneesturm, der ja in einer ähnlichen oder vielleicht sogar in der gleichen Welt spielt, zugelegt. Das Szenario klingt wie etwas, woraus man eine tolle Geschichte machen könnte:

Das Szenario

„Eurasien, Mitte des 21. Jahrhunderts: Die Welt ist nach verschiedenen Religionskriegen, Revolutionen und Aufständen in weitgehend voneinander isolierte Kleinstaaten zerfallen, in denen unterschiedlichste politische Machtstrukturen herrschen. Es gibt u.a. das kommunistisch-orthodoxe Moskowien, eine Sowjetische Sozialistische Stalinrepublik und ein feudalistisches Neukölln mit Konrad von Kreuzberg an der Spitze, der die Salafisten zurückgeschlagen hat. Köln ist eine Republik geworden, und dann ist da noch die kleine, feine Bergrepublik Telluria, aus der das kommt, was alle Menschen in diesem Meer der Barbarei haben wollen: das ultimative Mittel, das beständiges Glück erzeugt.“

Auf der anderen Seite verachtet Sorokin durch drei Viertel seines Werkes tolle Geschichten. Aber der Schneesturm machte Hoffnung, dass das vorbei ist. Allerdings könnte der auch deshalb so gut sein, weil er ein futuuristisches Puschkin-Pastiche ist. Und Puschkin eben erzählen konnte, während Sorokin pastichisieren kann.

Telluria mit seiner doch sehr wechselhaften Qualität legt das zumindest nahe. Das erste Kapitel ist eine gespenstische industrielle Szene aus einer Dreiklassengesellschaft, die relativ wenig Kontext bietet. In jedem Fall aber ein Text, der das Interesse am Buch wach hält. Es folgt ein Brief über eine sexuelle Eroberung nebst einigen Informationen zum Land aus der Republik Moskowien, der sich auch noch ganz ordentlich liest, dann etwas, das an ein Gebet erinnert, das von Kapitalismus bis Kommunismus alles geißelt, was man nur geißeln kann. Dann wieder eine halbwegs geschlossene Erzählung über einen Freier, der sich an junge Mädchen heran macht, was in dieser Weltregion relativ normal zu sein scheint, und im Anschluss eine Reportage aus der Kölner Republik, die gerade von den Taliban befreit wurde und endlich wieder Karneval feiert.

Zuviele Info-Dumps, zuviel zwanghafte Spielerei

Die Reportage mag exemplarisch für einige erzählerische Schwächen des Romans herhalten, die auch in anderen Texten bzw. Erzählungen zugegen ist. Erstens: Der Wille, unbedingt bestimmte Stile zu pastichisieren und die dabei noch satirisch zu übertreiben, kommt dem Werkganzen nicht durchweg zugute. Das ist einfach zu krass: So wie das fünfte Kapitel geschrieben ist, schreibt man keine Reportage. Nichtmal im Ansatz. Vor allem und zweitens: Es werden dabei viel zu viele „geschichtliche“ Fakten der fiktiven Welt im gewaltigen Info-Dumps über dem Leser ausgeschüttet. Statt, dass man das zerfallene Europa und das neue Russland durch Ereignisse erfahren würde, hat man immer wieder das Gefühl, dröge Geschichtsbuchspassagen zu lesen. Und das leider auf einem Niveau und in einer Massung, über die die weit weniger als Sorokin ernst genommene fantastische Literatur mittlerweile größtenteils hinaus ist. Hier macht der Vorzeige-Autor der Postmoderne einen Rückschritt in die Zeiten und die stilistische Klamottenkiste eines JRR Tolkien. Ja – man könnte das wiederum als gelungenes Tolkien-Pastiche einordnen – wenn denn diese Probleme nicht in allen Kapiteln auftauchten, auch in denen, die eigentlich ganz andere Stile pastichisieren (und ich betone es hier wie bereits in der Kritik am Ulysses: Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition ist kein ästhetischer Wert an sich, dass die Akademie das so hoch schätzt, liegt vor allem daran, dass man sich hier dem gemeinen Leser überlegen dünken kann. Das Spiel braucht eine  g u t e  Begründung im Text, die fehlt sowohl Telluria als auch dem berühmten Oxen of the Sun-Kapitel).

Atmosphärisch gelungen

Die gute Nachricht: Die Welt Sorokins entsteht durch die Fragmente hindurch tatsächlich als überzeugendes, brüchiges, Bild. Atmosphärisch ist Telluria durchaus ein starkes Werk, das man mit Interesse lesen kann. Anders als Gorodischers Kalpa Imperial, das auf ganz ähnliche Weise von einer fantastischen Welt erzählt, gelingt es Sorokin allerdings nicht, auch das Gefühl narrativer Einheit durch die Brüche zu erzeugen. Wo Kalpa Imperial zwar Jahrhunderte oder Jahrtausende umspannen zu scheint, aber dennoch über die Instanz der Geschichtenerzähler und ein dicht geknüpftes Netz von Leitmotiven, von Ideen, die aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, ein Ganzes schafft, stehen Sorokins Kurzgeschichten und (größtenteils) Anekdoten sehr unverbunden nebeneinander. Nicht einmal einfachste Verknüpfungen, wie dass etwa das Ergebnis des Aufbruchs zum im Kapiteln XXI berichteten 13. „Kreuzflug“ in einer anderen Erzählung berichtet würde, oder dass das in einem späteren Kapitel angeteaserte Märchen anderswo erzählt würde, stellt Sorokin her. Kalpa Imperial überzeugt auch dadurch als Einheit, dass es von mehreren umfangreichen, jeweils alleine geschlossen lesbaren Erzählungen getragen wird. In Telluria dagegen überwiegt die Anekdote. Kaum eines der Kapitel hätte allein stehend literarischen Wert, und so liest man das ganze Buch tatsächlich vor allem, um unsichere Fakten über eine fiktive Welt zu erfahren, also ähnlich wie Harry-Potter-Fans all die Begleitwerke zu den Romanen. Der Hauptanspruch dieses gesellschaftskritisch und teils etwas prätentiös daherkommenden Werkes ist dadurch ironischerweise ein eskapistischer. Den dürfte es für Freunde der russischen Literaturgeschichte sowie Freunde der gepflegten Postapokalyptik erfüllen. Vom literarischen Meisterwerk ist Telluria allerdings meilenweit entfernt.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Angeregt von diesem Artikel von Caféhaussitzer.