Gewohnt starker Roman – klug und zugänglich – Der Club der singenden Metzger von Louise Erdrich

In den USA ist Louise Erdrich eine vielfach ausgezeichnete Autorin. In Deutschland ist sie einerseits nicht bekannt genug, als dass sie mir in verschiedenen literarischen Studien auf der Universität einmal untergekommen wäre, und sei es als Nebenbemerkung – nicht mal von Freunden. Andererseits werden alle ihre Romane übersetzt, woraus sich schließen lässt, dass sie gelesen wird. Ich selbst habe Erdritch für mich entdeckt, als ich zu Literatur von Native Americans recherchierte, wobei Erdritch mit dieser Zuschreibung wohl nicht ganz glücklich würde. Berühmt ist sie aber vor allem für ihre verknüpften Romane, die auf einem fiktiven Reservat in North Dakota angesiedelt sind und vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart reichen. Verarbeitet werden Beziehungen amerikanischer Ureinwohner untereinander und zu Weißen, oft ebenfalls unter Betonung von deren Einwanderungsgeschichte.

Was Erdrich auszeichnet, ist die scheinbare Einfachheit, mit der sie gesellschaftliche Konflikte in vielschichtigen Erzählungen verwebt, ohne dass das Ergebnis am Ende kompliziert wirken würde. Ihrem Die Rübenkönigin wurde vorgeworfen, an postmodernen Tricks vor allem wegen der Tricks interessiert zu sein. Das kann ich nicht bestätigen. Erdrichs Romane, nicht nur Die Rübenkönigin, bezeugen das krasse Gegenteil: man liest sie, ohne auf den ersten Blick überhaupt zu bemerken, dass die Geschichte mehrere Ebenen hat, aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Erdrich schreibt intelligente Literatur, die nicht aufdringlich intelligent wirkt, nicht wie zuvorderst auf ein intellektuelles Publikum abzielend.

Das gilt auch für das kürzlich im Aufbauverlag erschienene Der Club der singenden Metzger wieder. Die Geschichte folgt dem deutschen Einwanderer Fidelis, der nach dem Ersten Weltkrieg in Argus, North Dakota, eine Metzgerei eröffnet, sowie dem Ausreißerpärchen Delphine und Cyprian, die nach einer kurzen Periode als Akrobaten zurück in ihr heimisches Argus kehren. Die beiden Stränge werden bald zusammengeführt, Delphine lernt Fidelis und Ehefrau Eva kennen, hilft im Geschäft, kümmert sich um die Kinder. Es entsteht ein breites Panorama einer amerikanischen Kleinstadt. Und so ist dann auch der ganze Roman relativ unmittelbar erzählt, mit wenig Distanz, oftmals mit an Mündlichkeit erinnernden Einsprengseln (dass Charaktere von der Erzählerstimme etwa einfach „Tante“ oder „Onkel“ genannt werden) und dabei, trotz aller Bodenständigkeit, immer wieder in den richtigen Momenten durchbrochen von dichten Bildern:

„Delphine und Cyprian fuhren nach Süden, zurück nach Argus. Das legendäre Langgras, das einst alles Land unter dem Himmel bedeckt hatte, wogte noch immer am Rand mancher Felder, an den Rändern der Sumpflöcher und den Ufern des malerischen kleinen Flusses, der manchmal über die Ufer trat und die halbe Stadt verwüstete. Die Felder mit verkümmertem Weizen – manche waren ganz kahl – zogen endlos an ihnen vorüber. Wie graue Netze hingen die Nester des Heerwurms in den Bäumen. Hin und wieder stand ein Haus mit leeren Fensterhöhlen am Straßenrand. Über der Haustür, die mit einem Vorhängeschloß gesichert war, leuchtete tapfer und hoffnungslos ein wenig Farbe.“

Auch politische Themen kommen nicht zu kurz: Cyprian ist Weltkriegsrückkehrer und, das ein wiederkehrendes Motiv in Erdrichs Romanen, als teils Navajo weder wahlberechtigt noch hat er Zugang zu staatlichen Hilfsleistungen für Veteranen. Außerdem hat er bei der Armee auch noch seine Homosexualität entdeckt. Das wiederum stürzt Delphine in Gewissenskonflikte, die zwar nicht seine Ehefrau ist, es aber doch gerne wäre ( und es in den Augen des Dorfes sein muss, denn einfach so zusammen leben, dass wäre unerhört) und schwebt natürlich als Drohung über dem Leben, das die beiden sich aufgebaut haben – ein Outing wäre hochgefährlich. In ihrem Verhältnis zum Ersten Weltkrieg geraten wiederum Fidelis und Cyprian aneinander, die darin zuvorderst Deutscher und Amerikaner bleiben. Der heraufdämmernde zweite Weltkrieg wird dann später die Familie Fidelis‘ zerreißen.

Einmal mehr fällt auf, wie sehr Erdrichs Charaktere dabei Personen ihrer Zeit bleiben. Wenn sich hier jemand gegen den Mainstream des Denkens stellt, dann weil es aus der Anlage des Charakters heraus und der Situation gute Gründe gibt, und nicht, weil die Autorin eine Botschaft vermitteln möchte. Erdrich erzählt zuallererst Geschichten, und das auf eine Weise, die keinen Leser überfordern sollte, während beinahe wie im Geheimen dabei große Literatur entsteht. Der Club der singenden Metzger sollte man lesen, ebenso wie frühere Romane der Autorin. Auch wenn es darin keinen Club der singenden Metzger gibt (sondern einen Gesangsverein, in dem auch zwei Metzger singen) und der Titel den Roman unnötig verkitscht.

Und besonders für die verbundenen Werke Erdrichs wäre wünschenswert, dass irgendwann einmal eine ähnliche Publikation entsteht, wie der Reader „The Portable Faulkner“ des Penguin Verlages, der sehr viel dabei hilft, die Verbindungen im Gesamtwerk noch deutlicher und kompakt herauszuarbeiten.

Bild: Pixa, gemeinfrei

2 Gedanken zu “Gewohnt starker Roman – klug und zugänglich – Der Club der singenden Metzger von Louise Erdrich

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