Heute möchte ich einmal drei besondere Romane aus meiner Serie Fantastische Reise für DieKolumnisten vorstellen. Jeweils mit Link zur Besprechung:

Hope Mirrlees: Lud-In-The-Mist

Lud-In-The-Mist ist eine beschauliche spätmittelalterliche Stadt, die vor einer unbestimmten Zeitspanne so etwas wie eine „Aufklärung“ mitgemacht hat. Lud liegt am Zusammenfluss der Flüsse Dapple und Dawl, was den dort ansässigen Händlern und der Oberschicht zu einem gewissen Wohlstand verholfen hat. Im Zuge dieses Wohlstandsgewinnes wurde der Herzog Aubrey verjagt, dem bis heute zweideutige Verbindungen zum Feenreich nachgesagt werden, und die rigorose Herrschaft des Gesetzes errichtet. Doch die Bewohner von Lud sind in gewissen Bereichen seltsam verklemmt. Musik wühlt sie auf und muss aus den Sphären der besseren Gesellschaft möglichst herausgehalten werden, die Toten werden verschämt abseits der Stadt verscharrt, über Träume spricht man nicht und in die Nähe des Feenwaldes hinter den „fragwürdigen Hügeln“ wagt sich kein aufrechter Ludite. Dann scheint es, als habe der Sohn des derzeitigen Bürgermeisters Chanticleer „Feenfrucht“ gegessen, und der Bürgermeister ist außer sich. Er selbst erinnert sich dann und wann an eine Melodie, die er in der Jugend gehört hat, was ihm sehr zu schaffen macht, und diese neuerliche Begegnung mit dem Zauberhaften ist einfach zu viel für ihn. Der Sohn wird auf Raten des Arztes Endymion Leer auf eine ferne Farm verbannt, um ihm die Lust, ins Feenland zu entweichen, auszutreiben. Doch gerade als dieses Problem gelöst scheint, verschwinden die Schülerinnen einer elitären Mädchenschule auf nimmer Wiedersehen, und auch in dieser Schule wird Feenfrucht gefunden. Aus dieser Ausgangslage entfaltet Lud-In-The-Mist eine spannende Detektivgeschichte, die Sozialstruktur einer fantastischen Kleinstadt und ein parabolisch gezeichnetes Psychogramm des Bürgertums und seiner dunklen Unterströme. Später wird sich herausstellen, dass der Arzt selbst seine Finger beim Fruchtschmuggel im Spiel hatte: ausgerechnet die Farmerin, zu der der Sohn des Bürgermeisters verbannt wurde, hatte ihm einst mit einem Mord dabei geholfen, und Chanticleer selbst muss ohne die Hilfe von Feenfrucht ins Feenland gehen, um den Sohn und die Mädchen zu retten und als weitere Aufgabe das Verhältnis der beiden Sphären für immer zu verändern.

Angélica Gorodischer: Kalpa Imperial

Tatsächlich gelingt es Gorodischer mittels ihrer in Raum und Zeit fragmentierten Erzählweise, ihren fiktiven Staat sehr viel glaubhafter vor Augen zu führen, als dies mancher, dem klassischen Worldbuilding verpflichteten, Fantasytext vermag. Zwei Tricks helfen ihr dabei, die ich schon einmal generell als beinahe Notwendigkeit des fantastischen Erzählens postuliert hatte: Fluide Geographie und fluide Zeitlinien. Besonders in den längeren Stories erzählt Gorodischer so, als lebte der Leser selbst in dem namenlosen Imperium. Lokalitäten, spirituelle Konzepte, Personen werden angeschnitten und wieder fallen gelassen; ähnlich wie man etwa in einem Roman über das Berlin der Zwanziger den Namen Stresemann fallen lassen könnte, ohne erst lexikonartig erklären zu müssen, wer dieser Mann eigentlich war. An anderer Stelle werden diese Dinge dann vielleicht wieder aufgegriffen oder auch nicht. Und kaum je berichten zwei Geschichten auch nur einmal das Gleiche über einen Sachverhalt. Der Leser füllt sich die gigantischen Lücken, die Kalpa Imperial lässt, selbst; die Welt scheint zu wachsen, zu leben, zu atmen, und unter den neugierigen Blicken des Lesers schon wieder zu zerfallen. Von diesem Imperium gibt es keine fein säuberlich gezeichneten Karten, und keine ausgearbeiteten Chroniken, die man en Detail auf Wikipedia nachlesen könnte. Gerade das lässt sie glaubhaft erlebbar werden, im krassen Gegensatz zu manch anderer zeitgenössischer Baukasten-Fantasywelt. Um das Leseerlebnis (das übrigens Ähnlichkeiten zu Le Guins erstem Earthsea-Roman aufweist) vollends zu genießen, darf man kein Cherry Picking unter den einzelnen Geschichten betreiben. Daher ist Kalpa Imperial als in sich geschlossenes Werk zu betrachten.

Esther Rochon: Der Träumer in der Zitadelle

Doch auch erzählerisch macht Rochons einziger auch auf Deutsch übersetzter Roman einen starken Eindruck. Im ersten Kapitel bekommt der Leser eine dichte Barszenerie vor Augen gestellt. Ein stellenweise mysteriöses Gespräch zwischen einem Mann, der behauptet auf einem fernen Archipel Jahre damit verbracht zu haben einen Tempel, der die Statue des Meeresgottes Haztlén beherbergt, so zu versiegeln, dass niemand in betreten kann, und einer jungen Lebedame deren größtes Problem mit dem ungewöhnlichen Tempeldiener erst einmal ist, dass dieser nicht einen Versuch unternimmt sie ins Bett zu bekommen. Mysteriöser noch:

„Der Tempel hatte keine Tür. Ich habe eine konstruiert. Niemand kann sie öffnen“, sagt der Mann, und trägt der Frau auf, viele Jahre später den Herrschern des Staates Vrénalik, in dem wir uns befinden, mitzuteilen, dass man nicht mehr in der Gnade des Meergottes stünde und dieser Verderben über das ganze Reich bringen werde.

Einmauern/Zurückgezogenheit – Hingabe/Offenheit: Diese Begriffspaare gliedern auch im zweiten Kapitel, das die Begegnung aus der Sicht der Frau rekapituliert, das zentrale Thema der Expostion. Die Welt von Vrénalik, in der Der Träumer in der Zitadelle spielt ist dabei so selbstverständlich präsent wie etwa Algerien in Camus‘ L’etranger, und gerade deshalb nur in Anspielungen in ihrer Geografie, ihrem sozialen Gefüge zu erraten. Gedankenfetzen, Gesprächsfetzen der anderen Bargäste lassen eine lebendige mediterane Szenerie vermuten, doch abseits davon steht der Dialog der Unbekannten im Mittelpunkt. Rochon, wird deutlich, erzählt keine Geschichte um eine Welt zu entwickeln sondern eine Geschichte, aus der sich eine Welt entwickelt. So undeutlich und ambivalent wie in nicht fantastischen Romanen auch. Dass ich an Camus denke mag der französischen Sprache des Buches geschuldet sein, doch die vielsagende Knappheit, der Plot, der zugleich Ereignisschilderung und Parabel sein könnte, nicht zuletzt die Absurdität des Szenarios vom verschlossenen Tempel mit der extra zum Zwecke des Nichtöffnens errichteten Tür – all das lässt Spekulationen über einen Einfluss des bekanntesten Sysiphosauslegers zumindest nicht all zu weit hergeholt wirken.