Wer hier in den letzten Tagen mit las, hat es schon mitbekommen: Shani Mootoo halte ich trotz ihres durchaus vorhandenen Erfolges für eine der unterschätzteren Schriftstellerinnen der jüngeren Moderne. Sowohl ihr Debüt Cereus blooms at Night als auch der Nachfolger He Drown She in the Sea hätten mindestens einen der größeren internationalen Literaturpreise verdient gehabt.

Polyphon und zugänglich

Und auch am bisher jüngsten Roman Valmikis Daughter zeigt sich wieder Mootoos Meisterschaft. Geschickt schafft sie es, aus einer einfachen Erzählung zahlreiche sich kommentierende Perspektiven und Zeitebenen zu entwickeln, ohne dass das, wie manch andere moderne Romane, vor allem wie eine Bühne für die Autorin wirkt, ihr Talent zu präsentieren. Ja: beinahe ohne, dass der Leser überhaupt merkt, wie vielschichtig die Erzählung eigentlich ist. Das beeindruckte schon besonders in Cereus Blooms at Night. Dennoch tut man gut daran, sich beim Lesen die Komplexität zu vergegenwärtigen: Denn Valmikis Daughter kennt mindestens zwei Arten von Zeitsprüngen: Den eher auktorialen, dem zumindest eine gewisse Glaubwürdigkeit, was Vergangenes betrifft, zugeschrieben werden muss, und den aus der Erinnerung entwickelten. Der teilt sich nocheinmal auf in innere Erinnerung, die zumindest subjektiv geglaubt wird, aber teils auch vom Erinnernden in Frage gestellt und Erzählung – das modifizieren der Erzählung je nach Situation und Publikum ist ein zentrales Thema des Romans.

Homosexualität und soziale Zwänge

Ebenfalls wie bereits Cereus Blooms at Night dreht sich der Roman unter anderem um homosexuelles/queeres Leben oder Nichtleben in der Karibik, wobei Mootoo erstmals offen Trinidad als Ort der Handlung wählt. Ihre beiden früheren Romane spielten auf fiktiven Karibikinseln. Und ebenfalls einmal mehr verengt Mootoo den Blick nicht auf dieses eine Thema, sondern versucht sich an einem dichten aber breit ausgreifenden Gesellschaftsbild. Auch stilistisch, sprachlich, ist das wieder genial vermittelt. Jedem der vier Hauptteile ist eine in der ungewohnten Du-form verfasste Reise in einen Teil des Karibikstaates vorangestellt, der wild Eindrücke auf den Leser einprasseln lässt, die dann im Hauptteil entwickelt und mit Handlung gefüllt werden. Mootoo zeigt sich auch wieder als Meisterin der Dialekt- und Soziolekt-Gestaltung. Jeder Mootoo Roman bisher wurde zudem an einem Symbol entlang entwickelt. In Cereus Blooms at Night ist das die namensgebende Blume, die gewissermaßen die Blüte des sich irgendwann offen zu seiner Transgender-Identität bekennenden Krankenpflegers antizipiert, in He Drown She in the Sea der Gegensatz von kanadischen Bergen und karibischen Meer, und in Valmikis Daughter wird das Thema des Verschleierns großer Teile der eigenen Identität von den Vögeln symbolisiert, die der Vater Valmiki in Käfigen auf der Veranda hält.

Valmikis Daughter erzählt die Geschichte des männlichen homosexuellen Valmiki, der nicht nur eine Frau heiratet und Kinder zeugt, wie man es von ihm erwartet, sondern auch noch als Playboy regelmäßig halb offene Affären mit anderen Frauen hat (allerdings auch verdeckte mit Männern, von denen er glaubt, dass seine Frau nicht Bescheid wisse). Dass die Tochter Viveka sich wenig weiblich kleidet, relativ stämmig gebaut ist und kein Interesse an Jungs zeigt wird dennoch in dieser Familie mit Sorge zur Kenntnis genommen, auch uns besonders vom Vater (allerdings: nicht, dass sie keine Probleme bekäme, zeigte sie  z u v i e l  Interesse an Jungs – Vivekas vorgegebener Pfad ist schmal). Viveka ihrerseits studiert, versucht sich der (ziemlich übergriffigen) Annäherungen ihres „besten Freundes“ Elliot zu erwehren, will diesen aber auch nicht ganz von sich stoßen, und sucht vor allem auch ihre sexuelle Identität. Dann ist da noch der Freund der Familie Nayan, der verheiatet mit einer sehr attraktiven Französin aus Kanada und Europa zurückkehrt und gerne die väterliche Kakaoplantage umkrempeln würde. Von der Restriktivität Indisch-Trinidadischen Upper Class ist die Französin Anick regelrecht abgestoßen. Sie beginnt eine Affäre mit Viveka. In diesem Spannungsfeld wird neben den offensichtlichen Dingen die gesamte Trinidadische spannungsvolle Sozialstruktur durchgearbeitet, und die Stellung des indischen Teils der Bevölkerung seit seiner Ankunft als indetured Labourers verfolgt.

Nicht ganz so stark wie die Vorgänger

Im Gegensatz zu den Vorgängern hat der Roman ein paar kleinere Unwuchten. So führt Mootoo hier erstmals eine Figur ein, die quasi als Sprachrohr der Autorin dient: Viveka kann schon das ein oder andere Mal in einer eher ausholend-essayistischen Tonfall verfallen. Allerdings geschieht das selten genug und die Protagonistin ist gebrochen genug, als dass es im Roman glaubwürdig bleibt. Dennoch, gesellschaftliche Konflikte wurden zB in Cereus Blooms at Night stärker erzählerisch entwickelt.

Störender wirkt, dass ausgerechnet der arrogante Nayan im Gespräch mit Viveka eine mehrere Seiten lange Selbsterkenntnis in den Mund gelegt bekommt, die höchst kenntnisreich die besondere Verlorenheit der sich an ihrem Indisch-sein festklammernden, von indischer Kultur allerdings wenig wissenden Trinidader „Inder“ analysiert und zugleich auch noch die Kompensationsfunktionen des einheimischen Machismo für persönliche un historische Kränkungen bennent. Kluge Betrachtungen, die allerdings aus ausgerechnet diesem Mund einfach zu durchanalysiert wirken, wie ein eingeschobener Essay, für den sonst kein Platz gefunden wurde.
Auch dass Handlungsstränge (die Homosexualität des Vaters, die Übergriffigkeit Elliots), über lange Strecken des Buches vergessen, nicht weiter entwickelt werden, weil plötzlich das Dreieck Viveka-Nayan-Anick deutlich interessanter erscheint, kennt man so von Mootoo nicht. Daher landet Valmikis Daughter unter den jeweils relevanten Romanen Mootoos dann bei mir auch „nur“ auf den dritten Platz.
Dabei bleibt es ein hoch lesenswertes Buch, und ich kann allen, die es bisher verpasst haben, das Gesamtwerk dieser Autoren nur nahe legen.

 

Bild: Pixa, gemeinfrei