Möglich, dass dieser Roman ein paar generelle Gemeinsamkeiten mit „The Color Purple hat“, wie auf Amazon gemeckert wird. Die erstrecken sich aber auf kaum spezifische Plotdetails: In beiden Romanen gibt es Schwestern, die sexuelle Gewalt erfahren, eine flieht, eine bleibt beim Peiniger. Das ist aber auch schon alles. Meine Güte, als müsste man sich, um so eine Situation zu erzählen, bei anderen Autoren bedienen!

So elegant, man nimmt die Komplexität kaum wahr

„Cereus Blooms at Night“ beginnt etwas schwerfälliger als Shani Mootoos Meisterwerk „He drown she in the Sea“. Die ersten 20-30 Seiten aus dem Leben des Pflegers Tyler lassen die sprachliche Brillanz, die Bildhaftigkeit und die Leichtigkeit, mit der Mootoo Szenen zeichnet vermissen. Danach aber ist der Roman auf Höhe mit späteren Werken. „Cereus Blooms at Night“ erzählt in geschickt verschachtelter Weise die Geschichte eines Verbrechens, die Wendung zum Schluss ist nicht ganz überraschend, aber so schockierend, wie sie folgerichtig ist.
Und so elegant erzählt Mootoo (aus der Perspektive des Krankenpflegers, der die Vergangenheit der des Mordes am Vater beschuldigten Mala Ramchandin rekonstruiert, die sich in den Wahnsinn geflüchtet hat), dass man kaum merkt welch komplexer Erzählung man folgt! Es beginnt damit, dass der adoptierte Chandin wie ein typischer Held mit schwerer Kindheit aufgebaut wird, dem sich nun bei der neuen Familie neue Chancen eröffnen. Man fühlt mit ihm, als die Ehefrau, die für ihn nur „zweite Wahl“ ist, Chandin ausgerechnet für die geliebte Adoptivschwester (die „erste Wahl“) verlässt. Fühlt mit ihm, obwohl er da schon mehrfach seine finstere Seite gezeigt hat.

Als allein erziehender Vater wird Chandin zum Monster, missbraucht Mala Ramchandin und die Schwester, die irgendwann flieht. Und da ist ein drittes Mädchen, PoohPooh, deren Verhältnis zu Mala erst spät klar wird… Weitere wichtige Personen aus dem Leben Malas werden mit der Zeit als Besucher im Pflegeheim eingeführt und Stück für Stück mit der Erzählung aus den Rückblenden synchronisiert…

Eine der ganz Großen

Alles in allem kommt „Cereus Blooms at Night“ vielleicht nicht ganz an „He drown she in the Sea“ heran. Dennoch bleibt Shani Mootoo ihren Erfolgen zum Trotz für mich eine der unterbewertetsten Autorinnen der Weltliteratur. Sie schreibt auf Augenhöhe mit den ganz großen Modernen, besonders denke ich an Arundathi Roy. In der Spitze vielleicht nicht ganz so genial, aber dafür auf durchgängig hohem Niveau.
Bemerkenswert ist auch die selbstverständliche Art und Weise, wie dieser Roman gleichgeschlechtliche Liebe und Transsexualität behandelt.