Aufgrund des großen Interesses an der Musik von Freunden, u.a. der Lektüre von Werken der Harlem Rennaissance und früher im vergangenen Jahr Toni Morrisons Jazz (sowie, weil ich sowieso Bildungslücken gerne schließe) habe ich mich in den letzten Monaten recht intensiv mit Jazz auseinandergesetzt. Hier möchte ich einige Alben und Musiker vorstellen, die mir besonders zusagen. Der frühere, allgemein-kunsttheoretische Artikel wurde auch mit dem Hintergedanken veröffentlicht, hier nicht noch einmal Grundlagenarbeit dahingehend leisten zu müssen, auf welcher Basis geurteilt wird. Es sei daran erinnert, dass aus allgemeinen, an Werken entwickelten, ästhetischen Grundsätzen nicht folgt, dass über Neues rein nach dem Schema des Alten geurteilt wird. Davor steht stets das sich einlassende Nachvollziehen, dass verstehen wollen der je besonderen Werkstruktur. Ich wiederhole das, weil es unten noch mehrfach wichtig werden wird.
Erklärungen erfolgen also knapp mit Hinblick auf den oben verlinkten Text.

Wenn Jazzfreunde unabsichtlich Adorno Recht geben

In meiner Besprechung von Das Jazzbuch habe ich bereits auf die interessante Tatsache hingewiesen, dass nicht wenige Jazzfreunde unwillkürlich ausgerechnet den vernichtenden Jazzessay Adornos zu spiegeln scheinen, indem sie Jazz affirmativ als affirmative Kunst fassen (während Adorno, allerdings in Unkenntnis der noch kommenden Entwicklung, die manchen Free Jazz heute partiell mit Neuer Musik im Sinne Adornos engführt Jazz kritisch als affirmative Kunst fasste). Ich denke, ich bin mittlerweile so weit, mit großer Überzeugung sagen zu können, dass beide zum Glück falsch liegen. Mögen auch wie in allen Künsten die Produktionen des Jazz in der Breite im besten Falle etwas komplexere Zerstreuung bieten, es finden sich ein paar gute Hände voll Meisterwerke, die gerade auch im Sinne der Kritischen Theorie den Verblendungszusammenhang dessen, was ist, sprengen, die jene schwer zu greifende Synthese von neuem Erfahren, Fühlen und Erkennen ermöglichen, die Kunst in ihren seltenen Höhepunkten ausmacht.

Jazz, verteidigt

Ein paar kursorische Gedanken, was solche Jazzstücke fortschrittlicher Musik hinzuzufügen haben: Eine Integration von strukturellem Entwurf (Komposition) und Spontanität (Improvisation) also mit Adorno gesprochen ein stetes Aktualisieren der Frage „Wie kann ein Ganzes sein, ohne dass einem seiner seiner Teile Gewalt angetan wird?“ Die Erweiterung der freien musikalischen Gestaltung eines Stückes auf Klangfarbe und Tonerzeugung, Momente der Musik, die die europäischen musikalischen Avantgarden, die sich aus der Klassik herausbildeten, größtenteils unberührt ließen. Ein Bewusstsein dafür, dass freie Atonalität und Harmonie, sowie freie Atonalität u n d Tonalität sich gegenseitig nicht ausschließen müssen, dass ein Wechsel zwischen den Verfahrensweisen innerhalb eines Stückes möglich ist und ein Anlehnen an Traditionen nicht per se ehrenrührig. Ein insgesamt derzeit mE sogar größerer Formwille, der sich sowohl aus der jungen Geschichte des Jazz wie vielleicht auch aus dem relativ großen, breit gefächerten Publikum erklären lässt: Selbst die wildesten Jazz-Improvisationen/Kompositionen haben sich in einer stärkeren Weise dem Publikum und einer noch relative bewusst gehaltenen Tradition zu stellen, leben derweil weniger stark von staatlicher Förderung und einem elitären Kreis von Mäzenen. So balancieren avancierte Jazzkompositionen mit beeindruckender Beharrungskraft zwischen geschlossener Form und totaler Auflösung, wo die (post)klassische Musik heute oft in Restauration längst überkommener Form einerseits und in höchstens noch theoretisch bestimmbare Form andererseits zu zerfallen scheint.

Und zuletzt von der Seite des Rezipienten gesprochen: Aggressivität, Wut, Wildheit, die nicht zum Habitus erstarrt. Selbst die kompositorisch wildesten klassischen (bzw. neu-musikalischen) Werke sind (s.o.) auf der Ebene der Reinheit des Klangs schrecklich gesittet, während Emotion im Pop all zu oft zur reinen Geste wird. Keineswegs soll damit dem unmittelbaren oder gar „authentischen“ Ausdruck des Emotionalen als künstlerischer Wert das Wort geredet sein, vielmehr dessen ästhetischem fruchtbar Machen: Anspruchsvoller Jazz findet auch hier regelmäßig eine durchaus adäquate Balance zwischen Aufschrei und Sublimation. Kunst, die aus dem Zerbrochenen ein Ganzes formt ohne die Brüche mit Zuckerguss zu verkleistern.

Es folgen einige Werke, die ich nach dem u.a. lektüregeleiteten Hören (und Hinweisen größtenteils aus Onlineforen), bzw. nach teils mehrfachem Durchhören von gut 200, vielleicht auch 300 Alben und anderen Großkompositionen sowie Live-Auftritten für besonders bemerkenswert halte (und die entsprechend auf meine regelmäßige Playlist gewandert sind):

Quellen, von denen aus verschiedenen Pfaden durchs Netz gefolgt wurde:
Basis-Diskothek Jazz, Rald Dombrowski
Das Jazzbuch: Von New Orleans bis ins 21. Jahrhundert, Joachim-Ernst Berendt
All that Jazz, Michael Jacobs

John Zorn/Masada Quartett, besonders: News for Lulu

In John Zorns Werk bin ich mit einigen seiner Produktionen als führender Kopf der New Yorker Avantgarde der siebziger Jahre eingestiegen. Clangcollagen, die in einem Moment nach einem Verkehrskollaps auf dem Long Island Expressway klingen können und im nächsten in ein relativ orthodoxes Saxophonsolo übergehen. Relativ viel, was vor allem für den Schock produziert scheint, aber durchaus nicht ganz ohne Formwillen und mit Potenzial. Wirkliche stark und hörbar wird Zorn dann vor allem mit dem Masada-Quartett, das die als Avantgardist gemachten Erfahrungen mit der Jazztradition und jüdischen Musiktraditionen integriert. Stark die ersten 4-5 Alben des Masada-Quartetts, herausragend das davon unabhägige (aber klanglich nicht unähnliche) Trio-Album News for Lulu. Eine Improvisation über Hard-Bop-Themen allein mit Gitarre, Saxophon und Posaune, die zwar was Dissonanz, Tonhöhe und Klangfarbe betrifft an die Schmerzgrenze geht, aber doch immer wieder zum Harmonischen und Melodischen zurückfindet, ohne dabei freilich die Dissonanz stets harmonisch aufzulösen. Aufgrund der fast durchgängig relativ hohen Register allerdings nicht in jeder Lebenslage hörbar (Kein Katersound!).

Ornette Coleman: Live at The Golden Circle

Ein Live-Album des (Mit)Begründers des Free Jazz, das die Balance zwischen Zerstörung und Wiederaufrichtung musikalischer Form findet. Sicherlich nicht konservativ und ebenfalls in einigen Momenten bis an die Schmerzgrenze dissonant, dennoch aber meist swingend und die Auflösung der Formen in einer größeren Form wieder auffangend. Darin vielleicht nicht ganz so konsequent wie News For Lulu, dafür musikalisch vielschichtiger.

Auch wer mit der berühmten Kollektivimprovisation des Doppelquartetts, Free Jazz (s.u.), noch wenig anfangen kann, dürfte hier Zugang finden. Mit Einschränkung gilt das auch für die beiden Alben vor Free Jazz: The Shape of Jazz to Come und Ornette!. Sehr stark  u n d  zugänglich ist noch In all Languages aus Colemans später Funkphase, das klassische Jazz-Quartett-Aufnahmen und funkige Versionen von Stücken gegeneinander stellt. Herausragend: „Feet Music“ (Prime Time Version)

Anthony Braxton: Verschiedenes aus New York, Fall, den Montreux/Berlin Konzerten, Szabraxtondos, Memorys of Vienna

Verschiedene Aufnahmen, mit denen ich teils Zeit brauchte, warm zu werden. Aber mit etwas Einhören offenbart sich das vielschichtige Werk Anthony Braxtons nicht nur als ein Höhepunkt des Jazz sondern vielleicht sogar als der Höhepunkt avancierter Musik ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Etwa dieser Ausschnitt aus seinem Livekonzert in Montreux 1975, der sich nicht auf dem Montreux/Berlin Album zu finden scheint. Die „Streitgespräche“ von Saxophon und Trompete reißen mit, bis sie, was man Musik zu nennen gewohnt ist, geradezu zerreißen, um doch wieder zusammen zu finden und den nächsten Höhepunkt aufzubauen. Ähnlich besonders die erste Hälfte des NY, Fall Albums, das in der zweiten Hälfte von sehr langsamen, jede einzelne Note mit bedacht setzenden Kompositionen ausbalanciert wird, die an klassisch-atonale Musik anklingen. Es gibt bei Braxton sicher einige Griff ins Klo, Saxophonsoli etwa, in denen sich zwei Virtuosen in ihrer Musik minutenlang nur anzupfurzen scheinen, doch das Gelungene schafft spielend den Brückenschlag zwischen hörbar, ja, beinahe tanzbar, und weltbewegend.

Relativ entspannender melancholischer Jazz mit wenigen „Missklängen“ ist dagegen Memorys of Vienna sowie das meiste, das Braxton In the Tradition großer vergangener Musiker spielt (u.a. Charlie Parker)

Und dann ist das noch Szabraxtondos (zum Einstieg vll den 2. Titel zuerst hören!), die Kooperation mit dem ungarischen Pianisten György Szabados (Besprechung), die noch einmal eine ganz andere Form von Musik ins Spiel bringt. Braxton stellt Szabados in seiner musikalischen Bedeutung in eine Linie mit Bartók.

Soweto Kinch, verstreutes

Apropos tanzbar und weltbewegend. Das trifft auch auf die instrumentalen Werke Soweto Kinchs zu (wobei der stärker auf die tanzbare Seite fällt). Vom Saxophon dominierter Jazz, der keine Berührungsängste mit Elektronik kennt, und so mehrstimmige Klanggebilde auch mit wenigen Instrumenten erzeugt. Geloopte Saxophonsoli gegen sich selbst, ein harter Beat, den man auch spürt, wo bei genauerem Hinhören gar kein Beat schlägt. Man könnte Stücke wie „Neverending“ oder „The Engine Drivers“ vielleicht unter die nächste Partyplaylist mischen, ohne dass das Publikum meckert. Einige Zuhörer aber würde diese Musik sicherlich nicht unverändert wieder fahren lassen. Kinch zeigt, das unmittelbar Genuss und große Kunst in keine Antagonisten sein müssen.

Allerdings: Sobald sich Hip Hop ins Werk mischt, kann ich Kinch nicht mehr hören. Deshalb findet auch kein komplettes Album den Weg in die Liste.
Nicht, weil ich per se etwas gegen Konzeptalben mit Sprechpassagen hätte, sondern weil der Hip Hop hier so sehr im Habitus, nunja, des Hip Hop eben, erstarrt, im Gegensatz zu Kinchs Instrumentalmusik keinerlei Innovationen zeigt, die Texte relativ platt-preachy sind und zudem, wann immer die Stimme ins Spiel kommt, auch die musikalische Komplexität zu leiden hat. Aber vielleicht tut sich auch in diese Richtung noch etwas und Kinch legt irgendwann ein Album vor, auf dem Text und Musik tatsächlich auf gleicher Höhe agieren. Bis dahin hat er immerhin schon einige der faszinierenderen instrumentalen Stücken des neueren Jazz geschaffen.

Dave Holland Quartett, Conference of Birds

Conference of Birds des Dave Holland Quartett ist wahrscheinlich das im klassischen Sinne polyphonste Werk, das mir in der Beschäftigung mit Jazz bisher unterkam. Es zeigt den größten Freiheitsgrad der einzelnen Simmen, ohne dass Harmonie per se bzw. durchgehend verworfen würde. Es überrascht kaum, obwohl ich es erst nach einem knappen Monat regelmäßigen Hörens festgestellt habe, dass hier wiederum Braxton (als Flötist) seine Finger im Spiel hat. Auch Sam Rivers (s.u.) ist mit dabei. A Conference of Birds ist ein Werk der Kontraste, vom soweit das in einer Improvisation möglich ist klassisch-fugalen Titelstück bis zum absolut frei-chaotischen Q&A. Das Schlussstück „SeeSaw“ schafft es, beide Extreme zusammenzuführen und ist wie auch der Auftakt 4 Winds wiederum ein (ja: anstrengender) Hochgenuss.

John Coltrane, Ascension

Coltranes spätes Free-Jazz Experiment Ascension habe ich auch relativ spät in diese Liste aufgenommen. Ich habe die Kollektivimprovisation bestimmt drei, vier oder auch fünf mal angefangen und an verschiedenen Stellen abgebrochen, ehe ich sie zum ersten Mal durchhören konnte und alle Momente plötzlich an die richtigen Stellen zu fallen schienen (Da mag das Heranhören über das Art Ensemble of Chicago und Braxton geholfen haben).
Das als besonders extremes Beispiel, dass das Urteilen über Kunst nicht nach dem Prinzip „reinhören, mit dem vergleichen, was man bisher zu hören gewohnt war, aburteilen!“ funktionieren kann. Man schneidet damit genau die eigentliche Kunsterfahrung ab, übrigens genau die Erfahrung, die in der ersten Phase der Kunstfremd- und Kunstselbsterziehung seit der Kindheit auch abgelaufen ist, und wiederholt werden will, soll eine der eigenen Prägung bisher abseitige Kunstwelt erschlossen werden (der Bildungsbürger, der den späten Beethoven liebt, hat ihn sich auch, wenngleich vielleicht unbewusst, erarbeitet: Dem mit DJ-Bobo großgewordenen Dorfkerb-Kind werden die Hammerklaviersonate oder das 14. Streicherquartett zuerst auch (und nicht zu unrecht) konfus erscheinen.

Was an Ascension dann fasziniert, ist, wie viel Harmonie im Chaos steckt, wie viel, platt gesprochen, „Musik“ im scheinbar unstrukturierten Nebeneinanderspiel. Dass nämlich in jedem Moment die Einzelstimmen musizieren, über lange Phasen aufgebaute und durchgeführte Strukturen spürbar werden, die zwar in starkem Spannungsverhältnis zueinanderstehen, aber nicht mehr unverbunden wirken. Da heraus schälen sich dann immer wieder Passagen von mitreißender Klarheit. Das ist vielleicht dieses Stück Mehr an gestalterischer Kraft in der Freiheit gegenüber anderen ganz freien Improvisationen: Die integrierende Vision eines Musikers, der zuvor eher als behutsamer, doch systematischer, Reformator mit teils konservativem Einschlag aufgetreten ist, denn als Revolutionär, die Ascension z.B. über das berühmtere Colemansche Free Jazz heraushebt, wo nach anfänglicher Irritation sich eigentlich vor allem traditionell swingende und boppende Momente über einem einfachen Generalbass zeigen, wobei einzelne Stimmen vor allem kurzfristige Akzente setzen und das Gesamtwerk vergleichsweise redundant wirkt.
Auch gegen eine andere Koryphäe des Free Jazz, Archie Shepp, sticht Ascension heraus. Dessen Sechziger-Jahre-Alben kombinieren zwar auch immer wieder sehr freie Passagen, die sich in ihrer Wildheit mit dem wildesten von Coleman messen können, mit stark formal gebundenen Jazzklängen, doch findet hier wenig Durchdringung statt. Die Passagen stehen nebeneinander, gerade noch wird von Einem ins Andere übergeleitet, ein Album als Einheit entsteht kaum.

Der Weg, den Coltrane hier eingeschlagen hat lohnt es sich durch das Werk seiner Frau & Ensemblemitglied Alice weiter zu verfolgen.

(Trotzdem): Ornette Coleman, Free Jazz

Auch hier hat mich das eigene Hörerlebnis überrascht. Nach der Ascension-Offenbarung (s.o.) bin ich auch nochmal zu diesem Album zurückgekehrt, an dem ich mich ganz zum Einstieg meiner Recherchen schon einmal versucht hatte. Und damals noch gab mein Gehör dem ersten Kommentar auf YouTube „like a junior high band before the teacher gets in the room“ absolut recht. Mittlerweile erscheint mir Free Jazz dagegen beinahe einfach. Die Einwände wurden im Eintrag zu Ascension bereits genannt, positiv gewendet ließe sich auch sagen, dass man hier bei gleichzeitiger Herausforderung an die Wahrnehmung durchaus cool mitswingen kann.

Wenn ich übrigens davon spreche, dass mit zunehmender Höhrerfahrung die Töne, Stimmen, Rhythmen plötzlich als „an ihrem Platz“ erfahren werden, meine ich damit kaum ein intellektuelles Nachvollziehen, dass man sich also zB über eine Transkription beugt und sagen kann: „Aha, hier wird das gemacht, diese Passage ist so gedacht, und weil ich sehe, dass man dafür ein Verständnis von Harmonik braucht und seine Instrumente beherrschen muss, halte ich das für gut“. Nein, ich schwöre: Dazu würden meine Musik-Grundkurs-(Un)Fähigkeiten des Notenlesens niemals hinreichen. Die Werke hören sich mit der Zeit tatsächlich anders an, die Struktur wird fühlbar bis hin zu dem unerwarteten Moment, dass man sich sein früheres Erlebnis kaum noch erklären kann. Ganz ernsthaft: Ich habe die Browser-Chronik durchforstet und die Kommentare nochmal gelesen, nur um sicherzustellen, dass ich mittlerweile nicht aus Versehen ein anderes Album höre, das Youtube mir als Free Jazz unterjubelt.

Cecil Taylor, Conquistator

Als drittes in der Reihe „spät damit warm geworden“: Cecil Taylors Conquistator: Im Vergleich zu den beiden vorher besprochenen instrumental deutlich reduziert, dafür melodisch und rhythmisch mit den dauernden Verschiebungen von Bass, Piano und Bläsern gegeneinander sehr herausfordernd, gleichzeitig harmonischer als Anderes, das ich von Taylor gehört habe.

Sam Rivers, u.a. Colors, Dimensions + Extensions

Rivers erinnert ein wenig an Braxton mit Handbremse (Colors), spickt seine multinstrumentalen Aufnahmen dafür mit Rhythmusverschiebungen und Dissonanzen, die von Dolphy (s.u.) stammen könnten (z.B. Dimensions) . Die beiden genannten Alben sind eine relativ zugängliche Gratwanderung zwischen freien und gebundenen Formen, mit stärkerer Tendenz zum Gebundenen.

Andrew Hill, zb Compulsion oder Dance with Death

Vielstimmiger Jazz, der immer mal wieder an der Grenze zur Auflösung der musikalischen Form kratzt, dabei aber vergleichsweise eingängig, oft sogar angenehm bleibt. Dennoch, besonders rhythmisch, komplex, wobei das Klavier immer wieder sich der Rhythmusgruppe zugesellt scheint, während Bläser oft spärlich und teils selbst rhythmisierend im Hintergrund eingesetzt werden.

Gunter Hampel Quintett, Heartplants

Jazz zwischen „Free“ und tonal-polyphon, der mich, in seiner weitgehenden Hörerfreundlichkeit auch für Traditionalisten, an Hill (s.o.) erinnert.

Eric Dolphy, Out to Lunch

Auch Dolphy balanciert zwischen Freiheit und Tradition, besonders in Out to Lunch gelingt das auch vorzüglich. Komplexe variable Rhythmen, Saxophon und Trompete in gegeneinander verschobener Harmonik, erzeugen ein relativ langsames Klanggefüge, bei dem wirklich jede einzelne Note zählt.

Duane Tatro: Jazz for Moderns

Relativ smoother polyphoner Jazz, durchaus angenehm zu hören, mit wenigen Dissonanzen, doch voller komplexer Klangefüge.

George Sharing: Out of the Woods

Sanfter, oftmals fugaler Jazz. Auf den zweiten Blick komplexes „Easy“-Listening.

Old and New Dreams, Old and New Dreams

Ein sich (moderat) in die Tradition von Ornette Coleman stellendes Ensemble, das dessen Vielstimmigkeit allerdings in deutlich geordneter anmutende Formen überführt. Besonders das erste der beiden ebenfalls Old and New Dreams betitelten Album ist herausragend. Von dem Auftakt „Handvoven„, der, dem Namen entsprechend, ein dichtes Gewebe aus harmonischen und disharmonischen Klängen knüpft bis zu „Chairman Mao„, dem Titel zum Trotz eines der schönsten mir bekannten Trompetenstücke.

Charles Mingus: The Black Saint and the Sinner Lady

Zu einem Album, über das schon so viele Experten geschrieben haben, kann ich mich als Nicht- Experte wohl kurz fassen. The Black Saint and the Sinner Lady ist das einzige Big-Band Album, das ich mehr als „nett“ finde. Der für Big-Band-Sound krasse Freiheitsgrad der Instrumentalisten, das dennoch durchkomponiert wirkende Werk, das sich durch die einzelnen Tänze dieses ins Ekstatische ausgreifenden „Ballets“ immer weiter steigert, das ist im Sinne des Wortes atemberaubend. Von Mingus gibt es noch einige (viele!) Alben, die man immer mal wieder auflegen kann, doch dieses hält nicht nur der Musiker selbst zurecht für sein Bestes.

Honrable Mentions:

Zumindest erwähnen möchte ich noch einige fugale Stücke, besonders die „Fugue on Bop Themes“ von Dave Bruback (und dessen Album Time Out) und die Fuge von Jimmy Giuffre, denen es gelingt den Sound der Fünfzigerjahre in eine relativ komplexe Form zu überführen. Gleiches gilt für Duke Ellingtons „Fugeaditty„.
Auch einen Blick wert ist das berühmte Art Ensemble of Chicago, dessen Werke allerdings teils auf reine Provokation ausgelegt scheint. Dazwischen finden sich aber auch balanciertere Free-Jazz-Improvisationen wie „Charlie M“ oder „Barnyard Scuffle Shuffle„, in gänze hörenswert sind die Alben Les Stances a Sophie, Art Ensemble of Chicago with Fontella Bass, Phase One und Nice Guys (und womöglich weitere, ich arbeite mich noch durch das Gesamtwerk).
Noch etwas gehörfreundlicher als Tatro und Old and New Dreams sind verschienene Alben von Ravi Coltrane, die dennoch einige herausfordernde Höhepunkte bereithalten. Ebenfalls wunderschön: Die „Imaginäre Folklore“ von Charms of the Night Sky. des weiteren möchte ich nicht beschreiten, dass eines Session mit zB Braxton oder Coleman tatsächlich auch auslaugt. Als Balance höre ich gerne die Trompeter Erik Truffaz und Matthias Eick, Miles Davis Alben Sorcerer, Miles Smiles oder Sketches of Spain , diese wundervolle Aufnahme des Wolfgang Muthspiel Quintets, das Bruninghaus/Schoof-Album „Shadows & Smiles“ und Tomasz Stanko in seinen verschiedenen Formationen.

Bild: Pixa, gemeinfrei