Puh… was passiert hier? Der Wilde Detektiv von Jonathan Lethem fängt für einen Roman, der mit dem Brecheisen seine Zeitgenossenschaft beweisen möchte (man lese dazu nur den Klappentext), eigentlich gar nicht so schlecht an. Die Geschichte von Phoebe Siegler, die in Kalifornien die Tochter einer Freundin sucht, und dazu mit dem „Wilden Detektiv“ Charles Heist zusammenarbeitet, wird ohne viel Vorgeplänkel eröffnet, all die zeitgeistigen Verweise (Donald Trump lebt! Leonard Cohen tot!) werden eher nebenbei eingestreut, der zweite Hauptcharakter muss nicht, wie es in solchen Büchern oft der Fall ist, erst lange gesucht und umworben werden, Lethems Stil ist ansprechend, temporeich, wenn auch nicht unbedingt etwas Besonderes.

Und dann wird die Protagonistin plötzlich ständig aus den unterschiedlichsten Gründen geil!? Schon kurze Zeit nach dem Zusammentreffen mit dem „Wilden Detektiv“ drehen sich ihre Gedanken eigentlich nur noch darum, wie man ihn ins Bett bekommt, und in Gesprächen mit Freunden/Bekannten/Unbekannten ist einer der ersten Gedanken immer „hast du ihn gefickt?“ Es dauert dann auch nicht lange, bis die erste explizite Sexszene mit dem wilden Detektiv ansteht, der natürlich etwas ganz besonderes ist: Männlich, hart, der prototypische Wilde Mann, doch das Herz auch am rechten Fleck. Das geht dann so richtig ab [meine launischen Anmerkungen]:

„Er war nicht beschnitten, auch so was, was ich sonst nicht mochte und jetzt doch, dieses herrliche Freilegen seines austernroten wulstigen Selbsts [Ja, die Eichel ist anscheinend sein Selbst!]. Ich nahm ihn in den Mund, nur die pulsierende Spitze. Dann saugte ich richtig, lutschte ein bisschen, bis er sich aufbäumte, in Jessies Fell stöhnte [Das ist einer von mehreren Hunden, die irgendwie auch dabei sind] und ich plötzlich den Mund voll hatte. So oft hatte ich mich abgewendet und es einem Mann mit der Hand gemacht. Hier nicht. Ich wollte, was er hatte, oder war betrunken genug. Süß hinter dem Salz, ein Vegetarier [!], sagte ich mir (…)

(…) das war mein erstes Mal seit der Wahl. War das übertrieben? Klar, in den Zombiewochen der Obama-Regierung [Yeah, talk political to me, baby!] hatte ich es mir nachts oder morgens unter der Dusche ab und zu halbherzig selbst gemacht, ohne dem groß Beachtung zu schenken. Aber Orgasmen waren bei mir keine Lappalien. Die Reise zu einer Person, die sich die in der Gemeinschaft anderer erlaubte, war ein privates Epos gewesen [was für ein Satz!]. Für mich war es alles andere als selbstverständlich, dass solche Vergnügungen jenseits des neoliberalen Traums [mehr Politik, hurra!] zu haben sein würden.“.

Natürlich, Sexualität hat ihren Platz in der Literatur. Von mir aus auch gerne plastisch geschildert – obwohl nur ganz selten Autoren dabei nicht die Grenze zum Kitsch überschreiten. Aber hier kommt das alles so total aus heiterem Himmel. Niemals wird die Anziehungskraft des Wilden Detektivs irgendwie plausibel gemacht, sondern höchstens in plumpen Sätzen von der Icherzählerin behauptet. Da ist keine Spannung, kein Knistern, nicht mal das heftige, unnuancierte, reiner beiderseitiger Geilheit.

Tatsächlich wirkt Der wilde Detektiv in solchen Momenten wie eine klassische Männerfantasie, maßgeschneidert für den „modernen“ Mann, der sich nach archaischem sehnt. Vorgestellt wird eine ebenso moderne Frau: Selbst sehr aktiv in ihrem Begehren, auch linksliberal, angezogen vom guten alten jagenden, grillenden Waldläufer/Handwerker/Macho/Bär, der aber, damit das ganze dann nicht zu sehr mit dem liberalen Wertesystem kollidiert, zugleich auch noch Vegetarier und Tierretter sein muss (und charismatischer Häuptling einer Art Aussteiger-Kommune!).
Dabei ist das Problem nichtmal unbedingt im Inhalt zu verorten – die Gedanken sind frei und Phantasien zum Glück und zurecht vielfältig – aber Mrs Sieglers Phantasien präsentiert Lethem in einer Weise, die sie niemals plausibel wirken lässt. Das ganze liest sich wie eine Männerphantasie darüber, wie Frauen phantasieren, realtiv grob der weiblichen Protagonistin in Hirn und Mund gelegt und ist dabei in einer so aufgesetzten Weise in den Text montiert, dass man sich manchmal fragt, ob man nicht gerade aus Versehen von Die Drei Fragezeichen auf den Ab-18-Kanal geschaltet hat.
Wirklich eine komische Mischung, die der Geschichte auch im Ganzen nicht gut tut. Die liest sich ansonsten durchaus locker, halbwegs spannend, wenn auch die Trump- und Cohen-Bezüge mit der Zeit eher aufdringlicher werden, und tatsächlich vor allem der Verortung innerhalb der aktuellen Nachrichtenlage zu dienen scheinen.

Kann man das lesen? Wenn man sich von den wirklich strange eingebauten Sexszenen und Phantasien nicht stören lässt, von mir aus. Muss man das lesen? Eher nicht. Zu diesem Schluss kommt übrigens auch die Mehrheit der englischsprachigen Amazon-Rezensionen. Hier die mE treffenste.

Bild: Pixa, gemeinfrei