Definitiv ist Platz an der Sonne von Christian Torkler einer dieser Pageturner. Zumindest am Anfang. Das hatte ich gar nicht erwartet, denn eigentlich handelt es sich dem Szenario zum Trotz um ein relativ gewöhnliches Stück Trümmerliteratur. Junger Mann versucht seinen Weg in einer Nachkriegsgesellschaft zu machen. Auch stilistisch ein 08/15-Text, in der ersten Person erzählt, schrecklich chronologisch und dabei wirklich keinen einzigen Schritt auslassend. Aber die Handlung vermag durchaus zu fesseln, die Reihung von Gelegenheitsjobs, sich hocharbeiten, eigenes Unternehmen usw. ist in jedem Fall interessant, was ja schon mal viel wert ist.

Und auch das Szenario (Europa ist nach einem dritten Weltkrieg heruntergewirtschaftet, Deutschland in Kleinstaaten zerfallen, die neue Supermacht ist ein in seiner politischen Form nicht näher ausgeführtes „Afrika“ in das auch viele Europäer fliehen) funktioniert – zumindest auf der deutschen Seite. Torkler schafft es einerseits glaubhaft, ein Nachkriegsdeutschland darzustellen, das eher einem Entwicklungsland gleicht, das sich andererseits aber immer noch sehr typisch deutsch anfühlt. Bürokratisch, überkorrekt, die perfekte dystopische Mischung aus den Plagen des Verfalls und der Misswirtschaft, ohne die unternehmerischen Freiheiten des Durchwurstelns, die das sonst oft mit sich bringt.

Die globale Perspektive dagegen überzeugt überhaupt nicht. Dass ausgerechnet „Afrika“ zur Supermacht und zum Sehnsuchtort wird, scheint nur dazu gedacht, den Deutschen einen Spiegel vorzuhalten. Kein Gedanke wird daran verschwendet,  w i e  die in kürzester Zeit errungene, politisch scheinbar halbwegs einheitliche, Prosperität dieses vielfältigen Kontinents plötzlich zustande kommt, oder wieso nicht angesichts der Weltlage, von der der Roman abweicht (der Scheidepunkt dürfte ungefähr in den späten Vierzigern liegen, da waren viele afrikanische Staaten grade erst „dekolonisiert“) die USA oder besonders China als potentielle Weltmächte bereitstehen. Womit nicht gesagt sein soll, dass das nicht denkbar wäre.

Einige all zu offensichtliche Fragen: Warum werden die afrikanischen (post)Kolonialstaaten (im Gegensatz zu China), in denen überall der Einfluss der USA und Russland riesig war, nicht in den Dritten Weltkrieg hineingezogen?
Warum beginnt trotz unmittelbarer Nähe die Prosperität direkt auf der anderen Seite des Mittelmeeres? Greift der europäische Zerfall nicht über?
Wie kommt es, dass die afrikanischen Staaten fast genau das gleiche Asylsystem besitzen wie bis vor einiger Zeit die (west-)europäischen, die ihres aufgrund des Schocks des Zweiten Weltkriegs eingerichtet haben und seitdem ja immer nur weiter zerschlagen?
Warum wirkt überhaupt dieses Afrika selbst noch mit dem moderaten Wohlstandsgefälle auf dem Kontinent so offenkundig wie ein Spiegel Europas?
Und und und. Nicht, dass sein Szenario unmöglich wäre, aber Autor Torkler macht sich keine Mühe, es auch zu gestalten. Und das torpediert auch den erzieherischen Effekt, den das Buch womöglich haben soll. Eben, weil man das Gefühl hat, erzogen werden zu sollen.

Reales Flüchtlingselend wird dagegen durch die zweite Hälfte des Buches eher klein gemacht. Die Reise durch die deutschen Kleinstaaten liest sich wie eine Anklage gegen verschiedene Regierungsformen, insgesamt bekommt der Roman etwas von einer episodischen Abenteuergeschichte. Ja, viele sterben, aber es hat doch mehr von Karl May als von dem massenhaften Elend von Flucht und Vertreibung, das sich wie alle Menschenfeindlichkeit im globalen Maßstab ja doch dieser urbürgerlichen Form der Beschreibung, noch dazu im Sinne der klassischen Biographie, entziehen muss.

Bild: Pixa, gemeinfrei

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