Fantastische Apokalypse mit Widersprüchen: Unternehmer von Matthias Nawrat

Unternehmer von Matthias Nawrat ist ein wirklich interessantes kleines Buch. Interessant nicht in dem Sinne, als dass man darüber nichts besseres zu sagen wüsste, sondern: Im glattgebügelten Betrieb sprachlich ungewöhnlich, thematisch, oder zumindest in der Form der Bearbeitung des Themas konsequent, und eben: klein. Wiederum im Sinne von konzentriert, nicht unnötig ausgewalzt.

Unternehmer erzählt aus der Perspektive von der im Schluss des Romans 14 werdenden Lipa davon, wie sich deren Familie mit dem Ausschlachten alter Elektrogeräte in einer postapokalyptisch wirkenden Welt durchschlägt. Lipa erzählt die Geschichte in einem Jargon, der vom Satzbau bis zu den Begriffen ganz eigen wirkt, doch kaum im kindlich verspielten Sinne eigen: Der vor allem vom Vater vermittelte Unternehmerethos und die Erfahrungswelt schlagen beinahe ungefiltert durch. Das funktioniert glaubhaft und unkompliziert, ohne unterkomplex zu werden.

Von der Welt erfährt man nur, was Lipa weiß. In Neuseeland soll man noch gut leben können, hinter den Vogesen könnte es auch gehen, im Schwarzwald gibt es große Gebiete, wo die Bewohner, die nicht geflohen oder gestorben sind, als „Gebietveränderte“ bekannt sind. Eine nukleare Katastrophe? Nawrat tut aus erzähl-ökonomischen Gründen gut daran, seine Welt nicht im Reiseführerstil massenkompatibler Science-Fiction oder Fantasy auszugestalten: Eine Welt wirkt am plastischen, wo sie mit der Geschichte entfaltet wird und nicht als Selbstzweck daneben gestellt. Dennoch stellt sich hier auch der Verdacht ein, dass Nawrat sich über das genaue Funktionieren seiner Welt wenig Gedanken gemacht hat:

Wieso betreiben die wenigen Schwarzwaldbewohner keine Landwirtschaft? Man käme damit sicher besser über die Runden, als mit dem Ausschlachten irgendwelcher Zivilisationsmüllhalden.

Wovon leben die Menschen in den Städten? Von denen scheint es noch relativ viele zu geben, aber keine Landwirtschaft drumherum und wohl kaum die Kapazitäten für massenhaften Import.

Es gibt Schulen. Worauf bereiten die vor? Und wie zur Hölle werden sie unterhalten? Als Lipas Vater krank wird, sattelt Lipa auf Schülerin um (nennt Schüler aber „Arbeitslose“). Höchstwahrscheinlich eine staatliche Schule: Es wird kein Schulgeld erwähnt. Außerdem hat die Familie ja kaum noch Geld. Ebenso: Gibt es sogar Krankenversicherungen? Als der Sohn der Familie beim Unternehmertum sein Bein verliert, bekommt man beim Arzt ein neues, wenn auch kein gutes. Auch hier: Die Familie hat kein Geld.

Das grob letzte Buchviertel legt eine andere Lesarten nahe: Dann wäre der unternehmerische Überlebenskampf vor allem etwas, das der Vater an die Kinder tradiert hat, während die Welt deutlich weniger schlimm eingerichtet ist, als es den Anschein hat. Meine Güte, mit ihrer Schulfreundin spielt Lipa zum Schluss sogar im Schwimmbad! Gibt es wirklich so viele „Arbeitslose“? Wenn ja, wovon leben die? Oder ist „Arbeitslose“ nur ein Begriff Lipas, vom Vater übernommen, mit dem sie Menschen tituliert, die das Hirngespinst des Vaters nicht teilen? Nur: die Lesart kollidiert nicht nur mit dem Großteil des Romans, sondern auch damit, dass das Unternehmen offenkundig Abnehmer hat, Konkurrenten und sogar Investoren. Das Ende wiederum aber beißt sich mit der Welt, wie sie in den ersten drei Vierteln entfaltet wurde. Man ist versucht, aufgrund der unglaublich starken Anlagen des Romans dahinter einen klugen Kniff herausarbeiten zu wollen. Näher aber liegt der Verdacht, dass die Welt von Unternehmer im Großen und Ganzen dann doch eher auf einige nicht gänzlich durchdachte Pointen hin komponiert wurde.

Diese Rezension wurde schon vor ca 2 Jahren geschrieben. Daran erinnert hat mich die Besprechung von Der Traurige Gast bei Letteratura.

Bei Booknerds gibt es eine noch ältere Rezension.

Bild: Pixa, gemeinfrei

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