The Art of Biblical Narrative von Robert Alter ist in jedem Fall das erhellendste zu Buch zur Bibel, das ich bisher gelesen habe. Es dürfte aber auch eines der klügeren Bücher zur Literaturanalyse überhaupt sein. Analytisch erreicht und überflügelt vielleicht noch von Martinez’/Schäffels Erzähltheorie, allerdings sehr viele interessanter aufgrund des Materials.

Die erste zentrale These des Buches lautet: Wir verstehen die Bibel (wobei Autor Alter, wenn er Bibel sagt, das Alte Testament meint) besser und eigentlich erst richtig, auch theologisch, wenn wir in Rechnung stellen, dass die zahlreichen Autoren bewusst ihre Erzählungen literarisch gestaltet haben. Was an Stilmitteln und erzählerischen Tricks in der Bibel zu finden sei, sei zumindest in der Mehrheit nicht Akzidenz oder Fehler im Versuch, das Wort Gottes möglichst getreu wiederzugeben, sondern Substanz und selbst aus dem neuen Gottesverständnis bekundet, das es notwendig machte, sich vom reinen Schicksalsglauben meist episch überlieferter Mythologien abzusetzen. Und somit eben: Aus guten Gründen in Prosa.

Die zweite zentrale These ist: Die gesamte Bibel durchzieht ein Spannungsverhältnis zwischen der Verkündung des Wortes Gottes und dem Willen, erzählerisch zu gestalten. Aber: Eben genau dieses Spannungsverhältnis ist für das neue Gottesverstädnnis entscheidend und (mein Zusatz) wohl auch die Grundlage der sehr weitgehenden Bereitschaft in Judentum und Christentum, das Verhältnis zu Gott immer wieder neu auszutarieren.

Autor Alter zeigt anhand zahlreicher Beispiele, in wie weit die Bibel sich besser und eigentlich erst richtig verstehen lässt, wenn man diesem Aspekt immer wieder nachgeht, indem man die Bibel als literarischen Text analysiert. Das gilt hinein bis in die eigentlich paradoxe Erzählhaltung: Nur Gott, so Alter, sei allwissend. Ein wichtiger Punkt vieler Bibelgeschichten ist, dass der Mensch nicht allwissend sein kann. Allerdings gilt die Bibel im Gegensatz zum Koran weder als direkt transkribiertes Wort Gottes, noch gelten ihre unbekannten Autoren als Propheten, denen Offenbarung zuteil wurde. Dennoch ist der Erzähler offenkundig „allwissend“. Ja, er scheint manchmal sogar besser als Gott die Schöpfung Gottes zu durchblicken. Aber: Eine der ganz entscheidenden biblischen Erzählstrategien ist das ökonomisch geschickte Informationsmanagement, das dem Leser wiederum nur Informationen zukommen lässt, die gerade absolut benötigt werden, also eine fingierte Erzähler-Unwissenheit.

The Art of Biblical Narrative exerziert nebenbei auf etwas mehr als 200 Seiten des Bibelstudiums fast alles durch, was man zu Erzähltheorie tatsächlich wissen muss. Dabei versucht es nicht den Glauben anzugreifen, genauso wenig allerdings den atheistischen Leser zu konvertieren. Was es macht, ist, dem schon immer all zu billigen Versuch, die Bibel über ihre Widersprüche stolpern zu lassen, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Bibel war von Anfang an tatsächlich nicht so ein Buch. Zumindest im Alten Testament. Das ist eine Illustration bedeutender Gesetze in Geschichten. Das neue, damit das Christentum, steht vor dem Problem, dass tatsächlich zentrale Punkte der Geschichte selbst eins zu eins geglaubt werden wollen. Da fallen Widersprüche anders ins Gewicht, auch wenn gerade die Evangelien in sich selbst und gegeneinander natürlich die erzählerische Komplexität noch einmal nach oben schrauben.

Bild: Pixa, gemeinfrei