In meiner Besprechung von Das Jazzbuch habe ich bereits auf die interessante Tatsache hingewiesen, dass nicht wenige Jazzfreunde unwillkürlich ausgerechnet den (die) vernichtenden Jazzessay(s) Adornos zu spiegeln scheinen, indem sie Jazz affirmativ als affirmative Kunst fassen:

Der afroamerikanische Schriftsteller Robert G. 0’Meally geht soweit zu behaupten, in den Hot Five- und Hot Seven-Aufnahmen finde man eine verschlüsselte Strategie zum Überleben in modernen Zeiten. Die Kraft, sich als individueller Solist in einer Gruppe einzufügen und zu behaupten; die Fähigkeit, in allen Wechselfällen des Lebens zu swingen, mache Louis Armstrong zu einem»vom Blues verwundeten Heiler«. (S.98).

(So Verfasser Behrendt zustimmend O’Meally zitierend)

Jazz als Musik für den unternehmerischen Einzelkämpfer und den Networker?

Wenn man Jazz so quasi als die adequate Unterstützungsmusik im kapitalistischen Überlebenskampf fasst, gibt man, ohne es zu merken, Adornos Kritik vollumfänglich recht. Genau das sagt der nämlich, natürlich ausführlicher, unter Verweis auf den Warencharakter der Musik und wie diese das Werk selbst durchforme.
Nur stimmte das eben für den Jazz von 1936 womöglich noch in der Breite, hätte aber spätestens in den fünfziger Jahren revidiert werden müssen, als sich abzuzeichnen begann, dass der Jazz die Musik werden könnte, die freie Atonalität am ehesten in eine Form überführen kann, die trotz aller Freiheit nicht nur theoretisch als Form ausmachbar wird. Braxton, Coleman, partiell John Zorn, das Dave Holland Quartett und sicher noch einige weitere, die ich noch nicht auf dem Schirm habe, dürften zumindest eine Version dessen sein, was auch Adorno frei unter dem Begriff „Neue Musik“ hätte respektieren müssen, da er ja durchaus ja nicht, wie es ganz gern hingestellt wird, ein uneingeschränkter Proponent der Zwölftonmusik gewesen war.

(Eva Wißkirchen wies darauf hin und leitet aus dessen Musiktheorie mE überzeugend her, dass Adorno wahrscheinlich eher Werke wie Ligetis Atmosphères bevorzugt hätte, das ich wiederum für gefährlich zahm halte, es taugte, egal welche kompositorischen Überlegungen zu Grunde liegen, doch letztlich zur Untermalung eines jedweden Spannungsfilms – die Gefahr sich zum reinen Ornament anzubieten sehe ich überhaupt als eine der grundsätzlichen Bedrohungen einer die Abstraktion stark verabsolutierenden Kunst).

Musikkritik als Gesellschaftskritik /
Blindheit für Entwicklungsmöglichkeiten

Adornos Musikkritik ist Gesellschaftskritik, und mit dem Mainstream-Jazz seiner Zeit trifft er recht genau eine Tendenz der gesamten Popmusik bis heute, den Gestus des Rebellischen in ein tatsächlich affirmatives Mittun zu überführen. Das ist das Spannende, dass Behrendt genau das betont und nicht einmal merkt, wie sehr er sinngemäß Adorno wiedergibt.

Vorzuwerfen ist Adorno, dass er dem in den Dreißigern noch jungen Jazz nicht jene Entwicklungsmöglichkeiten einräumte, die die europäische Musik bis hin zu Adornos schnell verglühendem Ideal der freien Atonalität durchmachte, und besonders, dass er an dem Thema nicht dran blieb, und registrierte, wie fundamental der Jazz sich wandelte. Hätte er den Jazz als Objekt der Kritik ähnlich ernst genommen wie die europäische Musik, er hätte diese Potenziale frühzeitig antizipieren können.

Aktuell bleibt Adornos Jazzkritik mit Hinblick auf die Fans. Wenn eine Koryphäe wie Behrendt Jazz als unmittelbar, authentisch und näher dran an irgendwelchen „wahren Gefühlen“ feiert, dann bleibt es nötig, die Musik gegen ihre Freunde zu verteidigen. Jazz ist wie jede Kunst, und da schließe ich ausdrücklich jegliche Unterhaltungskunst mit ein,  hochgradig vermittelt, sowohl in sich als Werk als auch mit den Umständen seiner Entstehung. Und daran ändert auch Improvisation nichts, die ja jahrelange Übung und lebenslanges sich Weiterbilden verlangt

PS:

In einer kurzen Notiz hat Martin Hufner ein oder zwei Stellen bei Adorno angeführt, in denen ich das Gefühl habe, dass zumindest der ein oder andere meiner Einwände gegen die Jazzkritik Adornos diesem selbst auch noch zu dämmern begann.

Bild: Pixa, gemeinfrei