Einerseits ist Die Geschichte des privaten Lebens von Philippe Ariès und Georges Duby ein wirklich gründliches Buch, das viele neue Einsichten eröffnet. Man warf Ariès besonders für seine Geschichte der Kindheit die poststrukturalistische Verfehlung vor, vor allem aus Gemälden und fiktionalen Texten zu schließen, weshalb der Autor eher Ideal- und Zerrbilder zeichne als dass er eine plausible Erforschung von Kindheit in der Vormoderne leiste.

Geschichte der Kindheit habe ich nicht gelesen. Die Geschichte des privaten Lebens ist dieser Vorwurf aber definitiv nicht zu machen. Herangezogen werden neben Texten, auch fiktionalen, auf die, schon weil die Trennung selbst eine des entwickelten Bürgertums ist, gar nicht verzichtet werden kann, auch was an archäologischen Quellen verwertbar ist – worüber relativ sicher gesprochen werden kann und was Interpretation ist, wird dabei immer klargemacht. Ariès und Duby mögen von Foucault beeinflusst sein, doch anders als dieser verschleiern sie ihre Quellen nicht und wählen Zitate nicht höchst selektiv, um eine politische Linie zu unterstreichen bzw. eine „Idee“ voranzutreiben. Sie legen offen, wie prekär die Quellen teils sind und worüber man nicht reden kann, schweigen die Autoren.

Vielleicht sogar all zu oft:

Denn andererseits ist Die Geschichte des privaten Lebens keine Geschichte des privaten Lebens. Im besten Fall davon, wie die Oberschicht in den Gesellschaften bis ins späte Mittelalter gelebt haben mag, wird auf den 3133 Seiten relativ ausführlich gehandelt. Für die einfachen Leute reicht es gerade zu ein paar generischen Sätzen, die man sich auch hätte selbst herleiten können. Da wäre fast mehr Spekulation, natürlich als solche gekennzeichnet, wünschenswert gewesen. Zudem ist die Auswahl der Epochen sehr eklektisch. Von Rom (Zentrum und Provinz) springt man nach Byzanz, ins französische Mittelalter, zeitliche überschneidend in die toskanische Frührenaisance. Für die Renaissance dann zu eher allgemeinen Aufsätzen über die Entwicklung des Konzeptes Privatheit, die ihre Beispiele von hier und dort herziehen. Eine entweder (kaum denkbare) umfangreichere Behandlung oder ein stärkeres, längeres verweilen an zwei, drei halbwegs repräsentativen Orten wäre wahrscheinlich erkenntnisstiftender gewesen.

Dennoch ist Die Geschichte des privaten Lebens eine so faszinierende wie lehrreiche Lektüre, zugleich Geschichte – und Kritik der Geschichtsschreibung. Ursprünglich habe ich sie mir auch mit dem Hintergedanken zugelegt, das Werk als Quellenmaterial für historische Erzählungen verwenden zu können. Dazu allerdings taugt sie höchstens bedingt.

Bild: Wiki, gemeinfrei