Warum sind die Weasleys „arm“? – Gedanken zu Gesellschaft und „Ökonomie“ von Harry Potter.

Warum sind die Weasleys eigentlich arm? Das ist eines der vielen Mysterien im Gesellschaftsbild von Harry Potter, und dabei eines, auf das man bereits stößt, wenn man nur ein wenig an der Oberfläche kratzt. Wir wissen immerhin, dass man weder Geld, noch Essen einfach herbei zaubern oder duplizieren könnte, Armut also nicht individuell-magisch hinweggezaubert werden könnte.

Die erzwungene Parallel-Ökonomie

Das ist an sich schon faszinierend genug: Anscheinend haben die Zauberer oder gar das mysteriöse Gewebe der Magie selbst sich Gesetze gegeben, die es geradezu notwendig machen, den kapitalistischen Konkurrenzkampf der Muggel auch in einer Gesellschaft, die diesen sonst definitiv nicht nötig hätte, mit aller Unerbittlichkeit gegeneinander auszufechten. Ein magisches Äquivalent zum Sozialstaat scheint es derweil nicht zu geben. Das erklärt, warum es in dieser Welt Armut geben muss. Aber warum sind die Weasleys arm?

Denn immerhin: Vater Weasley hat einen festen Job, ist ein unermüdlicher Arbeiter, und wenn auch nicht in einer hohen Position, so doch immerhin als Beamter im Ministerium tätig. Leistet Rowling hier unterschwellige Kritik daran, dass man selbst mit einem Vollzeit-Job heute keine Familie mehr ernähren kann? Offenkundig nicht: Denn erstens wird diese Situation nie wirklich kritisch reflektiert, und zweitens wäre ein Beamter sicherlich der schlechteste Fokus-Charakter für eine solche Kritik. Wenn in der heutigen Welt noch jemand als Einzelverdiener ohne große Karriere eine Familie ernährt, dann sicherlich ein Beamter.

Einfach selber schuld?

Aber die Weasleys haben doch viele Kinder? Argumentiert Mrs Rowling vielleicht in unterschwelligem Anschluss an Malthus? Ist es unverantwortlich von dieser armen Familie, beinahe mehr Kinder in die Welt zu setzen, als sie überhaupt ernähren kann? Man könnte schon den Eindruck gewinnen, dass Armut und Kinderreichtum hier irgendwie zusammenhängen. Aber von anderen armen kinderreichen Familien vernimmt man in den Romanen nichts. Und es gibt auch keine Entwicklung, die der Kinderreichtum hier bringen müsste. Denn gegen Ende der Reihe haben vier (drei nach Freds Tod) Weasleykinder ordentliche bis gute Jobs bzw. sind als Unternehmer erfolgreich geworden. Drei (zwei, dann wieder drei) davon bleiben der Familie eng verbunden. Man sollte meinen, dass die helfen, die Not zu lindern. Aber beeindruckender Weise bleiben die Weasleys arm.

Vielleicht weil sie verschwendungssüchtig sind und nicht zu haushalten wissen? Als in Der Gefangene von Askaban die Familie 700 Golddublonen gewinnt, wird das größtenteils für einen Urlaub auf den Kopf gehauen, statt das Geld zu investieren. Wenn da aber eine Botschaft hinter steckt, ist sie von der Autorin positiv gemeint: Schaut her, wenn sie einmal Geld haben, opfern die Weasleys alles auf, um ihren Kindern eine schöne Erfahrung zu ermöglichen. Denn ansonsten werden die Weasleys im Gegenteil als besonders sparsam da gestellt.

Die einfache Antwort und ihre Tücken

Von Produktions… ähm… „ästhetischer“ Seite ist die Sache natürlich recht einfach: die Weasleys sind arm, weil die Zauberwelt als Spiegelbild unserer Welt Armut verlangt, weil die Autorin einen Gegenpol zu den reichen Snobs (Malfoy) und dem durch Zufall reichen großzügigen Harry Potter brauchte, und natürlich weil die aufrechte Haltung in der Not jungen Lesern recht einfache Identifikation ermöglicht.
Aber je mehr der Roman tatsächlich Gesellschaftsroman und -Kritik werden wollte, desto mehr wird der Leser auch darauf gestoßen, wie undurchdacht das Gesellschaftsbild an vielen Stellen ist. Armut erscheint an den Weasleys als Charaktereigenschaft, die Frage, ob etwas in der Gesellschaft falsch eingerichtet sein könnte, weshalb diese Familie arm bleiben muss, stellt sich gar nicht. Und selbst Möglichkeiten aus eigener Kraft aus der Misere herauszukommen (der liberale Appell, der selbst schon verdrängt, dass nicht alle „gewinnen“ können) werden durch das Vorurteil von der charakterlich gegebenen Armut verstellt. In diesem Fall durch die Göttin ihrer Welt, Joanne K. Rowling, die die Weasleys selbst dann noch arm sein lässt, wo sie es, wenn man die gesellschaftlichen Erfolge der Familie beachtet, definitiv nicht mehr sein müssten, und auch in unserer Welt analog regelmäßig durch Schranken, die jene, die einfache Wege aus der Armut predigen, aus ihrer eigenen Situation heraus zu sehen verlernt haben.

Bild: Pixa, gemeinfrei

11 Gedanken zu “Warum sind die Weasleys „arm“? – Gedanken zu Gesellschaft und „Ökonomie“ von Harry Potter.

  1. moabiterpflanze sagt:

    Schöner Beitrag. Ich gehe auch gerade das Harry Potter Universum zum bestimmt achten Mal durch und frage mich dasselbe (eigentlich schon länger, aber man denkt ja immer, dass man vielleicht etwas überlesen hat). Mit jedem neuen mal fallen mir immer mehr die Stärken und Schwächen der Bücher auf, aber lieben tue ich sie noch, wie am ersten Tag.
    Liebe Grüße,
    Lea

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  2. Niamh O'Connor sagt:

    Spannende Frage. Aber vielleicht ist es ja genau so gemeint: die Weasleys fühlen sich den Unterprivilegierten verbunden, haben nicht aufgehört und werden nicht aufhören, die Welt (auch) durch die Augen der Underdogs zu sehen. Dazu passt auch die emphatische Grundhaltung im Umgang mit den Freunden ihrer Kinder. Deren Defizite werden wahrgenommen und ausgeglichen. Das ist auch ein Spiel mit einem Stereotyp: arm aber …

    Und noch ein Aspekt fällt mir gerade auf: Die Weasleys sind, wenn ich mich recht erinnere, die einzige Familie, deren Familienleben in irgendeiner Weise thematisiert wird. Sie stehen also stellvertretend für alle Normalbürger in der magischen Welt.

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    1. literaturreiseblog sagt:

      Naja, es gibt noch einige Familien, die zumindest ansatzweise beleuchtet werden. Luna und ihr Vater kommen auch gemeinsam vor und man erfährt zwar nichts genaues, aber man bekommt nicht den Eindruck, dass irgendetwas abseits der Norm wäre – wenn man „Norm“ überhaupt in einer Zauberwelt verwenden sollte ;-)
      Und die Malfoys sind naürlich das genaue Gegenstück zu den Weasleys.

      Aber stimmt schon, an sich hat man keine tieferen Einblicke in gesellschaftliche Gefüge der Zauberwelt.

      Ich würde jedoch nicht sagen, dass sie stellvertretend für die Normalbürger der magischen Welt stünden, denn sie werden wirklich ziemlich arm dargestellt. Ich erinnere mich hierbei speziell an die ersten Szenen mit Harry und Ron; Ron war total verschmutzt und unordentlich. Etwas übertrieben natürlich auch, aber Normalbürger sollen sie sicherlich nicht darstellen.

      Aber ich finde deinen Ansatz mit der emphatischen Grundhaltung spannend! Da ist schon was dran :-)

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      1. soerenheim sagt:

        Ich sage ja nicht, dass keine anderen Familien betrachtet werden, sondern keine anderen „armen“ Familien. Entsprechend gibt es keine Möglichkeit systematischer festzustellen, warum Zauberer „arm“ sein müssen. Und die Weasleys sollen auch nicht für die Normalbürger der magischen Welt stehen, sondern für die „Armen“. Genau darum geht es. Offensichtlicher Grund: Weil Rowling „Arme“ für die Geschichte braucht. Nur *warum* ist die Beamtenfamilie Weasley „arm“ und bleibt auch „arm“, nachdem es bis zu 4 Gutverdiener in der Familie gibt? Das ist das Grundproblem, das mE ein wenig Aufschluss über das dahinter stehende Weltbild gibt.

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      2. literaturreiseblog sagt:

        Man kann hier schnell zwei verschiedene Ebenen miteinander vermischen. Zum einen kann man darüber spekulieren, wieso Rowling das so gemacht hat. Und zum anderen innerhalb der HP-Universums bleiben und dann darüber reden. Aber beides vermischen vermeide ich immer gerne.
        Ich würde einfach mal raten, dass Rowling die Weasleys arm gelassen hat, weil eine Veränderung ja auch erklärt werden müsste, man müsste diese auch darstellen usw. All das nimmt Seiten weg und ist für die eigentlich Handlung auch eher nebensächlich. Sie sollen weiterhin die Gutmenschen bleiben und im Kontrast zu den Malfoys stehen.
        Wenn man innerhalb von HP ohne Autorenintention bleibt, sind deine Fragen wirklich wichtig. Man weiß halt einfach zu wenig über die Vorgänge in der Welt selbst. Aber ich wäre mir gar nicht so sicher, ob die Weasleys viel verdienen. Beamte dort sind nicht zwingend Beamte hier. Vielleicht verdient man im Zaubereiministerium (Rons Vaters Stelle) nicht zwingend allzu gut, wenn man keine höhere Position hat. Und was andere Familienmitglieder machen, weiß ich gar nicht^^

        Aber klar, ich finde es auch immer schöner, wenn mehr von der Welt selbst erklärt wird bzw. sich keine Ungereimtheiten ergeben. Andererseits bleiben Welten mit möglichst wenig Hintergrundinformationen so immer spannend und bieten Raum für eigene Interpretation.

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      3. soerenheim sagt:

        Es wird hier ja nicht vermischt. Verschiedene Ebenen der Antwort kann man durchaus in einem Text bearbeiten, wenn man nicht versucht von der einen Ebene aus auf die Antwort zu einer Frage der anderen Ebene kurzzuschließen. Dann kann man aber auch Verbindungslinien zwischen den Ebenen aufzeigen.
        Beispiel: Für die Frage, „warum musste Harry Potter sterben“ (und auferstehen), sind mehrere Antworten denkbar.
        Produktionsästhetik, die ins Marketing spielt: Der Roman braucht einen Schockmoment.
        Rowlings persönliche Vorliebe: Zeigen, wie grausam das Leben ist.
        Die Logik der Erzählung: Um Voldemort in Übereinstimmung mit der Prophezeiung zu besiegen un den letzten Horcrux auszuschalten.
        Die Bildliche Ebene der Erzählung: Weil Potter analog zu Christus als Erlöserfigur aufgebaut wurde.
        Usw.
        Tatsächlich aus dem Text entscheiden (stimmt das eigentlich wirklich? Und funktioniert das innerhalb der Erzählung oder ist es schief?) lassen sich vor allem die letzten beiden, die damit im engeren Sinne ästhetisch betrachtet werden können. Aber auch zu „Zeigen, wie grausam das Leben ist“ (so begründet Rowling ja viele ihrer Toten) lässt sich eine rein innertextliche Untersuchung denken: Zeigt der Roman das wirklich? Oder gefällt er sich mit einigen cheap shots, sagt in der Tiefenstruktur etwas ganz anderes?
        Aber wenn ich einerseits vom zu Grunde liegenden Gesellschaftsbild und der Art und Weise, wie ein Werk wieder in die Gesellschaft wirkt, sprechen möchte, kann ich natürlich andere Fragen und Betrachtungsweisen nicht ganz ausklammern. Also zB Schockmomente und ob/wie die für Markterfolg sorgen…

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      4. literaturreiseblog sagt:

        In einem Text können verschiedene Ebenen diskutiert werden, das stimmt schon. Aber ich meinte, dass (wie du eigentlich schon selbst geschrieben hast) eine Ebene mit der anderen nichts zu tun hat. Wenn man also über die Weasleys und ihre Armut in der Zauberwelt spricht, dann gehört Rowlings Intention oder Vergleichbares dort nicht hinein. Das kann man natürlich getrennt davon betrachten. Zumindest gehört es dort nicht hinein, wenn man die Buchwelt als Ausgangspunkt nimmt und im Grunde ja so tut, als wäre das real.
        Zum Beispiel könnte man darüber sprechen, wieso bei Star Wars Obi Wan und Vader und Luke (obwohl er in Ep 6 schon besser wurde^^) relativ unspektakulär und eigentlich wirklich miserabel mit deren Lichtschwerter kämpfen. Bei Vader wurde später erklärt, dass er aufgrund seiner Verletzungen und seiner Rüstung seinen Kampfstil anpassen musste; Obi Wan ist vielleicht einfach nur alt und Luke ist halt noch in Ausbildung.
        Aber die Wahrheit ist ja eigentlich, dass die Schwertkampfchoreographie in Ep 4 einfach schlecht war :D

        Aber ansonsten gebe ich dir vollkommen recht. Die Frage ist, in welchem Kontext man den Gegenstand untersucht.

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  3. the lost art of keeping secrets sagt:

    Ich finde deine Überlegungen total spannend und dachte gerade, vielleicht braucht man “die armen“ Wesleys, damit klar wird, dass die Hauptfigur Harry auch “Außenseiter“ mag und damit Harry, der auf einmal zu Geld kommt, Ron helfen kann. (Ist das nicht so? Ich weiß es nicht mehr genau). Das muss er bei Hermine ja nicht.

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    1. soerenheim sagt:

      Er versucht zu helfen, aber Ron will nicht (Stolz). Ja, Warum JKR sie „arm“ sein lässt ist noch am einfachsten zu erklären. Warum sie es in der Welt sind ist das Rätsel. Noch garnicht angeführt habe ich, dass sie ja alles andere außer Essen und Geld herbeizaubern können sollten… mir geht es in erster Linie darum zu zeigen, wie tief wir unser Denken innerhalb der Logik unserer derzeitigen Wirtschaft verwurzelt haben, so dass wir deren Strukturen auch in Welten übertragen, in denen diese fragwürdig werden müssten.

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