Ich kann die teils harsche Kritik auf Amazon an Das Jazzbuch von Joachim-Ernst Berendt nicht nachvollziehen. Mag sein, für Experten liefert das Buch wenig Neues und sicher, man kann sich immer darüber aufregen, dass Schwerpunkte „Falsch“ gesetzt sind. Dass etwa Thelonious Monk im Allgemeinen Teil nur als Nebenbemerkung zum Bebop vorkommt, Cab Calloway, dessen Meisterschaft auf der Bühne der weiße Swing schon einmal beinahe erstickt hätte, vor allem als der Typ, dem Dizzy Gillespie ein Messer ins Bein gestochen hat, oder dass für den Jazz seit den Neunzigern fast alleine John Zorn steht, das erkenne ich sogar als Laie als eine deutliche Reduzierung des Materials.

Fallstricke des Schreibens über Zeitgenossen

Aber meine Güte, irgendwo muss man anfangen und solche Bücher sind ja nicht für Experten geschrieben. Das Jazzbuch zeichnet bis in die siebziger, vielleicht noch Anfang der achtziger eine nachvollziehbare Geschichte der Ent- und Verwicklungen des Jazz und kapituliert wortreich vor dem Problem, das sich jeder umfassenden Beschreibung zeitgenössischer Kunst stellt: Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, aus der eigenen Zeit heraus zu sehen, was der Nachwelt so bedeutend sein wird wie uns zB Armstrong oder Davis. Das Problem stellt sich in allen Sparten der Kunst, oder glaubt jemand ernsthaft, dass in 100 Jahren Der dicke Mann am Strand (Ai Wai Wai), Hirsts Hai, Koons‘ Zuckerguss und die 100. Auflage des Schwarzen Quadrates tatsächlich noch unsere zeitgenössische Kunst repräsentieren werden? Ich wette meinen Hintern darauf, dass tatsächlich relativ unbekannte Laienmaler, die behutsam am Erhalt der Tradition und deren Überschreiten gearbeitet haben auf einer Stufe mit van Gogh und Rembrandt stehen werden…
Aber zurück zum Buch:

Wenn dem Gefühl zu sehr gehuldigt wird

Das schafft es durchaus, dem Leser, der sich mit Jazz wenig beschäftigt hat, eine Vorstellung von der Entwicklung, der Bedeutung und auch der Gestaltung der Musik zu geben. Vorausgesetzt immer, es stehen ausreichend Hörbeispiele zur Verfügung, aber die gibt es online. Weniger gelungen ist Das Jazzbuch überall da, wo es wertend wird. Ein Satz wie, wenn Musik der Ausdruck des individuellen Gefühls sei, sei Jazz in jedem Fall „wahrer“ als europäische Musik, ist einfach brutal grober Unfug (oder alles nach dem „Wenn“ eben falsch), der Wahrheit und individuelles Gefühl romantisch in eins setzt, gleichzeitig so tut, als könne er individuelles Gefühl messen (von außen!) und … ach, es lohnt wirklich nicht sich mit all den rrkenntnistheoretischen Unbedarftheiten des Autors herumzuplagen, wann immer der versucht klassische Musik und Jazz gegeneinander auszuspielen, mit dem von Anfang an bestehenden Vorurteil, das Jazz die bessere, weil der heutigen Zeit entsprechendere Musik sei. Das könnte man natürlich auch g e g e n den Jazz wenden, und es fasziniert, dass Berendt tatsächlich mit positivem Zungenschlag genau die Kritik des verfemten Jazzaufsatzes von Theodor W. Adorno aufgreift:

„Der afroamerikanische Schriftsteller Robert G. 0’Meally geht soweit zu behaupten, in den Hot Five- und Hot Seven-Aufnahmen finde man eine verschlüsselte Strategie zum Überleben in modernen Zeiten. Die Kraft, sich als individueller Solist in einer Gruppe einzufügen und zu behaupten; die Fähigkeit, in allen Wechselfällen des Lebens zu swingen, mache Louis Armstrong zu einem»vom Blues verwundeten Heiler«. (S.98).

Jazz als trotz allem widerständigen Habitus letztendlich affirmative, das Leben erträglicher machende, eben nicht seine Grenzen sprengende, Musik, genau das war die Quintessenz des (musikalisch uninformierten, allerdings wohl auch bereits 1936 erschienenen) Jazzaufsatz.

Und das ist sicherlich, generalisiert über eine so vielfältig entwickelte und sich noch entwickelnde Musik, falsch, und ab dem Free-Jazz-Kapitel Berendts findet man in Das Jazzbuch auch zahlreiche Vorschläge, die Adorno selbst sicher zugesagt hätten (und früher: einige atonale Kompositionen von Lennie Tristano etwa stammen aus den späten 40ern). Daher meine Gebrauchsempfehlung für Das Jazzbuch: Lesen, hören, und wann immer der Autor sich wertend an Musikphilosophie versucht, leise lächeln oder die Zähne zusammenbeißen. Solange Berendt tatsächlich die Musik vorstellt ist Das Jazzbuch ein wirklich hilfreiches Werk.

Bild: [Portrait of Denzil Best, Al Casey, and John (O.) Levy, Pied Piper, New York, N.Y., between 1946 and 1948] (LOC – gemeinfrei)