Neu-Entdeckungen 2018: Die besten Bücher, die ich zum ersten Mal gelesen habe:

Mit der Reihenfolge bin ich mir etwas weniger sicher als bei den Neuerscheinungen, über die ich hier geschrieben habe.

Wiederum Textauszüge, volle Rezensionen hinter den Links (jeweilige Titel):

VI – The Hours von Michael Cunningham

Virginia Woolf, die „Mrs Dalloway“ genannt Clarissa Vaughan und eine Mrs. Brown sind die Protagonistinnen, deren Verbindung für die größte Zeit der Lektüre nur im gemeinsamen Bezug auf das Werk Virginia Woolfs zu bestehen scheint. Der Roman lehnt sich stilistisch stark an Woolfs Meisterwerk Mrs Dalloway an, und es ist beeindruckend zu sehen, wie gut Autor Michael Cunningham in den meisten Phasen die (freilich vereinfachte) Reproduktion des Gedankenstroms gelingt.
Jeweils steht nur ein Tag der Protagonistinnen Mittelpunkt, wobei die überzeugendsten (und bei weitem längsten) Passagen um die Party kreisen, die Clarissa Vaughan für den von Aids gezeichneten sterbenden Schriftsteller Richard zu geben beabsichtigt. Außenseitertum, Homosexualität und immer wieder der Tod sind die Themen, um die der Text kreist – und die Frage, wie es gelingen kann die endlosen Stunden zu füllen, die gleichzeitig doch unerbittlich abzulaufen scheinen (…)

V – Lud-In-The-Mist von Hope Mirlees

Lud-In-The-Mist ist eine beschauliche spätmittelalterliche Stadt, die vor einer unbestimmten Zeitspanne so etwas wie eine „Aufklärung“ mitgemacht hat. Lud liegt am Zusammenfluss der Flüsse Dapple und Dawl, was den dort ansässigen Händlern und der Oberschicht zu einem gewissen Wohlstand verholfen hat. Im Zuge dieses Wohlstandsgewinnes wurde der Herzog Aubrey verjagt, dem bis heute zweideutige Verbindungen zum Feenreich nachgesagt werden, und die rigorose Herrschaft des Gesetzes errichtet. Doch die Bewohner von Lud sind in gewissen Bereichen seltsam verklemmt. Musik wühlt sie auf und muss aus den Sphären der besseren Gesellschaft möglichst herausgehalten werden, die Toten werden verschämt abseits der Stadt verscharrt, über Träume spricht man nicht und in die Nähe des Feenwaldes hinter den „fragwürdigen Hügeln“ wagt sich kein aufrechter Ludite. Dann scheint es, als habe der Sohn des derzeitigen Bürgermeisters Chanticleer „Feenfrucht“ gegessen, und der Bürgermeister ist außer sich. Er selbst erinnert sich dann und wann an eine Melodie, die er in der Jugend gehört hat, was ihm sehr zu schaffen macht, und diese neuerliche Begegnung mit dem Zauberhaften ist einfach zu viel für ihn. Der Sohn wird auf Raten des Arztes Endymion Leer auf eine ferne Farm verbannt, um ihm die Lust, ins Feenland zu entweichen, auszutreiben. Doch gerade als dieses Problem gelöst scheint, verschwinden die Schülerinnen einer elitären Mädchenschule auf nimmer Wiedersehen, und auch in dieser Schule wird Feenfrucht gefunden. Aus dieser Ausgangslage entfaltet Lud-In-The-Mist eine spannende Detektivgeschichte, die Sozialstruktur einer fantastischen Kleinstadt und ein parabolisch gezeichnetes Psychogramm des Bürgertums und seiner dunklen Unterströme (…)

IV – Landpartie von Eduard von Keyserling

Sprachlich ist Keyserling ein großer Genuss. Die Fähigkeit, Szenerien zu zeichnen, ließe sich vielleicht am besten mit Bunin vergleichen. Auch im melancholisch-romantischen Ton weisen die beiden Parallelen auf, wobei Keyserling durchaus auch eine gewisse ironische Distanz zum romantischen einnimmt. Immer wieder werden romantische Konventionen wie der Mondscheinsparziergang selbst vom Personal der Erzählungen durchschaut und dem Pathos haftet so stets auch eine lächerliche Komponente an. Gar Gänzlich (und durchaus plausibel) als Kritik von Romantik und Nostalgie liest Florian Illies das Werk Keyserlings (…)

III – Indigo von Clemens Setz

Wer Setz‘ Indigoangemessen würdigen will, muss würdigen, wie dieser Text erzählt wird. Auf den ersten Blick: Trotz aller Finessen naturalistisch. Das würde den Autor tatsächlich in eine Reihe mit Neo-Naturalisten wie Joshua Cohen stellen, für die moderne Verfahrensweisen nur noch ein Mittel sind, das Chaos der Welt chaotisch abzubilden, und denen die gelungene Form zwangsläufig Anathema ist. Setz geht so weit, als einen seiner beiden wichtigsten Protagonisten, den Mathematiklehrer Clemens Setz einzuführen, dessen dokumentarisches Interesse am Leben der „Indigo-Kinder“ den erzählerischen Rahmen des Buches liefert. Eingebaut sind Briefwechsel, Notizzettel, sogar pseudodokumentarische Fotos. Doch schnell wird deutlich, dass es dabei nicht bleibt. Die Sprache selbst arbeitet gegen den Dokumentarismus, ebenso die Doppelkonstruktion, nach der das Leben des ehemaligen (?) Indigokindes Robert Tätzel bald ebenso wichtig wird wie die Recherche von Setz. Jener Erzählstrang hat dann auch, nachdem sogar fragwürdig wurde, wie weit das Phänomen Indigo überhaupt existiert und wie weit hier eine machtvolle gesellschaftliche Projektion am Werk ist, das letzte Wort (…)

II – Die Beiden Meisterwerke Aslı Erdoğans:
Die Stadt mit der Roten Pelerine und The Stone Building

 (…) Von Aslı Erdoğan habe ich vor einiger Zeit bereits Die Stadt mit der Roten Pelerine besprochen. Man lasse sich von der Kürze der Rezension nicht in die Irre führen – es schien mir geboten, eine so dichte Autorin auch dicht zu besprechen. Die Stadt mit der Roten Pelerine ist einer der ästhetisch vollendetsten Romane unserer Zeit. Erdoğan ist eine Meisterin der Detailzeichnung, versteht durch kaum merkliche Wendungen Weltbilder umzuwerfen und vereint Breite mit Prägnanz, wie man es sonst höchstens noch von Woolf und Carpentier gewohnt ist. Möchte man aber in deutscher Sprache weitere Werke dieser Autorin, die ihresgleichen sucht, lesen, stößt man schnell an Grenzen. Für eine horrende Summe lässt sich noch die Erzählung „Die Holzvögel“ erstehen, die es hier auf Englisch zu lesen gibt und das Frühwerk Der wunderbare Mandarin ist verfügbar. Das war’s. Immerhin, auf Englisch gibt es noch die Sammlung dreier Erzählungen und einer Novelle The Stone Building and other Places. Den neuesten Roman Kabuk Adam (Schneckenmensch) bekommt man auf Französisch, für alle weiteren Werke heißt es Türkisch lernen.

In The Stone Building stößt der Leser auf eine ganz andere Aslı Erdoğan als in Die Stadt mit der Roten Pelerine. Erdoğan zeigt, dass Stil bei ihr nicht Markenzeichen ist, sondern gegenstandsbezogen. Ein Ausweis großer Künstlerschaft. So ist die Auftakterzählung „The Morning Visitor“ düster und knapp, bewegt sich von klaustrophobischem Bild zu klaustrophobischem Bild (…)

I – Jazz von Tony Morrison

Es stimmt: Jazz ist nicht nur der wohl komplexeste Roman Morrisons, sondern wohl einer der komplexesten überhaupt. Die relativ einfache Geschichte (New York der Zwanzigerjahre, ein Mann ersticht seine jüngere Geliebte, die Frau attackiert auf der Beerdigung die Tote mit dem Messer) wird in den insgesamt 10 Kapiteln von immer neuen Seiten angepackt und aufgerollt. Jedes Kapitel wird von (grob gerechnet) einer Stimmen dominiert, wobei all das durch eine Icherzählerin gefiltert wird, die über 90 % des Buches wie eine auktoriale Erzählerin agiert. Der Alltag der Figuren unmittelbar vor Mord und Beerdigung wird ebenso aufgearbeitet wie Kindheit und Jugend im tiefen Süden, einige Familienmitglieder, deren Leben dann sozusagen als Rede dritter Ordnung (X erzählt, XY habe erzählt) wiedergegeben wird, erweitern den Fokus des Romans noch einmal bis in die Jahre vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Das ist hochambitioniert, und der Roman ist sauber auskomponiert: die ersten drei oder vier Kapitel entfalten sich als Fortsetzungen eines einzelnen Gedankens (Sht, I know that woman… / Or used to … / Like that day in July, when…), in späteren wird jeweils aus neuer Perspektive eine Idee oder ein Eindruck vom Schluss des vorangegangenen Kapitels wieder aufgegriffen. Das könnte eines dieser perfekten Bücher sein, das Buch, auf das ich gehofft habe, ein Roman an dem alles passt (…)

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