Der Göttliche Witz. Zu Bulgakows Meister und Margarita

Es geht einer umher mit einem Stück Ziegenpergament und schreibt und schreibt unaufhörlich. Aber einmal warf ich einen Blick in sein Pergament und bekam einen heftigen Schrecken. Denn nichts von dem, was darin geschrieben steht, hätte ich jemals gesagt. Ich flehte ihn an: Um Gottes Willen, verbrenne dein Pergament! Doch er konnte es mir noch entreißen und eilte fort.“

Das Problem des satirischen Romans

Satire und ästhetische Geschlossenheit vertrugen sich schon immer schlecht. Stets brachte die Anforderung an den Satiriker, witzig oder zumindest pfiffig zu sein jener Bedrohung mit sich, die schließlich auch die Simpsons auffraß: Die Gefahr, das Werk zu einer Reihe unverbundener Sketches herabzuwürdigen, die nur noch von mehr oder weniger witzigen (mit der Zeit meist weniger) Pointen getragen wird. Wer ein besonders unwürdiges Beispiele vor Augen geführt bekommen möchte, muss nicht weiter schauen als bis zum unsäglichen Quality-Land des gefeierten Mark Uwe Kling. Dessen Känguruchroniken hatten prinzipiell schon das gleiche Problem, machten es aber insoweit zu Stärke, indem sie wenigstens wirklich scheißwitzig waren, sich eben des Primats des Witzes immer bewusst. Zum echten Problem wird das Problem der Satire erst, wo diese gleichzeitig klug, tief, anspruchsvoll und dennoch auf Effekt getrimmt erscheinen möchte. Deshalb ist die bestgemeinte Satire oft die schlechteste.

Vermittlung durch die Extreme – russische Satiriker

Als Ausnahme auf dem weiten Feld stehen die russischen Satiriker. Die kleinen Erzählungen Gogols, die Miniaturen Saltykow Tscherins und anderer, ihnen gelingt das Undenkbare: Überzeugende gesellschaftliche Situationen, glaubhafte, runde Charaktere und überspitzte Komik zu vereinen. Die großen russischen Satiriker zeigen das ganze der Gesellschaft, vermittelt durch die Extreme, und sie profitieren dabei wohl von einer schon in sich extremen Gesellschaft, im 19. Jahrhundert wohl wirtschaftlich die mit rückständigste des erweiterten europäischen Raumes und gleichzeitig die, deren Oberschicht am progressivsten, ja, utopi(sti)schsten dachte. Dennoch stößt auch die russische Satire an ihre Grenzen: die Romane Saltykow Tscherins sind kaum von bleibendem Interesse, und Gogols Tote Seelen scheiterte weniger an einer Schwächen des Autors als an der Unmöglichkeit des Konzeptes.

Der Meister der Meister – Bulgakov

Einer aber ragt noch einmal heraus: Der Meister und Margarita von Michail Bulgakov verbindet nicht nur spielend bissige Satire auf den sowjetischen Alltag mit einem großen Roman, dessen Handlung und Charaktere durch 600 Seiten tragen, mit denen man mitfühlt und über die man lange nachdenkt, der Roman verbindet das auch noch mit einer ernsthaften Auseinandersetzungen mit metaphysischen Fragestellungen, mit der Ergründung der Lücken des naiven Positivismus, mit der alten Geschichte Jesu Christi (Jeschua han-Nasri) und einer Teufelsfigur, die vielleicht noch das Vorbild Mephisto aus Goethes Faust überragt. Und es dürfte gerade die weitreichende Metaphysik des Romans sein, die am Ende es ermöglicht diese disparaten Momente zu einem gelungenen Ganzen zu integrieren. Die christliche Botschaft, vermittelt durch die Autorität des Schalks, des Teufels, was dann eben auch das Christliche gleich wieder erschüttert. Das aber motiviert in jedem Fall ein bleibendes Moment eines „Mehr“ hinter dem Menschlich-Allzumenschlichen, sieht man es nun weiter christlich begründet oder doch allgemeiner im Hoffnungsvollen eines den Alltag übersteigenden gemeinsam menschlichen Geistes (Manuskripte brennen nicht), der in der Kunst seinen Vorschein gibt – der große Ernst, mit dem der Roman allen Verrücktheiten zum Trotz auf diesen Kern hinter den technischen Zwängen und Kämpfen beharrt, eröffnet erst die Freiheit zum chaotisch-humoristischen Spiel, die sich Bulgakow auf jeder Seite nimmt (vgl. Zitat oben).

Absolut empfehlenswert übrigens die fast zwölfstündige deutsche Hörspielbearbeitung. Zu den vielen erhabenen Stellen, beim Gang über die Mondbrücke, beim Bankett des Teufels, im Gespräch zwischen Jeschua und Pilatus, bleibt die Inszenierung eng an der Original-Prosa, gleichzeitig wird der gesamte Text, der sich ja doch der Crux aller Romane und russischer Romane im Besonderen, der Geschwätzigkeit, nicht ganz verschließen konnte, in mindestens nicht unvorteilhafter Weise gekürzt. Die Inszenierung sollte es kostenlos im BR Hörspielpool geben, man findet sie aber auch an anderen Stellen im Netz.

Bild: Wiki, gemeinfrei

Ein Gedanke zu “Der Göttliche Witz. Zu Bulgakows Meister und Margarita

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.