Marcel, der verhinderte Killer? Das Unheimliche an Die Suche nach der verlorenen Zeit

Die folgende Polemik habe ich vor zwei Jahren auf Facebook veröffentlich, um mein Unbehagen mit dem ach so zarten Hauptcharakter aus Prousts Opus Magnum zuspitzend zu fassen zu bekommen:

Marcel, aus Die Suche nach der verlorenen Zeit ist vielleicht der gruseligste Bösewicht der Literaturgeschichte. Besonders gruselig, weil weder er selbst, noch der Roman als Ganzes jemals ernste Zweifel an seinem Tun sähen. Noch scheint der Leser sich dazu angehalten zu sehen: viel stärker stünden sonst die destruktiven Verhaltensmuster des Protagonisten in der Beschäftigung mit dem Romanmonster im Mittelpunkt. Erzählerisch ist das durch die Weitschweifigkeit und diese harmlose Zerbrechlichkeit, die über gut 2000 Seiten des Romanes vorherrscht, geschickt angelegt. Wenn man den Roman zum zweiten oder dritten Mal beginnt, erinnert man sich noch dunkel, dass irgendetwas an der Beziehung zwischen Marcel und Albertine extrem creepy war. Aber die Erzählung baut schon wieder so geruhsam plätschernd Sympathien für diesen beinahe Lebensunfähigen, nachdenklichen, zerbrechlichen Menschen auf, das vergessen zu gehen scheint, dass er ein pathologischer Kontrollfreak, ein Manipulator, ich würde so weit gehen zu sagen: Ein verhinderter Killer ist. Ein verhinderter Killer? Vielleicht nichtmal das…

Denn was macht Marcel im bezüglich der Charakterentwicklung zentralen Teil des Romans? Marcel bindet eine junge unabhängige Frau, die sich frei in der Welt bewegt und in ihrer modernen Weiblichkeit geradezu Avantgarde ist, durch einen Mix aus Versprechungen von der großen Welt und finanziellen Zuwendungen an sich. Das kann gelingen, weil Albertine letztlich doch mittellos ist und überleben muss, um leben zu können. Und die Möglichkeiten für mittellose Frauen, ein halbwegs gelungenes Leben zu führen, waren in den Zeiten, in denen der Roman spielt, noch eher überschaubar, um es freundlich auszudrücken. Marcel gesteht ganz offen ein, dass er Albertine ein Gefängnis baut. Er kontrolliert sie nicht nur, sondern leitet sie mit Manipulationen und kleinen Lügen immer wieder zu Übertretungen an, an denen er sich dann aufhängen kann und ihr ein schlechtes Gewissen machen. Er macht sie von seinem Reichtum abhängig wie ein Dealer den Junkie vom Stoff, und wann immer Albertine doch die Kraft aufbringt, die Sache vielleicht beenden zu wollen, drängt er sie seinerseits in die Rolle der Kerkerwärtern, die sein „Leben in den Händen“ habe. Psychospielchen vom Feinstern.

Albertines Unfalltod ist für Marcel dann Befreiung genau in dem Sinn, in dem auch Thomas Mann in Joseph und seine Brüder vom Tod als dem kleineren Übel gegenüber dem Verlassenwerden spricht. Denn mit den Toten ist man sicher. Man kann damit zurande kommen und die positiven Erinnerungen aufbewahren, sehr vorteilhaft für einen wie Marcel, der sowieso vor allem in der Erinnerung lebt. Doch das allein reicht ihm noch nicht, ein ganzes Buch (Die Entflohene) verwendet er darauf, sich das vergangene Leben Albertines ganz anzueignen und in all seinen „Abscheulichkeiten“ auszuloten, um es schließlich in Verträglichkeit mit dem eigenen Selbstbild neu zu deuten. Gott behüte, dass da draußen noch eine diffuse Albertine abseits der Marcelschen Vorstellung herumgeisterte. Angesichts dieser psychologischen Verfasstheit: Hätte Marcel Albertine leben lassen können, wäre sie nicht vom Pferd gefallen? Und ist sie wirklich vom Pferd gefallen? Wir kennen die Geschichte ja nur aus Marcels Perspektive.

Der übrigens scheint sich in der zweiten Hälfte von Die Entflohene mit André bereits ein neues Opfer ausgeguckt zu haben. Allein, dass der andere Marcel, Herr Proust also, wie so oft diesen Handlungsstrang dann völlig vergisst und sich anderen Dingen zuwendet, rettet dem Leser den sanften zerbrechlichen Träumer. Und dann gelingt es dem Roman tatsächlich wieder mit dem letzten Buch die ganze üble Beziehung zu Albertine in den Hintergrund zu rücken und auch dem Leser die Deutung des Protagonisten so schmackhaft zu machen, das höchstens ein leichtes Unwohlsein bleibt. Nein, wenn Marcel kein gruseliger Bösewicht ist, habe ich noch keinen gesehen.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

5 Gedanken zu “Marcel, der verhinderte Killer? Das Unheimliche an Die Suche nach der verlorenen Zeit

  1. Eva Wißkirchen sagt:

    Soweit bin ich, glaube ich, gar nicht gekommen… Ich weiß nicht mehr, wo ich aufgehört hatte zu lesen, und jetzt scheue ich davor zurück, es wieder vorzunehmen aus Angst, dass ich von vorn anfangen muss.
    Aber: Trotzdem hatte ich schon früh den Eindruck, dass bei Marcel so manches im Argen liegt. Darüber hinaus ist er mir wahnsinnig unsympathisch.
    Irgendwann werd ich mich wohl trotzdem durchquälen und sei es nur, um es dann so gepflegt abzuhaten wie Du in diesem anregenden Post.

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    1. soerenheim sagt:

      Ich mag die Bücher an sich gern, stilistisch ist vieles sehr gelungen, obschon total aus dem Ruder gelaufen. Alle Abgründe Marcels liegen ja auch tatsächlich offen, und wie es Proust gelingt, den Leser trotzdem zum Komplizen zu machen ist durchaus bemerkenswert… es wird nur dann viel zu selten thematisiert, was für ein gefährlicher Typ das ist.

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