Das gefeierte Tintenherz ist überaschend staubig. Vom über das Lesen schreiben:

Bücher über Bücher. Beziehungsweise: Romane, die erzählen wie spannend, lebendig, cool, das Lesen doch ist. Das hat was von den Gesprächen pubertierender junger Männer über Sex. Oder: Von technischen Zeichnungen von Wasserrutschen. Mag beides seine Berechtigung haben, ist aber selten wirklich aufregend. Sicher gibt es eine Handvoll guter dieser ja dazu auch noch oft anstrengend didaktischen Literatur-Romane. Im deutschen Sprachraum ist die unendliche Geschichte noch einer der besseren und selbst in dem wird nicht ständig über das Lesen geredet.

Ganz anders Tintenherz von Cornelia Funke. Der Roman wurde einst als der große deutsche Gegenentwurf zur Harry Potter ausgebaut. Anspruchsvoller, tiefer … deutscher eben. Welch eklatantes Missverständnis von Literatur. Ich habe das Buch zweimal gelesen, und es bleibt eine stockkonservativ von A nach B plätschernde Geschichte samt ausufernder Sermone über die Schönheit des Lesens. Harry Potter, sicherlich eine Romanreihe mit zahlreichen Schwächen, lebt von der zumindest in den ersten 3 bis 4 Teilen gelungenen Vergebung einer Doppelstruktur: Des Jahresrings des Internats und des Aufstiegs des dunklen Lords. Das ermöglicht es der Autorin, zahlreiche Nebenhandlungen, Charaktere usw. mal besser, mal schlechter mit den beiden Strukturen zu verknüpfen und sie zu entwickeln. Das ist für ein Kinder und Jugendbuch durchaus komplex und dürfte gemeinsam mit den zahlreichen Rätseln und dem Puzzle-Prinzip der Romane einen Gutteil des Reizes ausmachen, der Lesern und Kritikern wie Harold Bloom verschlossen bleibt, einfach weil sie diese Verfahrensweisen in weit größerer Virtuosität aus ihrer alltäglichen Lektüre kennen. Dennoch: Potter ist literarische Komposition, die vor einer gewissen Komplexität nicht zurückschreckt, ohne dabei unzugänglich zu werden.

Tintenherz dagegen ist in erster Linie ein modernes Märchen über einen Typen, der durch Lesen Figuren zum Leben erwecken kann und seine Tochter, die unglaublich gerne liest. Dass das in Intellektuellenmilieus ankommt, verwundert nicht, wird die einfache Fabel, die man dicht auf 100 Seiten hätte erzählen können, doch in erster Linie dadurch auf gut 500 aufgeblasen, dass sie über das Erzählen erzählt. Und damit versichert sich ein Milieu seiner Bedeutung. Entwicklungen gibt es im Verlauf des Romans wenige, eine Auffächerung des Geschehens findet praktisch nicht statt und Ambivalenzen, mit denen Potter der einfachen Gut/Böse-Grundhandlung zum Trotz in Massen aufwartet, kommen praktisch nicht vor. Abgesehen vom obligatorischen Helfer, der eigentlich ein Verräter ist, am Ende aber wieder zu den Guten überläuft. Nein: Die Tinten-Reihe ist sicher nicht das bessere Harry Potter, sie spielt nicht mal annähernd auf dessen Niveau.

Und ich glaube auch nicht, dass solche Bücher über das Lesen einen Effekt haben, der darüber hinausgeht, sowieso schon lesenden Menschen ihre besondere Stellung zu bestätigen. Zu lesen, wie toll lesen ist gibt dem Nichtleser sicher nicht das Gefühl, lesen sei toll. Ein wirklich packendes Buch dagegen mag ähnlich süchtig machen, wie – um an das eingangs aufgeworfene Bild anzuschließen – eine wilde Wasserrutsche.

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