DS9 ist so gut, im Aufbau der einzelnen Folgen wie auch im großen Ganzen, klebte da nicht das Star-Trek-Label drauf, man hätte sich die ganze Debatte, mit der dramaturgiefreie Endlosfilme zum neuen seriellen Erzählen verklärt werden, sparen können.

Technische Kleinigkeiten

Absolut unverständlich, wieso braucht Bashir in der Folge Melora erst eine Beziehung mit einer Frau, die auf einem Planeten mit geringer Gravitation aufgewachsen ist, um auf die Idee zu kommen, dass es spaßig sein könnte, die Gravitation im Wohnraum auszuschalten und herum zu fliegen? Das wäre das allererste, was ich ausprobieren würde, hätte ich eine Wohnung auf einer Raumstation.

Der Universalübersetzer ist schon ein faszinierendes Stück Technik. Nicht nur übersetzt der alle Sprachen des Alpha- und Betaquadranten und lernt schnell neue, er weiß auch genau, wann er einmal etwas nicht übersetzen muss, sei es ein klingonisches Schimpfwort, eine bajoranische religiöse Formel oder auch einfach mal ein für die Atmosphäre hingeworfer Satz in der jeweiligen Landessprache. Natürlich: Das ist nicht wirklich eine Schwäche: In Star Trek geht es nie um Naturalismus, sondern um das Schaffen einer Kulisse, in der sich Geschichten erzählen lassen, die im weitesten Sinne philosophische Fragen aufwerfen. Den Übersetzer braucht man für die Verständigung, wie man seine Ausfälle für die Atmosphäre und wie man menschenähnliche Aliens braucht aus schauspielerischen Gründen ebenso wie um Konflikte zu erzählen, die aus Paarungsritualen entstehen.

Ungewollte Lücken der Utopie, vielsagend

Optimistischste Utopie in StarTrek: Dass die Leute immer noch (Belletristik!) lesen.
Das größte Grauen: Dass man noch immer dem Authentizitätsfetisch huldigt („schreib nur über das, was du erlebt hast!“) .

Ebenfalls eher enttäuschend: Während es relativ normal ist, dass Menschen und Aliens von verschiedenen Planeten Beziehungen eingehen, scheint es unter Erdlingen immer noch die Norm, das Schwarze sich mit Schwarzen und Weiße mit Weißen verpartnern. Inder haben indische Partner, Franzosen französische. In Grandpa Siskos Restaurant sitzen die meisten Tische nach Hautfarbe getrennt und auch beide großen Lieben von Benjamin Sisko sind schwarz. Das ist sicher keine Botschaft, die die Autoren der Serie transportieren wollen, sondern zeigt vielmehr, wie sehr in Bereichen, die Kunst gerade nicht in den Fokus rückt, der Standard der eigenen Zeit festgeschrieben und projiziert wird.

Mit dem Thema „Rasse und/oder Kultur“ hat Star Trek das gleiche Problem wie eigentlich alle Werke, die menschliche Eigenschaften auf genetisch unterschiedliche Kulturen aufteilen. Das Universum von Star Trek ist dem antirassistischen Impetus zum Trotz rassistisch und noch problematischer: Es ist quasi „vernünftigerweise rassistisch“, denn die Unterschiede zwischen den Rassen/Aliens sind real. Manche Aliens können manche Dinge eben besser.
Das könnte dennoch ein interessantes Spannungsfeld aufmachen: Worauf bezieht sich Universalismus, wenn es sich eben nicht auf die Behauptung beziehen kann, dass prinzipiell alle gleich seien? Denn heutiger Antirassismus hängt all zu oft fest am derzeitigen naturwissenschaftlichen Status Quo, dass es keine relevanten Unterschiede zwischen Menschengruppen gebe. Was, sollten irgendwann doch solche festgestellt werden? Oder wir eben auf bewusstseinsbegabte Aliens treffen? Ist Rassismus dann plötzlich „richtig“? Oder gibt es nicht eben doch genau in diesem Bewusstsein – dem sich selbst als Individuum wahrnehmen Können – etwas, das solche Unterschiede zu transzendieren ermöglicht? DS9 geht in dieser Frage in vielen Stellen am weitesten, tritt aber auch immer wieder in heftige Fettnäpfchen.

Achje, die Klingonen…

Neben der „Geldrasse“ Ferengi können besonders die Klingonen beim Zuschauen richtig weh tun. Erst waren sie das stereotype Bild des „Russen“, obwohl doch die Föderation kommunistisch organisiert ist (also waren die Klingonen die Amerikaner?) dann waren sie Russen in Blackface, und schließlich schwarze Stammeskrieger mit Wulststirnen. Ja, man benutzt sie hier und da zur Auseinandersetzung mit Multikulturalität und „Othering“, aber wann immer nötig sind sie doch wieder die rauhen Krieger irgendwo zwischen früher Eisenzeit und nordischem Mittelalter, die sich nicht unter Kontrolle haben. Unerklärlich auch, wie eine solche Zivilisation stabil genug gewesen sein soll, um ein Raumfahrtprogramm zu entwickeln.

Apropos Klingonen: Mit Worf kann ich im DS9-Kosmos nicht wirklich glücklich werden. Seine Klingonenplots (was ist ehrenvoll? Bin ich eher Klingone oder Starfleet? Noch irgendwas mit Ehre) sind redundant und auch in sich eher platt. Dass Worf selbst in das DS9 Umfeld nicht passt wird auch dadurch, dass es zum Thema gemacht wird (Zusammenstoßen der Enterprise- und der DS9-Kultur) nicht besser. Worf ist eben nicht nur ursprünglich, sondern auch nach Form und Inhalt ein Enterprise-Charakter. Sein Ringen mit der ursprünglich noch ungewöhnlichen Interkulturalität wurde in TNG auserzählt und wirkt angesichts der sehr multikulturellen Raumstation als fortgesetztes Thema eher aufgesetzt. Vielleicht hätte man aus der Tatsache, dass der einst „Besondere“, der als erster Klingone in Starfleet sowohl herausgehoben wie auch von zwei Kulturen argwöhnisch betrachtet wurde, jetzt nur noch einer unter vielen ist und von den zahlreichen Minderheiten auf DS9 wohl eher der Mehrheitskultur zugerechnet würde, bei größerer Konzentration darauf, einiges machen können. Dafür hätte man sich die xte Auflage eines Ruhm-und-Ehre-Plots sparen können, und die sowieso schon großartige Serie hätte vielleicht noch einiges gewonnen.

Immerhin, Worf zeigt späte Einsicht (Season 7): „I dishonoured myself. I know how often I use that word. Maybe too often. But in this case, it is appropriate.“

Wo man die Bajoraner nicht ernst nimmt…

Absolut misslungen die Folge Accession. Ein zweiter Abgesandter schlüpft aus dem Wurmloch raus, der A) Bajoraner ist und auf den B) die Prophezeiungen noch besser zuzutreffen scheinen. Binnen kürzester Zeit krempelte er Bajor in Richtung eines 300 Jahre alten absolut unpraktischen Kastensystems um. Die Bajoraner, zuvor präsentiert als ein zwar zutiefst religiöses Volk, das aber durch die Besatzung Kampf und Pragmatik gelernt hat und nun das Spannungsverhältnis zwischen Glauben und einer modernen Gesellschaft, die gelingen kann, austariert, werden plötzlich zu einem Volk, das jede Idiotie ihrer religiösen Führer ohne größeren Widerstand mitmacht. Das ist natürlich schon vor dem Hintergrund Unsinn, wie viel Widerstand zuvor der religiösen Führung und dem Abgesandten (Sisko) geleistet wurde, ja, wie viel Widerstand selbst die religiöse Führung dem Abgesandten leistete. Aber man mag das wegerklären: Sisko ist ein fragwürdiger Abgesandter, der die Rolle nie wirklich spielen wollte. Doch auch erzählerisch funktioniert es einfach nicht. Es gibt alles auf, was Bajor in dem Konflikt interessant machte und ist dann auch in den nächsten Folgen wieder vergessen, obwohl Sisko jetzt mit der doppelten Bestätigung der Götter und des wieder abgedanken Abgesandten ausgestattet ist.

Schwächen in Stafgeln 4 und 5

# Babylon 5 Fans werfen DS9 gerne vor, dass es sich zum staffelüberspannenden Erzählbogen des Krieges gegen das Dominion erst entschlossen habe, als man bei der Konkurrenz gesehen habe, dass die Fans nicht abschalten. Das halte ich für zweifelhaft: Das Dominion exisitiert ab der ersten Staffel. Es schleicht sich als Gerücht an, dringt als Anrainer von Handelspartnern ins Bewusstsein, wird aufgrund seiner Macht interessant, dann zum Konkurrenten, dann zum Gegner. Dass Odo ein Gründer ist dürfte spätestens nach der zweiten Staffel, könnte aber auch von Anfang an so geplant gewesen sein. Tatsächlich macht es ja die unglaubliche Stärke dieser Serie aus, eben weder die Einzelfolgen noch die größeren Bögen zu vernachlässigen. Und im Vordergrund der Dominion-Erzählung werden weitere Bögen geschlagen: das Verhältnis zu Cardassia, das Entstehen des Marquis, usw. Auch das Verhältnis zu den sogenannten Propheten wirkt durchaus von Anfang bis Ende ausreichend durchdacht.

Viel Vorrede, um dann doch zu meckern: Staffel vier und fünf sind ein so anhaltendes retardierendes Moment zwischen Dominion-Konflikt (Staffel 3) und Krieg (5ff), dass es wirklich kaum zu ertragen ist. Hier fehlt regelmäßig genau das Andeutungsreiche, das uns das Gefühl gibt, den Konflikt im Hintergrund schwelen und wachsen zu spüren, während wir uns im Vordergrund mit Start-Trek Alltäglichkeiten herumschlagen. Stattdessen: Eine Übermacht an witzig gemeinten Episoden, mitsamt dem komplett aus dem Rahmen fallenden Tribbles-Revival und zahlreiche Paarungen von Charakteren in Eins zu Eins-Situationen, die uns nichts Neues erzählen und zuvor subtil Angelegtes eher nachteillig explizieren.

Jadzia, du wirst vermisst!

Dax Tod ist sicher die unbefriedigendste Entwicklung mit Konsequenzen im späteren Verlauf der Serie. Nicht, dass es nicht bereichernd sein könnte, Hauptcharaktere sterblich zu machen. Aber Dax Tod ist so offenkundig außerhalb der Serie motiviert (Vertragsstreitigkeiten), dass man es auch innerhalb spürt. Eine neurotische Quasikopie der vorherigen Rolle einzuführen ist dann auch noch die schlechteste aller Lösungen. Man war wohl nicht mehr bereit oder fähig, vom ursprünglichen Plan mit Jadzia all zu weit abzuweichen.

Schmerzhaft auch, dass in die Staffeln sechs und sieben einige der schlechtesten Folgen der Serie fallen. Die Valliant Folge etwa: ein ganzes Schiff voller Wesley Crushers. Weil das mit dem einen Wesley ja so gut funktioniert hat. Mehrere „lustige“ Ferengi-Folgen. Und sogar eine Folge, in der die ganze Crew von DS9 mehrere Wochen darauf verwendet, sich auf ein Baseballspiel gegen Vulkanier vorzubereiten. Nicht alle dieser Folgen sind richtig schlecht, in TNG oder in den ersten zwei Staffeln würden sie ganz gut funktionieren. Aber während eines die halbe Milchstraße erschütternden Krieges?

Noch schlimmer als Dax Tod freilich ist Vic Fontaines Leben… ja, ich habe nachgelesen: Der Typ soll wohl eine Artanalogie zu den leichten Entertainern darstellen, die sich im Krieg um die Truppe kümmern. Aber was für eine schlechte! Erstens: DS9 hat einen Ort zum entspannen: Quark’s. Und statt dass er selbst auf die Idee kommt, Entertainment anzubieten, macht das ein Programm von Bashir? Zweitens: Ein selbstbewusstes Hologramm, das sich an und abschalten kann sowie nach außen mit der Station kommunizieren? Ohne Untersuchung der hinter so einem Phänomen stehenden technischen und moralischen Fragen? Geschweige denn der Frage danach, wann Leben beginnt? Das ist geradezu Anti-Star Trek.

Zeit den Spiegel zu zerbrechen!

Geradezu unmöglich wird in DS9 das Spieluniversum. Schon immer eine eher schlechtere Lösung, um mysteriöse Geschichten in der hellen Welt der Föderation zu erzählen, braucht es das selbst düstere DS9 erst recht nicht mehr. Zudem krankt das Spieluniversum an der Problematik aller Parallelwelten: Warum sollten die mich interessieren? Zumal: Gibt es eine Parallelwelt, gibt es unzählige. Auch die Hauptwelt wird so entwertet. Und dann die Unsäglichkeit, „böse“ (oder soll das „ambivalent“ sein?) Frauen nur durch eine bis ins Extremste gesteigerte Libido und bisexuelle Tendenzen zeichnen zu können… was für ein komisches Universum ist das? Die Männer bekommen Bärte und unreine Haut und die Frauen werden – geil? Die Handvoll Folgen in dieser Parallelwelt hätte die Serie sich sparen können.

Eine letzte Bemerkung zur Abschluss-Doppelfolge: Die Zeitlinien zwischen den letzten Phasen des Krieges und den Geschehnissen in der Höhle passen doch niemals zusammen, oder? Ja, man kann das als stilistisches Mittel verklären. Aber wenn der Schnitt suggeriert, dass ein über wenige Stunden und ein über mehrere Wochen laufendes Ereignis parallel auf ihren dramatischen Höhepunkt zulaufen ist das kein gelungenes stilistisches Mittel. Das legt eher noch den Finger auf die Schwäche einer Erzählung.

Bild: Pixabay, gemeinfrei