Ich hab schon ausversehen mehr gesündigt! Sieben Nächte von Simon Strauß

In gewissem Sinne ist Sieben Nächte von Simon Strauß ein ziemlich witziges Buch.

Zum Beispiel: Der zivilisationsmüde Protagonist soll sieben Tage mal so richtig durchsündigen. Und sündigt folgendermaßen: Bunjeejumping. In einem Restaurant Fleisch bestellen. Allein in seiner Wohnung herumsitzen. Zwei Euro (!) auf einen Geheimtipp beim Pferderennen setzen. In die Bibliothek gehen (!?!). Auf eine zahme Swingerparty gehen. Autofahren. Ganz ehrlich: Ich bin ein relativ besonnener, halbwegs zurückhaltender Mensch. Aber ich habe schon aus Versehen an einem Tag mehr „gesündigt“ als dieser Typ mit voller Absicht in einer ganzen Woche.

Zu phantasielos zum Sündigen

Oder: Am Anfang des Rumgesündes steht ein Pakt mit einem „der ein Leben hat und auch einen Lauf“ (man nehme das auch als Beispiel für die eher täppische Art des Autors, mit Worten zu spielen – Katzen haben neun Leben und Hasen vier Läufe, aber was tut das zur Sache, möchte man ihm entgegenrufen) – und solche Pakte waren schon mehrfach absolute Höhepunkte literarischer Gestaltung. Fausts Pakt mit Mephisto, Iwan Karamasows mit seinem Teufel, der Adrian Leverkühns mit dem seinigen. Man muss eigentlich nur Goethe kopieren und kann wenig falsch machen. Simon Strauß aber gelingt der langweiligste Pakt der Literaturgeschichte: Yo, ham wir halt mal nen Pakt gemacht. Verpasst? Schon vorbei. Hier wie im gesamten Roman betreibt Strauß konsequentestes Tell, don’t show.

Oder: Dieser Roman über einen, der sich nach einem heroischen Zeitalters sehnt, der seine Mitmenschen gewaltsam zwingen will, Lyrik zu lesen, der Marinetti verehrt, nach einigen Anspielungen zu schließen auch Carl Schmitt, definitiv Gottfried Benn (zufällig vor allem Rechtsradikale…), ist in der wirklich nur denkbar langweiligsten Aufzähl-Manier verfasst. Erst geschah das, dann hab ich den gesehen, und dann muss ich euch noch erzählen was sich zu dem dem Thema denke. Null stilistischer Wagemut. Nicht einmal solcher, wie man ihn einem Charaktere zutrauen sollte, der nur davon träumt wagemutig zu sein. Strauß hat genau eines der Bücher geschrieben, über die sein Erzähler zwischendurch immer mal wieder lästert.

Und dann sind da noch die unzähligen kleinen Widersprüche und Absurditäten. Da labert der Erzähler gerade noch etwas von Kampf und dem Einzelnen und wie er Gemeinschaft hasst, und dann skizziert er in seiner Utopie, in der er Tiere zu Richtern ernennen will (!) ansonsten vor allem einen gemütlichen Safe Space fürs angeregte Debattieren. Und jammert ein paar Seiten weiter, es gäbe keine Kameradschaft mehr.

Nein, keine Satire
auf postpubertäre Spätnietzscheaner

All das und noch viel mehr ist, wie gesagt, in gewissem Sinne ziemlich witzig. Oder: nicht ganz. Denn man wird das Gefühl nicht los, dass Simon Strauß das tatsächlich ernst meint. Dafür gibt es außertextliche Indizien: Die zahllosen Predigten, die der Erzähler im Mund führt und für die Geschichte höchstens schwächlicher Vorwand bleibt, decken sich auffallend mit von Strauß bekannten öffentlichen Äußerungen. Wichtiger aber sind die innertextlichen Hinweise: Distanzierungen finden nur habituell statt, also dadurch, dass der Erzähler immer und immer wieder und wieder und immer wieder und wieder und wieder und immer wieder darüber klagt, dass er nicht so heroisch sei, wie er gerne wäre, und dass die Welt so unheroisch sei, und dass man nicht zum Eigentlichen (TM – S.31) vorstoße. Die Selbstkritik bricht das Jammern über diese Zeit ohne Kampf nicht auf, sie erweitert das Jammern nur auf den Erzähler. Das Jammern ist der grundsätzliche Modus des Buches. Hätte Strauß wirklich witzig sein sollen, es hätte Techniken der erzählerischen Brechung gebraucht. So aber bleibt ein Witz, der sich selbst nicht als solchen zu erkennen scheint oder schlimmer: der sich erkennt und das sogleich wieder verdrängt, und das ist der ärmliche Bruder des Witzes: die Lächerlichkeit. Die geht so weit, dass das Cover von Sieben Nächte tatsächlich ein als Gemälde stilisiertes Foto des Autors mit ein bisschen wuscheligen Haaren ziert, während der gleiche Autor im Inneren des Buches mit halbwegs gepflegter Frisur abgebildet ist. Selbst die schamlose Selbstinszenierung wird zurückgenommen. Aber nur so weit, dass sie immer noch als Selbstinszenierung funktioniert, während man sich für den Fall, dass sich jemand darüber lustig macht, gerade so auf die Brechung zurückziehen kann. Abgesichert nach allen Seiten. Witz? Lächerlichkeit? Feigheit? Man müsste ein gänzlich neues Wort prägen, diese drei Möglichkeiten in Eines zu fassen – ein wenig Fremdscham sollte wenn möglich auch noch mit ausgedrückt werden.

Gibt es etwas Positives zu sagen? Ein wenig: Strauß ist keiner dieser Jünger-Jünger, die den Meister so falsch verstehen, dass ihre Bücher sich lesen als hätte Heidegger einen Roman verbrochen, und man kann Sieben Nächte wirklich kaum vorwerfen, Propaganda für die „Neue Rechte“ zu machen, wie es bei Erscheinen des Buches manchmal geschah. Im Gegensatz zu den Werken Lewitscharows, Mosebachs oder den neueren des Vaters Strauß ist Sieben Nächte zumindest halbwegs lesbar, der Fetisch der Eigentlichkeit erstarrt nicht zum Jargon. Einen wirklich guten Grund, den Roman zu lesen, außer dem, mitreden zu können, kann ich allerdings nicht nennen.
Immerhin: der Text ist kurz.

Hier gibt es eine ausführliche Textanalyse, darunter noch ein Kommentar von mir.

Bild: Breughel, Hochmut, gemeinfrei

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