Stephan Thomes Der Gott der Barbaren ist der Titel, mit dem ich auf der Buchpreis-Shortlist mit großem Abstand am wenigsten gerechnet habe. Der Roman erzählt die Lebensgeschichte eines eher pragmatisch vorgehenden Missionars, der nach schwerer Kindheit und Sympathie für die europäischen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts in den späten 1850ern nach China kommt, die Opiumkriege und die Taiping-Rebellion miterlebt und mit dem Chinesen Hong Xiuquan bekannt wird, der sich bald für den wiedergeborenen Sohn des christlichen Gottes hält und ein chinesisch-christliches Reich anstrebt. Der dabei entwickelte Synkretismus und die Schwierigkeiten der britischen Besatzer, dazu ein Verhältnis zu entwickeln, gehören sicher zu den interessanteren und auch amüsanteren Passagen des Romans.

Unmotivierte Perspektivwechsel

Ansonsten liest sich Der Gott der Barbaren meist wie ein Abenteuerromans aus dem 19. Jahrhundert. Dem Icherzähler werden einige auktorial erzählte Passagen über britische Offiziere im Opiumkrieg, Tagebücher und mehr beigegeben, wobei die ästhetische Integration der Stränge kaum gelingt: Das steht dann alles recht wild nebeneinander, man hat das Gefühl, wenn der Autor auf eine Weise nicht weiter kommt, erzählt er eben in einer andere weiter, um keine zu großen Informationslücken entstehen zu lassen. Gelobt wird der Roman, weil er im Vergangenen gewisse neuzeitliche Themen, besonders die assymmetrische Kriegsführung und die Religion als Treiber von Konflikten, wieder finde. Das sollte man nicht überbetonen, denn heutige und damalige asymmetrische Kriege sind kaum zu vergleichen. Und, das trifft es schon eher, als unterhaltendes Stück in der Tradition Hemmingways oder Karl Mays. Wobei man da durchaus besonders den zweiten Namen stark machen sollte.

Denn der Gott der Barbaren strotzt von Klischees. Ein am Ritus erstarrtes Reich voller Korruption, unterwürfige Chinesen, usw. Gewiss, anders als May serviert Thoma das nicht als „Wahrheit“, vielmehr ist es dem Sinologen ein, wenn nicht das Hauptanliegen, diese Bilder als Resultate des westlichen Blicks zu dechiffrieren, Klischees als zu dekonstruieren. Das aber wird nicht wirklich in erzählerischer Behandlung gelöst, sondern dadurch, dass in ausufernder Weise offenkundig unsympathische Menschen in Gesprächen über China dahintheoretisieren. Und als sei das nicht anstrengend genug sind die sympathischen Protagonisten so offenkundig weiße selbstkritisch Europäer des 20. und 21. Jahrhunderts, Marty Stues, wie man im Fansprech sagt, dass es kaum zu ertragen ist.

Protagonisten als Sprachrohre

Wenn Literaturreich die Beanstandung zurückweist, „dass die Gedanken der Protagonisten, besonders auch der fernöstlichen, durch die heutige Sicht-, Denk- und Sprechweise gefiltert werden, praktisch nicht mehr authentisch sind“, da das „nahezu jeden historischen Roman diskreditieren, nur noch historische Monographien und Quellen zulassen“ würde, mag das breit gesprochen zutreffen.
Natürlich lässt ein „authentisch“ aus seiner Zeit geschöpfter historischer Roman sich kaum schreiben. Aber einer, der sich einerseits doch stark als solcher gibt und dann andererseits das offenkundigste Autor/Leser-Surrogat seit Tolkiens Hobbits mitschleppt, ist kein besonders guter Kompromiss zwischen den Schwierigkeiten, vor die historische Romane immer stellen.

Wie Protagonist Philipp Johann Neukamp die christliche Mission, deren Träger er ist, kritisch durchblickt und ebenso die Kriege und das britische imperiale Bestreben, das ist jedes modernen Cultural Studies Uniseminars würdig. Umso überraschender, dass zahlreiche Leser und Rezensenten das Zusammenstoßen „östlicher und westlicher Mentalität“ dann relativ ungebrochen ins Zentrum des Romans stellen: so sehr wie  Autor Thome gerade das doch mit dem Holzhammer gebrochen hat.

Nichts wäre dagegen einzuwenden, einem gut gemachten Abenteuerroman gegenüber der gerne mit Preisen bedachten intellektuellen Selbstvergewisserungsprosa in diesem Jahr den Vorzug einzuräumen. Und ein selbstkritischer Abenteuerroman, der gleichzeitig mit erzählerischen Mitteln die Stereotype des Abenteuerromans unterläuft, o h n e dabei langweilig zu werden, ja, das wäre ein würdiger Buchpreiskandidat.

Aber Der Gott der Barbaren ist dann eben zugleich auch regelmäßig mehr Predigt als Roman.

Bild: Wiki, gemeinfrei