Serie Barcelona-Romane: Die Stadt der Wunder von Eduardo Mendoza

Für meine kleine Serie mit Romanen, die in Barcelona spielen, habe ich auf Die Stadt der Wunder von Eduardo Mendoza besondere Hoffnungen gesetzt. Und zumindest eingangs überzeugte der Roman absolut. Das wimmelnde Leben im Vorfeld der Weltausstellung 1888 wird durch die Augen des dreizehnjährigen Onofre, der versucht in der Stadt auf einen grünen Zweig zu kommen, in großer Lebendigkeit vors Auge gestellt. Onofre steigt in einer heruntergekommenen Pension ab, deren skurrile Bewohner eine finstere, gothisch-romantische klaustrophobische Enge verkörpern, demgegenüber steht die Aufbruchstimmung der Stadt, in der das Überleben doch alles andere als leicht ist. Mithilfe der Tochter des Wirtes findet Onofre einen Job als Verteiler von Flugblättern für Anarchisten, schon bald nutzt er die dort gelernten agitatorischen Fähigkeiten um nebenbei Haarwuchsmittel zu verkaufen. Parallel wird in weit ausgreifenden beschreibenden Passagen die Stadt vorgestellt, wobei das nie ins trockene Runterleihern von Fakten ableitet, selbst einfache Listen wirken auch in der deutschen Übersetzung noch durchpoetisiert.

Leider hält Mendoza das Niveau nicht ganz. Während Onfre zu einer Größe der Stadt aufsteigt, die ihr Geld in der aus dem System nicht wegzudenken Zwischenwelt zwischen geachtetem „freien Markt“ und Verbrechen verdient, unter anderem als Spekulant nach der Stadterweiterungs ein Vermögen macht, Kontakte zum russischen Herrscherhaus knüpft, im Ersten Weltkrieg Waffen schmuggelt und die zweite Weltausstellung von 1929 vorbereitet, wird der Leser anfangs noch aus erster Hand an faszinierende Unterwelttreffpunkte, über die sich verändernden Ramblas, ins Hafenviertel und das katalanische Hinterland, wo die Zeit fast stehen geblieben zu sein scheint, geführt. Doch die immer noch häufigen historischen Passagen lesen sich nun auch rein wie solche, und sie unterbrechen die Geschichte Onofres all zu oft. Die selbst allerdings würde auch kaum durch ein Buch von 500 Seiten tragen, zu leicht fällt Onofre der Aufstieg, immer wieder scheint der Protagonist vor allem entworfen, um ganz Barcelona zwischen 1888 und 1929 zu zeigen. Das Leben Onofres selbst enthält kaum tiefere Konflikte, es bleibt ein Aufhänger fürs Panoptikum, das aber wiederum später immer weniger befriedigt. Immerhin: Onofre ist keiner dieser „Helden“, die der Leser dann auch noch bewundern soll. Er ist ein Vergewaltiger, lässt die eigenen Eltern und den besten Freund über die Klippe springen, beweint, nachdem er den langjährigen Mitstreiter getötet hat, seine Einsamkeit und nie versucht Mendoza aus diesen Typen dennoch einen Heroen zu machen.

Die Stadt der Wunder ist kein schlechtes Buch. Sie ist eines der besseren Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe, und bliebe der ganze Roman auf dem Niveau der ersten 80 bis vielleicht 150 Seiten, eines der besten Bücher überhaupt. Aber die Stadt der Wunder hätte eben deutlich mehr sein können. So besteht absolute Leseempfehlung nur für an Barcelona besonders interessierte oder mit der Stadt verbundenen Menschen, einen ganz großen Großstadtroman, der auf einem Niveau mit Berlin Alexanderplatz, Nairobi, River Road, Jazz oder Manhattan Transfer verhandelt werden könnte, hat Mendoza leider nicht geliefert.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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