Klappentexte sind kurios, besonders in den Verrenkungen, mit denen Verlage die sogenannte E-Literatur („E“ = „ernsthaft“, leider nicht „elektrisch“) zu bewerben suchen. So etwa geht der zu Clemens Setz‘ Indigo:

„Im Norden der Steiermark liegt die Helianau, eine Internatsschule für Kinder, die an einer rätselhaften Störung leiden, dem Indigo-Syndrom. Jeden, der ihnen zu nahe kommt, befallen Übelkeit, Schwindel und heftige Kopfschmerzen. Der junge Mathematiklehrer Clemens Setz unterrichtet an dieser Schule und wird auf seltsame Vorgänge aufmerksam: Immer wieder werden Kinder in eigenartigen Maskierungen in einem Auto mit unbekanntem Ziel davongefahren. Setz beginnt, Nachforschungen anzustellen, doch er kommt nicht weit; er wird aus dem Schuldienst entlassen. Fünfzehn Jahre später berichten die Zeitungen von einem aufsehenerregenden Strafprozess: Ein ehemaliger Mathematiklehrer wird vom Vorwurf freigesprochen, einen Tierquäler brutal ermordet zu haben.“

Nur um an diesen vollkommen korrekten Inhaltsteaser anzuschließen:

„Und jetzt noch einmal von vorne. Vergessen Sie die Zusammenfassung einer Romanhandlung, die sich jeder Zusammenfassung entzieht, und lesen Sie das Buch“

Dabei trifft die Zusammenfassung die komplexe Handlung geradezu vorbildlich. Ich hatte wegen des idiotischen Nachsatzes die Sorge, auch hier wieder einen Roman vor mir zu haben, bei denen der Autor den Stoff einfach nicht unter Kontrolle bekommt und das sich Verzetteln vom Bug zum Feature umgedeutet werden soll. Dass der Verlag auf dem Buchrücken auch noch wirbt: „So böse wie Nabokov, so virtuos wie David Forster Wallace“, stärkt das Vertrauen nicht. Das klingt wie: „So talentiert wie Dieter Eilts, so diszipliniert wie Maradona“. Andersrum wäre besser. Man erinnere sich: Forster Wallace schreibt Sätze wie: „Er fieberträumte von dunklen gewunden Sturmwolken, die sich dunkel wanden…“ („He fever-dreamed of dark writhing storm clouds writhing darkly…“).

Die so genannte hohe Literatur fetischisiert heute in einem geradezu furchteinflößendem Maß das Chaotische und das Nachlässige. Das ist nicht progressiv, sondern das ultrabürgerlicher Widerkäuen jenes Ungeistes, nach der die Kunst nichts weiter zu tun habe, als das Leben zu imitieren. Und wenn das Leben chaotisch erscheint, soll auch die Kunst nicht mehr als dessen plumpe chaotische Widerspiegelung sein. Aber dass man so weit geht, ein tatsächlich brillant komponiertes Werk auf diese Weise werblich zu pseudo-chaotifizieren…
Um es mit den Worten eines großen postmodernen Performancekünstlers zu sagen: So Sad.

Wer Setz‘ Indigo angemessen würdigen will, muss würdigen, wie dieser Text erzählt wird. Auf den ersten Blick: Trotz aller Finessen naturalistisch. Das würde den Autor tatsächlich in eine Reihe mit Neo-Naturalisten wie Joshua Cohen stellen, für die moderne Verfahrensweisen nur noch ein Mittel sind, das Chaos der Welt chaotisch abzubilden, und denen die gelungene Form zwangsläufig Anathema ist. Setz geht so weit, als einen seiner beiden wichtigsten Protagonisten, den Mathematiklehrer Clemens Setz einzuführen, dessen dokumentarisches Interesse am Leben der „Indigo-Kinder“ den erzählerischen Rahmen des Buches liefert. Eingebaut sind Briefwechsel, Notizzettel, sogar pseudodokumentarische Fotos. Doch schnell wird deutlich, dass es dabei nicht bleibt. Die Sprache selbst arbeitet gegen den Dokumentarismus, ebenso die Doppelkonstruktion, nach der das Leben des ehemaligen (?) Indigokindes Robert Tätzel bald ebenso wichtig wird wie die Recherche von Setz. Jener Erzählstrang hat dann auch, nachdem sogar fragwürdig wurde, wie weit das Phänomen Indigo überhaupt existiert und wie weit hier eine machtvolle gesellschaftliche Projektion am Werk ist, das letzte Wort:

„Vor ein paar Tagen hatte Robert den Mond am Tag gesehen. Dieses bedauernswerte Versehen im Sonnensystem. Dieser verwirrte Ausdruck, den er hatte. Die Menschen auf der Brücke, die sich nicht um ihn kümmerten. Es war schrecklich, ihn so zu sehen. Mit schwerer Schlagseite, halb gekentert im Blau. Hellweiß und zart wie Gehörknöchelchen. Und kein Zuständiger, kein Notdienst, dem man es hätte melden können, wie man einen gestrandeten Wal meldet oder eine junge Katze, die in einer Baumkrone festsaß. Als wäre der Himmel eine Klebefalle, ausgelegt vor Tausenden Jahren, in der er sich heute Morgen verfangen hatte und von wo er nun befremdet und zugleich fasziniert herunterstarrte auf die ihm sonst unbekannten Tageslichtspielarten der Menschen und Tiere, unfähig, sein Gesicht mit dem halb offenstehenden Krater-Mund auch nur für eine Sekunde von uns abzuwenden.“

Es sind solche Passagen, die immer wieder spürbar machen, wie weit die Komposition von Setz über einen Widerspiegelungsroman hinausgeht, T r a n s z e n d e n z im besten Sinne des Wortes anstrebt.

Nachtragend noch einige Worte zur Konstruktion der W e l t   d e r   H a n d l u n g: Auch das ist meisterhaft gelöst. Indigo „existiert“ als „Störung“ einfach, wie andere Störungen in unserer Welt existieren, verbunden mit einem ganzen Bündel an Vorurteilen, Fehlurteil, Mitleid, Hass, usw. Setz führt Indigo ganz natürlich ein, ohne Erklärbär-Passagen, wie man etwa auch über Downsyndrom, Inselbegabung und was weiß ich noch schreiben würde. Womit eben nicht gesagt sein soll, dass Indigo in der Welt des Buches als real messbare Auswirkung existieren muss. In dem von Setz gesetzten Sinne existierte auch zB die Besessenheit von Dämonen dereinst: Als gesellschaftlich breit angenommene Wahrheit, die allein dadurch schon das Leben zahlreicher Menschen verändert – selbst wenn dem Phänomen nichts Physisches korrespondiert.

Bild: Pixabay, gemeinfrei