Nachreichungen zu den Shortlisprognosen: Die Gewitterschwimmerin und Jahre Später

Die Gewitterschwimmerin

Auch Die Gewitterschwimmerin von Franziska Hauser ist so eine Familienerinnerung, wie sie vielleicht ein wenig all zu häufig auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt auftauchen. Eine Biografie, an der 150 Jahre Geschichte dran hängen. Und in diesem Fall wirklich die ganze Geschichte: Die jüdische Seite der Familie wird bereits im 19. Jhdt antisemitisch angegriffen, im Nationalsozialismus verfolgt, später lebt man in der DDR und hat auch dort die ganze Last der verdrängten Vergangenheit und der Gegenwart zu tragen.

Im Zentrum der Geschichte steht Tamara, in den 90ern etwa 40 Jahre alt, Mutter mehrerer Töchter und eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Auch wenn sich die kurze Zusammenfassung so liest, ist die Gewitterschwimmerin keine reine Opfergeschichte. Nichtmal ansatzweise: Die Familie selbst ist zerrüttet, um nicht zu sagen kaputt, zumindest Tamara und ihre Geschwister scheinen sexuelle Übergriffe der männlichen Verwandtschaft erlebt zu haben. Doch auch bei der Mutter blitzen Momente auf, die an ähnliche Erlebnisse denken lassen. Und die Schwester Dascha leidet unter psychotischen Schüben.

Glaubt Tamara deshalb, ihre Tochter konkurriere um ihren Geliebten mit ihr? Oder nähert dieser sich tatsächlich der Tochter an?

Die Gewitterschwimmerin entwickelt diese Geschichten in zweifach rückblickender Weise. Jedem eher zeitgenössischen Kapitel folgt eins aus der entfernten Vergangenheit. Doch auch die jüngeren Kapitel werden chronologisch rückwärts erzählt, während die älteren der normalen Zeitlinie folgen. Die Stränge bewegen sich also aufeinander zu. Leider wirken die Schilderungenen, umso vergangener, auch umso generischer und insgesamt bringt die Erzählweise keinen größeren ästhetischen Gewinn: Es ist nicht so, dass so geschickt mit den Zeiten gespielt würde, als dass sich mit dem Lesen ein zunehmender Aha-Effekt einstellen würde, der nicht auch chronologisch zu erreichen gewesen wäre.

Ansprechend, aber nicht herausragend. Die Gewitterschwimmerin kann man lesen, auf der Longlist gibt es aber eine ganze Reihe stärkerer und ähnlich starker Titel.

Jahre Später

Jahre später von Angelika Klüssendorf fängt genau dort an, wo April aufgehört hat. Nicht nur die Handlung betreffend. Wieder ist der Text im kleinen richtig gut gearbeitet. Mit dem Anspruch, die Sprache tatsächlich aus der Handlung entstehen zu lassen und entsprechend sehr dicht geschrieben. Und wieder fragt man sich andererseits, warum es überhaupt einen Anfang oder ein Ende gibt. Jahre später fließt, plätschert, plaudert, nennt es wie ihr wollt, einfach weiter von Ereignis zu Ereignis und wie schon den Vorgängerromanen fehlt (fast, s.u.) jegliche Tiefenstruktur. Stil top, Komposition – kaum vorhanden. Manchmal springt die Geschichte gar über Monate und Jahre, ohne dass klar werden würde, warum die spätere Ereignis nun wieder berichtenswert sind, während zuvor ähnlich Aufregendes oder nicht Aufregendes übersprungen wurde.

Funktionierte April aber noch als relativ geschlossene Geschichte, in der klar wurde, warum die junge Frau so sprunghaft ist, jedes Glück torpedieren muss und gleichzeitig immer wieder Situationen aufsucht, die ins Unglück führen müssen, lässt sich das im Fall von Jahre später nur noch verstehen, wenn man die Vorgängerromane kennt. April lebte von der Parallelschaltung von Rückblenden in die schreckliche Kindheit der Protagonistin und ihr Leben als junge Frau. In Jahre später ist die Kindheit nur so kurz und unpräzise eingeschaltet, dass sich die Psychologie der Hauptfigur daraus nicht wirklich erschließen lässt. Jahre später ist eine e c h t e Fortsetzung.

Überhaupt ist es auch mit der Dichte beim zweiten Blick so weit nicht mehr her. Kürze ja, Dichte – nein: Denn tatsächlich reiht Autorin Klüssendorf Szene an Szene, wobei die Motivation selbst der Hauptfigur, von der trotz dritter Person im Großen und Ganzen wie in einem Tagebuch berichtet wird, kaum vernünftig zu blicken ist. Zu Beginn des Buches ist April, die in der DDR zur Untergrundschriftstellerin wurde, gefeierte Autorin. Dann heiratet sie, kriegt weitere Kinder, die Ehe geht in die Brüche und in der ganzen Zeit scheint sie nicht zu schreiben, was einmal kurz Thema wird und wahrscheinlich etwas mit Ehe und Kindern zu tun hat (das liegt nahe, das Buch tut aber wenig, es spürbar zu machen) – und dass sie „über ihr Leben schreiben“ müsse, was sie aber nicht will, aber in keiner Weise so thematisiert wird, als sei das Schreiben für die Protagonisten tatsächlich von Bedeutung. April stolpert von einer schlechten Situation in die nächste, und daraus entwickelt sich nicht wirklich etwas, außer dass das Buch nach 160 Seiten ein abruptes Ende findet. Immerhin, auch April findet, nämlich wieder zum Schreiben, und zwar doch endlich über das eigene Leben.

Und beginnen will sie ihr Buch über die Kindheit so: „Scheiße fliegt durch die Luft“. So beginnt auch Das Mädchen, Teil 1 der kleinen Trilogie. Diese Zirkelstruktur macht zwar die willkürliche Form innerhalb der drei Romane nicht vergessen, bringt aber zumindest die Trilogie, die sonst endlos weiter laufen könnte, zu einem ernst zu nehmenden Abschluss.

Fazit: Stilistisch und von Szene zu Szene durchaus lesenswert, das große Ganze überzeugt derweil nicht wirklich.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Ein Gedanke zu “Nachreichungen zu den Shortlisprognosen: Die Gewitterschwimmerin und Jahre Später

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.