Der Islamische Staat an der Grenze zur Türkei – Unruhe von Zülfü Livaneli

„Zu meiner Kindheit war der Islam in Mardin noch anders. Wenn wir an meiner betenden Großmutter vorbeiliefen oder ihr gar auf den Rücken kletterten, fürchtete sie zwar, ihr Gebet werde dadurch ungültig, doch wehrte sie sich nur so, dass sie gutmütig ihre Gebetsformeln mit lauter Stimme wiederholte (…) In der Stadt, in der Schule, überall waren Aramäer, Muslime, Juden und Zoroastrier miteinander befreundet und feierten gemeinsam die jeweiligen Feiertage. Jetzt dagegen verkommt die Stadt unter dem Schatten eines in sich gekehrten, verhärteten, wütenden Islams.Wenn das andere Ich an der Vaterhand durch die Straßen ging, wurde ihm fast schwindlig von der Mischung aus Anis- und Grilldüften, die manchen Restaurants entströmte. Das roch so gut und so ganz anders als das Essen zu Hause, dass das Kind – wenngleich auch daheim Raki getrunken und an aramäischem Kirschwein genippt wurde – sich vorkam wie in einer anderen Welt. Nun hingegen erscheinen mir die Straßen dunkler als damals, freudloser, öder (…)“

Das schreibt Zülfü Livaneli in seinem neuesten Roman Unruhe. Diese Themen, die Veränderung der Grenzstadt Mardin unter der nahen Bedrohung, aber auch unter dem Einfluss des türkischen fundamentalen Islams, der Widerstreit zwischen lokaler Tradition, Verwestlichung und dem wie auch in Unruhe wieder deutlich wird tatsächlich fundamental m o d e r n e n Islamismus – variiert der Roman in zahlreichen Konstellationen. Dabei wirken besonders die ersten Seiten hervorragend. Bildhafte Beschreibungen, präzise Beobachtungen machen die Hauptkonflikte in einer Weise erfahrbar, die an den großen Yasar Kemal erinnern lässt. Zusammengehalten wird das von der Handlung um den Tod Hüseyins, der sich in Syrien in eine geflüchtete Ezidin verliebt, dem islamischen Staat noch gerade so in die USA entkommt und dort ausgerechnet von Nazis umgebracht wird. Der unwahrscheinlichen Liebesgeschichte und dem Verbleib der Geliebten nach forscht der Istanbuler Journalist Ibrahim, der in Mardin aufgewachsen ist und mit Hüseyins zur Schule ging.
Leider kippt der Roman mit der Zeit öfter ins Thesenhafte. Dem Verhältnis von Muslimen und Christen der Region zu Eziden wird viel Raum gegeben, vor allem durch einzelne lokale Stimmen, die den Journalisten in ausgedehnten Redeströmen berichten. Hier fehlt dann die Vermittlung zur Welt, die die ersten Seiten des Romans so stark macht. Eine interessante Lektüre bleibt Unruhe dennoch. Und zwischendurch setzt der Text auch immer mal wieder literarische Glanzpunkte. Wer noch immer nicht realisiert hat, wie nah die Konflikte des Nahen Ostens an – bzw. in die Türkei hinein gerückt sind und was das für die Bevölkerung und (mindestens auch) Europa bedeuten könnte, wird hier reichlich Material zum Nachdenken finden. Kurz ist der Roman noch dazu. Eigentlich gibt es keinen Grund, ihn nicht zu lesen.

Anmerkungen:

– Etwas überkonstruiert wirkt die Rahmenhandlung mit dem Nazimord. Kann aber beim Lesen meist vernachlässigt werden.
– Ibrahim ist offensichtlich der moralische Anker der Erzählung. Dass er platt behauptet, am gesamten Syrienkonflikt sei die USA schuld, macht ihn als solchen ebenso problematisch wie die Art, wie er über die Exfrau redet. Vielleicht wollte – Livaneli aber auch einen ambivalenteren Charakter kreieren. So richtig klappt das aber nicht.
– Das Buch ist erschütternd brutal. Nicht durch exzessive Gewaltdarstellung. Sondern durch das unvorstellbare, distanziert geschilderte Schicksal der Sklavinnen des IS.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

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