Ein Muster bildet sich: Orhan Pamuks Diese Fremdheit in mir

Herrje, hat Orhan Pamuk eigentlich niemand erzählt, dass Romane auch deutlich kürzer sein dürfen als 500 Seiten? Schade, das vorletzte auf Deutsch erschienene Werk des Nobelpreisträgers machte wirklich Hoffnung. Nachdem Das schwarze Buch in der ersten Hälfte noch einen der großartigsten Großstadtromane der Weltliteratur darstellte, nur um sich im zweiten Teil in postmoderner Selbstbezüglichkeit zu verfangen, Rot ist mein Name mehr Kreuzworträtsel als Literatur war und Das Museum der Unschuld nur noch ein kitschiger Groschenroman, der mittels einiger Tricks aus der PoMo-Mottenkiste die Liebe des Feuilletons erregte, hebt Diese Fremdheit in mir richtig gut an.

Die Geschichte folgt dem Boza-Verkäufer Mevlut, der sich mit dem Vater in der Goldgräberzeit der sechziger Jahre auf dem Hügel Dutepe in Istanbul ansiedelt, sie führt durch das rasante Wachstum der Stadt, Kriege zwischen kommunistischen und faschistischen Hügeln, Mevluts flügge Werden, Militärzeit, Militärputsch(e), seine erste und einzige Liebe und durch die Aufstiegszeiten des Erdoganschen Politislams bis ins Jahr 2012. Dabei spielt Pamuk endlich einmal wieder mit einem deutlich größeren Ensemble , was den Selbstbespiegelungsexzessen seiner sonstigen Mittel- und Oberschicht-Schmerzensmänner wirksam einen Riegel vorschieben. Auch der Ausflug in die Gefilde der Arbeiter und Tagelöhner tut diesbezüglich gut. Und: Endlich wieder seit Das Stille Haus gibt es Frauen, die als Menschen mit Agenda und Macken auftreten (sie waren ja zuletzt nur noch Männerphantasien). Fremdheit macht einem, der Pamuk für hochtalentierte hält und immer noch darauf wartet, dass er einmal Gesamtkonzept und Stil im Kleinen zusammenbringt, durchaus Hoffnung.

Naja, bis man sich durch die ersten 200 Seiten gearbeitet hat und feststellt: Da tut sich nicht viel. Variationen der immergleichen prekären Lebenssituation überlagert von Variationen des immergleichen melancholischen Zeitgefühls. Am Ende wird die Stärke dem Roman zur Schwäche. Pamuk, scheints, fehlt ein genuines Gefühl für die Erlebniswelt seiner Protagonisten. Mevlut ist ein Celal Salig minus Intellektualismus. So verkommt er zum modernen Simplizissimus, ein Schelm wider Willen, der seit der Schulzeit (da ist’s die 9. Klasse) zwanghaft zum Wiederholen verdammt ist. Als Idee hat das ja noch einen gewissen Charme. Über fast 600 Seiten auserzählt wird es irgendwann ähnlich quälend, als hätte Michael Ende die Dauerschleife seiner unendlichen Geschichte nicht nur angedeutet, sondern ernsthaft durchgeführt.
Zudem geht Pamuk mit dem glaubhaften Innenleben seines Protagonisten auch die Stadt verloren, das Millieu, das er selbst in seinen schwächsten Werken am besten zu zeichnen versteht. Pamuks Istanbul ist ein Dorf. Nichts von der Beklemmenden Großstadtenge des Schwarzen Buches mit seiner Keller-, Winkel- und Hintergassenmagie, doch auch nichts von der erbarmungslosen Hektik zB von Fatma Aydemirs Istanbul. Anfangs, als in Dutepe und Kultepe die Gecekondus über Nacht aus dem Boden wachsen, noch viel getratscht wird und weder Wasser noch Strom vorhanden sind, mag das passen. Doch auch die städtischen Lagen werden dörflich geschildert, die Hochhaussiedlungen in die auch Mevlut in den Nuller-Jahren übersiedeln muss. Es scheint Pamuk unmöglich, eine Großstadt in das beschaulich dörfliche Innenleben seines Protagonisten zu spiegeln.

Dabei versucht er es, man kann ihm wirklich nicht vorwerfen, er versuche es nicht. Mehr versucht er: Die ganze türkische jüngere Geschichte soll in diesen Mevlut rein. Er klebt kommunistische Plakate, kollaboriert mit Faschisten, inseriert bei Islamisten und freundet sich mit einem Derwish an. Er kommentiert die Putsche, wählt Erdogan ohne darüber zu sprechen, denkt sogar über den Mord an Celal Salik (vgl. Das Schwarze Buch) nach, und all das wirkt fast nachträglich in die Handlung verbaut. So wie sich Pamuk seinen Mevlut konstruiert hat, ist in ihm einfach kein Platz für Geschichte.

Junge, möchte man den Autor anschreien. Du hast doch alles vor dir liegen, was du brauchst. Du kannst wunderschöne Szenen und nachdenklich machende Analogien. Du kannst Tempo und Drastik. Sowie auch die Einfühlung in islamische bis islamistische Milieus. Der große Roman, der immer noch aussteht, würde all das vereinen. Auf möglichst wenigen Seiten, um den schrecklichen Hang zur Redundanz rechtzeitig abzuwürgen.

Fremdheit ist seit längerem Pamuks bester Roman. Er ist der erste seit Das stille Haus, den man ohne zwischenzeitlich den Kopf gegen die Wand zu schlagen von Anfang bis Ende lesen kann. Er ist der beste, und dennoch kein besonders guter. Von einem der ganz großen Autoren unserer Zeit muss man mehr erwarten.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

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