Zu Dylan Thomas‘ Under Milk Wood ließen sich sicher lange Abhandlungen schreiben. Ich möchte mich hier auf das Nötigste beschränken. Zum Autor selbst habe ich mich ja bereits ausführlicher für Postmondaen geäußert:

Um, was heute von Thomas bleibt, möglich zu machen, bedurfte es wohl einer spezifischen historischen Konstellation ebenso wie dem kaum wiederholbaren Zusammentreffen mit einer besonderen Persönlichkeit aus ebenfalls sehr spezifischem Umfeld:

Einer, der mit dem Dasein und der Zeit hadert, ohne sich verbittert abzuwenden. Der die Umwälzungen der Moderne, in die er hineingeworfen wird, jederzeit auch anzunehmen bereit ist und sie auf Möglichkeiten abzuklopfen, wenn schon nicht dauerhaft Glück, so zumindest Gehör zu finden. Ein noch frühbürgerlich-bäuerliches Aufwachsen in einer zwar im Weltmaßstab zentral gelegenen, im zerbrechenden Empire aber schon peripheren Region, an einem Ort wo noch Sonnenlauf Jahreszeiten, Rückstände von Zunft- und Ständewesen das Leben bestimmen, doch London und Radio, Lichtspielhäuser, U-Bahn und Flughafen nicht fern sind. Ein junger Mann, der diese Gegensätze ergreift, der auch keine Angst vor den neuen Medien hat. Kein Lyriker vor und interessanterweise auch keiner mehr nach ihm begriff so wie Thomas die Möglichkeiten diverser Tonträger und war bereit die schwierige Balance zwischen leicht verkopfender Schreibtischdichtung und klangvoller – damit aber auch kitschgefährdeter – Vorleselyrik zu suchen, ohne eines dem anderen aufzuopfern.

Nur so einer kann einen Text wie Fern Hill verfassen, der gehört werden muss um verstanden, mehrfach gelesen, am besten einmal selbst übersetzt, um zumindest annähernd erschlossen zu werden.“

Polyphoner Roman mit verteilten Rollen

Under Milk Wood wird immer seine Kritiker finden. Das sei kein gutes Theaterstück. Keine stringente Handlung, weder im Sinne klassischer Fünf-Akt-Struktur noch im Sinne liberalerer Auslegungen. Die Kritiker sagten besser: Das ist kein gutes Drama. Denn richtig: Es ist kein Drama. Sowie Peter Hacks TS Eliots dramatisches Werk nur insoweit kritisch trifft, wie dieses an der westlichen Theatertradition orientiert ist und vollkommen fehl geht, wenn er übersieht, wie viel Eliot dem Noh-Theater verdankt (allerdings auch vor diesem Hintergrund Schwächen zeigt: Eliots Stücke sind einfach zu lang um meditativ zu sein), so liegt gleich gänzlich falsch, wer Under Milk Wood als Drama kritisiert.

Es ist viel eher: Ein melodiös durchkomponierter Kleinstadtroman mit verteilten Rollen. Ein modernes Langgedicht, eine kleinstädtische Symphonie, ein Werk, das größere Ähnlichkeiten mit Berlin Alexanderplatz oder Manhattan Transfer aufweist als mit Racines Phädra. Und vor diesen großen Romanen muss es sich nicht verstecken. Under Milk Wood ist noch dichter, balanciert mit nie wieder dagewesener Leichtigkeit den scheinbar urwüchsigen Tonfall des Barden mit den Nickligkeiten zeitgenössischer Familienverhältnisse, mit Dorfklatsch und dem Aufkommen von Unterhaltungsmedien. Jede Stimme, auch jede Stimmung hat ihren Rhythmus und ihre Melodie (Thomas ist nicht zuletzt auch der Dichter, auf den man sich einzulassen hat, um zu sehen wie erbärmlich kurz die Klassifizierung von Lyrik allein nach Rhythmusschemen greift, egal wie komplex sie seien – Thomas singt sein „Do not go gentle“ in einer Weise, die das ordentliche musikalische Cover Cales im Vergleich blass erscheinen lässt)), und der höchste und der niedrigste Ton finden zusammen in einem Gesamtwerk, das die Ansprüche des Intellektuellen ebenso befriedigen dürfte wie – von den berühmten Aufnahmen mit Thomas in der Hauptrolle zu schließen – das Publikum, das ausgeht, „in oder to have a good time“.

Muss man Under Milk Wood lesen? Nein! Man muss es hören. Wahrhaft moderne Literatur lebt vom Vortrag, das gilt noch für Rushdie und Pynchon. Doch verschärft gilt es für Thomas, der von Anfang an für den Vortrag schrieb und ihn zu seiner zweiten großen Kunst machte. Und zum Glück gibt es ja die Caedmon Recordings. Man findet viel davon auf Youtube, bekommt aber auch die gesamte Sammlung zu einem guten Preis auf elf CDs.

Bild: Pixabay, gemeinfrei