Der Mond über dem Westfluß

Von Orchideen und Moschus es weht
aus den Bettvorhängen berückend.
Die Brauenschöne, die Halde, versteht
die Flöte zu meistern entzückend.
Spiel im verborgenen Kämmerlein bebt
ihr schneeiger Leib so sich wiegend,
daß schier die himmlische Seele entschwebt,
der Körper hinabsinkt erliegend.
Wie um den Arm die Spangen aus Gold,
sich ihre Nephritfinger schließen,
und beider stürmische Leidenschaft tollt
in taumelndem, trunknem Genießen.
«Weil dein Wunsch, mein Geliebter, es so befiehlt
so will ich zu deinem Behagen
die Weise, die ich auf der Flöte gespielt,
Behutsam nun noch einmal wagen».

Das ist so ein Gedicht, wie es relativ typisch für Ton und Inhalt von Jin Ping Mei ist: Feinsinnig, doppel-  eigentlich aber doch eindeutig. Jin Ping Mei galt ehemals als einer der großen vier chinesischen Romane, bis er auch aufgrund seiner pornographischen Passagen von dem sexuell immer noch freizügigen Der Traum der roten Kammer verdrängt wurde.

Faszination – und Längen

Die Leseerfahrung ist zwiespältig. Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass der Roman, wie das Vorwort erklärt, die detaillierteste Darstellung der Gesellschaft der Ming-Dynastie darstellt. Die Schilderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sind detailliert und sehr, nun ja, explizit. Auf der anderen Seite schließen die „niederen Schichten“, die hier angeblich auch behandelt werden zumindest weder die Bauern noch andere Teile der Landbevölkerung ein, alles spielt sich ab in den Sphären des Adels und des mangels eines besseren Wortes „Bürgertums“. Das ist sowohl in Der Traum der roten Kammer als auch in ungefähr zeitgenössischen Der Aufstand der Zauberer anders. Ausflüge in Hafen- und andere Vergnügungsviertel sind allerdings faszinierend, und zumindest im städtischen Rahmen wird der ein oder andere Einblick in Krämerhaushalte und Unterkünfte für Bettler gewährt. Gut 95 % des Textes kreisen aber um einen einzigen begüterten Haushalt und die 5-6 dort lebenden Ehe- bzw. Haremsfrauen.

Ausgesparte Ökonomie der (Viel-)Ehe

Auch bezüglich der Geschlechterrollen lesen sich zumindest anfangs sowohl der Aufstand als auch Der Traum der roten Kammer interessanter, weil fortschrittlicher. Jin Ping Mei kartographiert über die ersten gut 1000 Seiten in endloser Folge die sexuellen Eroberungen von Simen Tjing (eine Nebenfigur eines anderen Klassikers, Die Räuber vom Ljang Shan Moor) und konzentriert sich neben den Eskapaden der Hauptfigur vor allem auf die Dynamik, die sich zwischen den zahlreichen Ehefrauen Simens entfaltet. Je mehr die Emphase darauf verlegt wird, desto mehr gewinnt das Buch: denn zumindest im Inneren des Hauses sind die Frauen durchaus voll ausgestaltete Charaktere, mehr sogar vielleicht als der sexbesessene Simen. Aber an einem reichhaltigen Charakter, der nicht allein auf den Ehemann, andere Männer oder die Nebenfrauen bezogen ist mangelt es ihnen, ganz im Gegensatz etwa zu Dai Yue und Bao Chai aus Der Traum der roten Kammer (wobei man natürlich bedenken muss dass dieser Roman gut 200 Jahre später erschienen ist). Dass eine der Frauen außerhalb der eigenen vier Wände Wirksamkeit entfaltet, wie die Vorbildhafte Frau, der findige Fuchsgeist, der die Handlung des Aufstand zusammenhält, scheint undenkbar. Immerhin Simen Tjings Eroberung Goldlotos nimmt es zeitweise mit der unstillbaren Libido des Ehemannes auf, und sie und die erste Frau Mondtraut werden im Verlauf des Romans in ihrem Kampf um die Stellung im Hause zu den interessantesten Protagonisten des Werkes. Schade, dass die tieferen Gründe für diesen Machtkampf sich nur erahnen lassen. Welche materiellen Vorteile etwa mit dem Status der Hauptfrau oder der bevorzugten Geliebten verbunden sind, bleibt undeutlich: Die Erzählung will es, dass vor allem die ungeheure sexuelle Potenz Simen Tjings Grund für die Streitigkeiten unter den Frauen ist.

Jin Ping Mei ist, auch wenn die Sinologie das „strenge moralische Korsett“ in den Mittelpunkt stellt, streckenweise ein pornographischer Roman. Die insgesamt (lt. wiki) 72 Sexszenen sind detailliert ausgearbeitet und geben interessante Einblicke in das durchaus modern wirkende Liebesleben der chinesischen Oberschicht. Potenzmittel, Penisstützen, mechanische Hilfsmittel und vieles mehr kommen zum Einsatz. Doch auch wenn es in Bezug auf Sitten und Gebräuche der Mingzeit wahrscheinlich kein umfassenderes Werk gibt und auch wenn am Ende tatsächlich alle „unmoralischen“ Protagonisten grausame Tod sterben, es lässt sich doch kaum übersehen, dass der Schluss vor allem dazu dient zuvor gut 2500 Seiten mit akrobatischen Liebesakten und der ein oder anderen Vergewaltigung zu füllen.

Trotz allem: Lesen!

Lohnt aber die Lektüre dennoch?Auf jeden Fall. Der Roman ist stilistisch schlicht, aber schön, dabei zugänglich geschrieben, die Schilderungen von Menschen und Städten detailreich. Ausflüge in die freie Natur sind selten aber wunderbar meditativ, und die sexuellen Eskapaden überraschend ertragbar (weil: sehr offen. Keine Spur von dieser verschämt-geilen Perspektive, die heutige Literaten gern einnehmen, wenn es um Sex geht – Looking at you, Mr. Grass, Roth, Marquez and especially Mr. Murakami!). Man wird zwischendurch öfter mal die Lust verspüren, mit dem Kopf auf die Tischplatte zu hauen, weil die unglaubliche Potenz fast aller Beteiligten dann doch lächerlich wird und etwas aufdringlich ausgebreitet. Aber dafür wird man dann wieder mit Passagen entschädigt, die sich fast auf einem Niveau mit Der Traum der roten Kammer befinden.

Noch ein Wort zur Übersetzung der Gedichte: Die werden hier teils gereimt, teils in freien Versen und teils versgebunden ohne Reim wiedergegeben. Streng gereimte Übersetzungen chinesischer Lyrik klingen fast immer schrecklich. Zwar sind auch die Originale streng gereimt, doch im Chinesischen bleibt dabei trotzdem ein relativ frei schwebender Tonfall erhalten (ehe ich das umständlich umschreiben muss, einfach hier nachhören). Deutsche Reimereien, so die nicht von wirklich talentierten Dichtern etwa mit Anklängen innerhalb der Zeilen gekontert werden,l entwickeln immer diese leiernde Endbetonung, die im schlimmsten Fall an Fastnachtsverse erinnert. Aus diesem Grund sind die meisten Dichtungen in Jin Ping Mei leider ebenso für die Tonne wie die englischen in Der Traum der roten Kammer. Relativ gut macht es die deutsche Version des Traumes mit ihren meist reimlosen gebundenen Übertragungen.

Bild: wiki, gemeinfrei.