Zadie Smiths On Beauty ist ganz anderes Buch als der Vorgänger White Teeth. Und dass der spätere Roman London NW von der gleichen Autorin stammen soll würde man bei vergleichender Lektüre erst recht nicht vermuten. Damit ragt Smith auch aus der Masse der heute als wegweisend gefeierten Autoren noch heraus. Der Autor „findet seinen Stil“. Das ist halb Markt-, halb selbstgewählter Zwang, eine Spur des Interesses an ästhetischer Reflexion mag auch mit dabei sein. Doch was seinen Stil zu finden hat ist der Stoff. Wer über eine isolierte Intrige im Königshaus in der gleichen Form schreibt wie über den täglichen Überlebenskampf illegaler Einwanderer hat schon kapituliert. White Teeth hatte noch etwas von einem geerdeten Rushdie. Schnell, tough, auch poetisch, manchmal ein wenig unkontrolliert, um nicht zu sagen wild, aber ohne das magische Drumherum. London NW wird zurecht mit Ulysses verglichen. Ein Versuch, das von Ärmeren und Migranten bewohnte Nordwestviertel sprachlich ganz und gar erfahrbar zu machen, wobei der Stil von Situation zu Situation sich als sehr wandelbar erweist. Und On Beauty? Klingt relativ gediegen. Balanciert, Nuanciert, von Dialogen und klassischen Beschreibungen getragen, wobei die große Kunst in der Art besteht, wie die Protagonisten in immer wieder neuen, für die Handlung nicht zufälligen Konstellationen zusammengeführt werden. Wer hier an Updike denkt, an Roth, liegt sicher nicht ganz falsch. Obwohl beiden abseits ihrer Meisterwerke oft der Sinn für Ausgewogenheit fehlt, die Romane haben heftige Unwuchten. Und im Gegensatz zu Smith klingen sie eben, egal wovon sie berichten, immer wie Updike oder Roth.

Kampfplatz Uni – & Shakespeare

On Beauty spielt im akademischen Milieu der kleinen Universitätsstadt Wellington bei Boston. Entsprechend passend der hochbürgerliche Stil. Die Konflikte allerdings sind noch älter. Der Sohn des liberalen Kunstwissenschaftlers Howard Belsey und seiner an Wissenschaft wenig interessierten Ehefrau Kiki verliebt sich in die Tochter des republikanischen Widersachers Kipps und entdeckt positives im wertkonservativ-christlichen Weltbild. Howard selbst betrügt Kiki mit einer Dichterin, die das Creative-Writing Seminar an der Uni leitet, und die Tochter Zora nabelt sich akademisch vom Vater ab. Ein bisschen Königsdrama, ein bisschen Romeo und Julia (Belseys Gegenspieler Kipps heißt mit Vornamen ausgerechnet Montague, doch das ist die einzige offene Anspielung auf den Stoff, die Smith sich erlaubt), all das wie in Watte gehüllt unter der den Atem raubenden Decke des comme il faut der akademischen Oberschicht. Besonders fasziniert, wie vielschichtig und gleichzeitig nicht unsympathisch Smith fähig ist, konservative Charaktere zu zeichnen.

Der gelungene Balanceakt

Ich habe schon mehrfach angemahnt, dass das gerade linken Autoren, und unter die zähle ich Smith, schwer zu fallen scheint, was Werken, die nicht im Ganzen satirisch angelegt sind, selten zum Vorteil gereicht. Im Universum von On Beauty gibt es kein Gut und böse. Nur eine Uni, in der aus Gründen der „Political Correctnes“ zunehmend vieles unsagbar wird (was unter der Hand auch die linksliberalen Lehrkräfte und Teile der Studentenschaft zu stören scheint), einen weißen Professor Belsey, der seinem Gegenspieler Kipps dessen Kampf u.a. gegen Affirmative Action übel nimmt, Kipps, der das von allen kritisch beäugte Safe-Space-Klima nutzen will, um in weitreichender Weise die Freiheit der Akademie an anderer Stelle weiter einzuschränken, und zwei Frauen, die im Rücken der Gockel trotz unterschiedlicher Ansichten Freundschaftsbande knüpfen (ohne selbst Heilige zu sein). Und natürlich allerlei Nebenschauplätze, darunter den Sohn Levi, der gern so richtig „street“ wäre, aber Schwierigkeiten hat, das mit dem guten Elternhaus zu vereinen.

Sabrina Setlur???

Wenn man meckern möchte findet man natürlich etwas. Nicht wirklich gelungen finde ich den Handlungsstrang um den Autodidakten und Straßenpoeten Carl, der aufgrund eines beeindruckenden Raps beim Spoken Word Abend in die Klasse besagter Dichterin aufgenommen wird. Der Rap zB ist einfach nicht sonderlich beeindruckend. Simple, oft gezwungen wirkende Paareime, an den Haaren herbeigezogene Metaphern, etwas, was man so regelmäßig Jugendklubs zu hören bekommt. Und selbst, würde man die Prämisse teilen, dass im Rap die zeitgenössische Lyrik zu höchster Blüte erblüht, diese Zeilen sind eben noch nicht einmal besonders guter Rap. Wie aber eine Autorin, die vom Beat kommt, die Klassiker liebt und selbst deren Disziplin vermittelt, wie Schülerinnen, die Maya Angelou verehren, darauf sofort so abfahren können – ein Rätsel. Smith hätte besser daran getan, das Werk zu beschreiben statt zu zitieren, das ist überhaupt der Königsweg in der Kunst einen Künstler aufzubauen, oder hätte im Zweifelsfall lieber wirklich beeindruckende Hip-Hop Verse „ geklaut“. Ach ja, und was den deutschen Übersetzer geritten hat Sabrina Setlur in die Übersetzung einzuschmuggeln ist mir wirklich ein Rätsel. Leben wir wirklich wieder in den Achtzigern, wo Pop-Kultur Anspielungen für den im deutschen Sprachraum gefangenen Sitcom-Zuschauer mitübersetzt werden müssen? Und das in einem großen Werk der Weltliteratur?

Denn das ist Zadie Smiths On Beauty. Unter den traditionell gestalteten Romanen der Neuzeit wohl einer der größten. Und im Unterschied zu anderen Autoren, an denen die Moderne einfach vorbei gesegelt ist, ist bei Smith immer klar: Sie schreibt hier nicht „traditionell“, weil ihr nichts besseres einfällt. Sondern weil dieser Stoff nach genau dieser Darstellungsweise verlangt.

Bild: Pixabay, gemeinfrei