Eigentlich sei Du springst, ich falle von Maryam Madjidi gar kein Roman, lese ich in mancher Rezension, sondern eher eine Autobiografie. Und auch das nicht so wirklich, sondern vor allem eine Serie von Bildern. Beides spricht von einem eher eingeschränkt Verständnis davon, was ein Roman ist. Du springst, ich falle macht seine Fiktivität schon auf den ersten Seiten klar, auf denen die Erzählerin die Flucht der schwangeren Mutter nach einer studentischen Aktion gegen das islamistische Regime Irans aus der Ich-Perspektive wie eine Beobachterin aus dem Bauch heraus erzählt. Und auch die tatsächlich oft schlaglichtartig zwischen der Kindheit und Reflexionen der Erwachsenen Erzählerin hin und her springenden Szenen sind durchaus in eine größere Struktur eingebunden. Madjidi erzählt jeweils zu Anfang dreier Abschnitte relativ chronologisch ihre Kindheit in Teheran, ihr schwieriges Ankommen nach der Flucht in Paris, sowie das wiederfinden der persischen Sprache und die zeitweilige Rückkehr nach Teheran. Entsprechend heißen die Abschnitte des Buches erste, zweite und dritte Geburt. Je weiter jeder dieser Abschnitt fortschreitet, desto öfter mischen sich Zeitsprünge in die Erzählung, so dass etwa Überlegungen aus Frankreich in die iranische Kindheit eingeschaltet werden können.

All das ist in einer Weise erzählt, die im hohen Tempo durchs Buch führt, sprachlich, auch in der Übersetzung, größtenteils gelungen, aber auch ohne diese letzte Meisterschaft, die wiederum begeisterte Rezensionen erhoffen ließen. Du springst, ich falle IST ein Roman, aber doch ein sehr biografischer. Das schlägt sich auch in der Sprache nieder. Thematisch bietet Du springst, ich falle Lesern, die sich ein wenig mit neuerer Literatur aus Iran und exiliranischer Literatur beschäftigt haben, wenig Neues. Die Art und Weise, wie die islamische Revolution das Leben aller Nichtparteigänger zu ersticken drohte, die subtilen Tricks, mit denen der Tugendterror unterlaufen wird, kitzeln ein Schmunzeln hervor, ehe dem Leser die schreckliche Gesamtsituation wieder klar wird. Ähnliches gilt für die „barbarischen“ Lebensweisen, die die Protagonistin anfangs in Frankreich erfährt. Von der Nahrungsaufnahme (so viel Käse!) über schulische Rituale bis zu Gemeinschaftstoiletten: Hier wird in Amüsanter, aber eben auch nicht mehr ganz neuer Art und Weise der koloniale Entdeckerblick umgekehrt, „der Franzose“ erscheint als „der Wilde“.

Der gebrochene Vater steht 2009 nach kurzer Rückkehr mach-t und hoffnungslos am Rand einer Teheraner Demonstration und wagt keinen Finger zu rühren, als die Basiji ein Gemetzel anrichten. Als nachts die Klageschreie „Allahu Akbar“ erklingen stellt er fest, dass Islam und die Barbarei des Regimes nicht deckungsgleich sein müssen. Das alles Themen, die unter anderem auch das famose Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar und das zu zwei Dritteln Großartige Das Haus an der Moschee von Khader Abdollah behandeln. Und da kommt das durchaus lesenswerte Du springst, ich falle einfach nicht ganz heran.

Aber auch Du springst, ich falle ist ein absolut lesenswerter Roman, der hoffentlich auch sein Publikum in Deutschland findet. In Frankreich wurde er bereits mit Preisen überhäuft. Als das Meisterwerk, als das er aufgebaut wird, würde ich ihn nicht bezeichnen.

Bild: 2013-10-10 037 – von Mad Roodgoli – publich domain

Advertisements