Schon zu Lezama Limas Paradiso wurde hier konstatiert, dass die neobarocke Sprache seltsam unverbunden zur Handlung und Romanwelt stehe. Immerhin aber: Es gibt sie noch, diese Handlung und Welt. Und obschon man sich manchmal fragt, warum etwas jetzt genau so (und so schwülstig) ausgedrückt werden musste, entfaltet sich doch über die gut 600 Seiten ein relativ stimmiges Bild des Stillstands, der drückenden Hitze und des Verfalls aus dem Kuba der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (mit noch weiter reichenden Rückgriffen).

Viele Bilder, wenig Halt

Im Nachfolger des gefeierten Romanes geht der Zusammenhalt dann ganz verloren. Man trifft die in Paradiso eingeführten Charaktere wieder, die es teils nach Paris verschlagen hat. Lucia ist nach einer Liebesnacht mit dem bisexuellen Fronesis schwanger, folgt ihm nach Paris und gebiert ihm das Kind Focioncillo (nach dem gemeinsamen Freund und Sexualpartner) – und wird dann für den Rest der Handlung einfach vergessen. Cemí theoretisieren anfangs klug über Henri Rousseau (sicher die schönsten Passagen des Romanes, so kunstvoll wird selten über Kunst geschrieben) – und tritt dann noch einmal kurz als Briefeschreiber auf. Zwei „Araber“ und geflohene Revolutionäre werden eingeführt als etwas klischeehafte Exoten, aber scheinbar von eminenter Bedeutung fürs Werk – und haben ihren letzten Auftritt bedeutungslos gut zwei Drittel vor Schluss. Man bemerkt das Muster: gewiss, auch Inferno: Oppiano Licario ist noch voll von dieser schwelgerischen Sprache, in die sich der Genießer versenken kann und die faule Leser zur Weißglut treiben dürfte – aber nicht ganz zu Unrecht. In den unmotivierten Sprüngen zwischen Havanna und Paris steckt einfach kein Roman mehr. Derweil verdreifacht der Roman sein symbolistisches Bemühen. Waren die Symbole in Paradiso noch größtenteils Teil der Erzählstimme und konnten vom Leser ausgelegt werden, reden nun auch die Figuren im gleichen bedeutungschwangeren Tonfall dahin. Und zwar ausnahmslos ALLE. Das wäre gerade noch zu akzeptieren, ist ja ein ziemlich komischer Haufen. Doch spätestens wenn die Protagonisten beginnen sich selbst als Symbole zu begreifen und auszulegen (zB die transzendente Bedeutung des gerade praktizierten Geschlechtsakts zu kommentieren) ist die Grenze vom Kunstwerk zur Predigt überschritten.

Fragment. Aber wie fragmentarisch?

Die Behauptung des Verlages derweil, mit der Übersetzung liege nun die erste vollständige Fassung des Romanes vor, der aus Paradiso und Inferno bestehe, sollte man als werbliche Übertreibung nehmen. Vollständig kann ja nur heißen: in der vollständigen fragmentarischen Fassung, die Lezama Lima hinterlassen hat. Denn Inferno IST Fragment. Wie sehr, darüber ließe sich streiten. Da noch auf den letzten der über 350 Seiten der vorliegenden Ausgabe neue Charaktere eingeführt werden und mit großer Bedeutung aufgeladen, sowie eigentlich kein Strang, der angefangen wurde überhaupt ernsthaft entwickelt behaupte ich, dass vielleicht ein Drittel der geplanten Fassung vorliegen könnte – oder der Plan für den 2. Teil schon immer misslungen war. Es handelt sich bei Inferno eher um eine ausgedehnte Exposition. Und auch zwischen Paradiso und Inferno wird ein Fehlen schmerzhaft spürbar. Oppiano Licario, Titelheld des zweiten Romans, deutete sich im ersten als Mentor geradeso an und ist im zweiten … Wie sagt man dazu noch… genau: tot! Seine Rolle als Vergil des jungen Cemí übernimmt als bald schon die „Beatrice“ Ynaca Eco. Es ist kein Geheimnis, dass Lezama Lima seine Werke an die göttliche Komödie anlehnen wollte. Aus dem im eigenen Saft schmorenden Paradies geht es ins Inferno des religiös-synkretistischen Mystizismus Licarios, an dessen Rekonstruktion die Protagonisten von Inferno basteln.

Faszinierend, frustrierend, sehr unfertig.

Klaus Laabs führt den Titel darauf zurück, dass gegen Ende zahlreiche Protagonisten grausame Tode sterben oder Verletzungen erleiden sollten, Inferno wäre also absichtlich ausgedehnte Exposition plus Hamletsches Ende. Doch der Läuterungsberg fehlt. Da mag die Forschung noch so sehr betonen, Lezama Limas Werk sei von Anfang an als Dyptichon angelegt gewesen. Es fehlt jegliche Hinführung vom Paradies ans Inferno, und der Versuch, die beiden Romanen nachträglich als relativ vollendet zu verkaufen, kapituliert vor der ästhetischen Herausforderung des Werkes, möglicherweise ebenso, wie der Autor selbst, geplagt von Krankheit und vom Kubanischen Regime unter Druck gesetzt, kapitulieren musste. Kurz: War Paradiso/Inferno tatsächlich von Anfang an in etwa der vorliegenden Form geplant, dann ist es ein idiosynkratischer Totalunfall schon vom Konzept her. Ein hypothetischer zweiter und ein ausgearbeiteter dritter Teil dagegen könnten vielleicht die Lücken füllen, die den ersten ein wenig gezwungen, den dritten aber komplett haltlos wirken lassen. Im derzeitigen Zustand aber kann nur Paradiso als halbwegs geschlossenes Werk genossen werden. Wer sich auf Inferno einlässt, was durchaus eine faszinierende, wenn auch frustrierende Lektüre beschert, muss wissen: es handelt sich um Stückwerk. Ob der Autor das so wollte ist relativ irrelevant.

Bild: Pixabay, gemeinfrei