Bevor ich mir eine Neuerscheinung zulegen schaue ich, so es welche gibt, in die Rezensionen. Nicht die des Feuilletons. Das kennt nur noch die Modi grenzenloser Jubel – die Standardhaltung gegenüber von großen Verlagen lancierten Büchern, „zum Abschuss freigegebener Autor“ – auf den/die sich dann alle stürzen und „Wunschkonzert“ – wo einem Buch oder Film dann vorgerechnet wird, dass es eigentlich etwas ganz anderes sein sollte und dergleichen kaum ästhetisch motivierte Kritik mehr.

Nein: Ich schaue auf Amazon und anderen Portalen, wo Laien in die Arbeit machen, die eigentlich Profis machen sollten. Stil Kritik, Werkvergleiche, literaturgeschichtliche Einordnung. Alles was Glänzt von Marie Gamillscheg wurde dort entweder als wunderbar dichtes Sprachkunstwerk gelobt oder als unverständlich und kompliziert kritisiert. Gute Voraussetzungen. Unverständliche Literatur gibt es eigentlich kaum, und so lassen Yays wie Nays ein zumindest ungewöhnliches, ambitioniertes Romanprojekt erwarten.

Ein Berg stürzt… oder nicht?

Alles was Glänzt ist tatsächlich nicht schlecht. Ausgehend von dem plötzlichen Unfalltod eines jungen Bewohners eines abgelegenen österreichischen Bergdorfes wird in jeweils auf einzelne Protagonisten fokalisierte Kapiteln das Leben dort aufgearbeitet. Ein rudimentäres Zentrum der Handlung sind dass sich einleben Wollen des „Projektmanagers“ Merih, und der Verfall des dortigen Bergwerks, dass womöglich den ganzen Berg hinabreißen könnte.

Der Roman wird in Bruchstücken erzählt, die sich langsam zu einem Bild zusammenfügen, ordentlich, mit Tempo, aber doch ein bisschen sehr krampfhaft dem Ein Kapitel = eine Perspektive – Schema verfallen.

Denn das ist das eigentlich Überraschendste der Lektüre: kaum eine außergewöhnliche Sprache, weder im von den Kritikern monierten schlechten Sinne (Stilblüten und Heidegger-Gewäsch wie bei Lewitscharow oder Strauß wird diese Lektüre nicht belasten), noch im sich souverän über die Konventionen des Alltagsdeutschen hinwegsetzenden Guten. Gamillschegs Sprache ist sauber, modern, recht ordentlich auf den Gegenstand hin kalkuliert und bedient sich dieses Modernismus mit Handbremse, wie man ihn eben aus dem Literaturbetrieb kennt. Kurze Sätze, hier und da mal ein Bild, meist aber eher Beschreibungen für die Atmosphäre.

Der letzte Schritt

Doch dieser letzte Schritt, auf dass zwischen Sprache und Gegenstand keine Buchseite mehr passt, etwa wie in dem in mancherlei Hinsicht vergleichbaren Debüt Gstreins von 1988, Einer, der fehlt. Nicht falsch verstehen: Alles was Glänzt könnte etwa jederzeit mit den Titeln der Buchpreis-Shortlist des vergangenen Jahres konkurrieren und müsste diese Konkurrenz nicht mal fürchten. Doch Alles was Glänzt – nunja – glänzt nicht. Es fehlt genau jene letzte Konsequenz, die das Marktförmigeschreiben regelmäßig abschleift, was ja immerhin auch den Vorteil hat, dass heute immer weniger reines Ausschussmaterial und sprachlich total verkorkstes die Leser erreicht (abgesehen von den nur auf dem deutschen Markt blühenden Post-Heidegger-Gewächsen der schon oben angesprochenen Berufsrauner).

Eine gute Nachricht für Leser, wie bisher vor dem Roman zurückgeschreckt sind, aufgrund der Kritiken an komplizierter oder dunkler Sprache sowie unverständlicher Handlung. Alles Unsinn. Dieses Buch stellt dem Leser keine all zu großen Hürden auf. Wer hofft ein Juwel zu finden, dass man Jahr für Jahr immer wieder liest, darin man am Ende die Schwingung jedes Satzes spürt und kennt – muss wohl weiter suchen. Wer einen ordentlichen dichten Roman mit ein paar Schwächen und Lücken akzeptieren kann, wird fündig.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

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