Finnegans Wake fällt gewissermaßen in den Grenzbereich zwischen Roman und was auch immer hinter dieser beinahe undurchdringlichen Grenze lauert. Ich habe ein recht gespaltenes Verhältnis zu dem Buch. Einerseits kam es natürlich, als ich nach der Schule entdeckte, dass literarisches Schreiben sich nicht auf dröges „was passiert als nächstes“ und gestelztes All-zu-Hoch-Deutsch beschränken muss, sofort auf meine Leseliste. Und man kann, gerade als junger, entdeckungsfreudiger Leser, viel Spaß mit dem Text, einem Stift und dem noch etwas langsamen Internet haben. Meine leider irgendwann in eine Bierlache abgestürzte und dann kaum noch lesbare Ausgabe von Finnegans Wake quoll über von Worteinkreisungen, Querverbindungen und Randnotizen.

Eher eine Sackgasse?

Der ganze Roman mit seiner Rudimentären „Handlung“ ist bekanntlich in einem Sprachgemisch von bis zu über 60 Sprachen auf Basis des Englischen verfasst, was dazu führt, dass die anspielungsreichen Subtexte zum eigentlichen Hauptaugenmerk werden. Diese Subtexte sind teils sicher kohärent, entstehen also nicht bloß in der Vorstellung des Lesers, allerdings kann man aus Finnegans Wake sogar Voraussagen zur Karriere von Tiger Woods destilliert. Das war sicher vom Autor nicht vorgedacht (wenn auch: vorbedacht). Doch wenn sich schon bei Arno Schmidts Zettels Traum die Frage nach dem Sinn des Schreibens und Lesens in einer Privatsprache stellt, fehlt bei Joyce selbst noch die Theorie dahinter, warum genau so und nicht anders geschrieben werden muss (Schmidts Etyme überzeugen mE da allerdings auch nicht, doch das ist eine andere Sache). Finnegans Wake stößt nicht wie noch Ulysses Tore zu einer neuen Welt voller großer Kunstwerke auf, sondern ist offenkundig eher der Endpunkt einer Entwicklung. Und zwar der recht private der Joyceschen. Es hat bis heute kein Autor wirklich in diese Richtung weitergearbeitet, wohl auch weil ein Grund dazu einfach nicht ersichtlich ist. Dabei ist Finnegans Wake als Lektüre durchaus keine Qual, was sich von manch gezwungener Postmoderne nicht sagen lässt. Auch in seiner Privatsprache beherrscht Joyce die Kunst, Sätze zum Klingen zu bringen, nicht nur Rhythmus sondern auch Melodie in der Sprache singen zu lassen und man tut vielleicht besser daran, auf dieser Melodie durchs Buch zu gleiten als zwanghaft jedem Verweis nachzuspüren.

Hörfassungen

Hier liest der Autor in seiner recht eigentümlichen Weise aus dem Monolog Anna Lyvia Plurabelles.

Eine leider sehr hektische und wohl gemeinfreie Komplettlesung gibt es von Patrick Healy.

Professioneller eingelesen sind vier CDs mit Ausschnitten durch Jim Norton und Marcella Riordan.

Die „Übersetzung“ und der Satz

Vor kurzem habe ich mir zum Zweck einer neuerlichen Lektüre die deutsch-englische Ausgabe mit der Übertragung von Dieter Stünde zugelegt. Zwar kritisiert ein Rezensent auf Amazon ganz zurecht:

„Finnegans Wake im Original ist ein harter Brocken. Neben dem (per se schon sehr schwer verständlichen) Haupttext an der Oberfläche laufen grundsätzlich mindestens zwei Subtexte mit. Joyce erreicht das durch seine vielen verdrehten Wörter und zahllose Anspielungen auf alles Mögliche. Auch Stündel bringt einen Haupttext (der sich mit dem von Joyce leidlich deckt) und viele verdrehte Wörter und zahllose Anspielungen. Das entscheidende bei Joyce ist, daß auch die Subtexte kohärent sind (und oft das Eigentliche des Buches). Bei Stündel sind sie das nicht: Seine Wortverdrehungen und Anspielungen wirken beliebig und zusammenhanglos. Sie sind nicht geeignet, die Joyce’schen (oder auch nur irgendwelche) (Hinter)Grundstimmungen zu transportieren. Damit verliert das Buch 2 von 3 „Handlungs“strängen. Was übrig bleibt, ist folglich nur mehr belangloses Geblödel – nicht der Mühe wert. Also besser doch das Original lesen eines Buchs, das zurecht als völlig unübersetzbar bezeichnet wird. “

Aber irgendwie war doch die Hoffnung da, dass ein zwischendurch aufs Deutsche Schielen meinen dritten Durchgang durch das Buch angenehmer gestalten könnte. Was der Kritiker leider vergaß zu erwähnen: Die Schrift der englischen Ausgabe ist so klein, dass die Sprache nicht die größte Schwierigkeit am Text darstellt. Unmöglich. Auf der Seite ist so viel Platz, auch noch für Anmerkungen des Übersetzers, man hätte den Text locker wenigstes doppelt so groß setzen können:

finnegan

Bild: Dublin Trinity College Library, gemeinfrei, Pixabay