Die Star Wars Ringtheorie habe ich tatsächlich einfach per Zufall entdeckt. Nicht mal im Zuge meines Rewatches der Episoden I-VII. Wie dann? Hey, ich hab echt keinen Plan. Es handelt sich aber um ein faszinierendes ausführliches Stück Filmanalyse – vielleicht mit einem Schuss Wishfull Thinking.

Grob ausgeführt geht die Sache so: Die ersten sechs Teile von Star Wars sind im Sinne einer alten Epenstruktur komponiert, die sich „Ring“ nennt oder vielleicht präziser Chiastische Struktur. Dabei werden große Strukturen analog dem Reimschema ABCCBA angeordnet. Obwohl es viele oberflächliche Parallelen zwischen den Episoden I und IV, II und V sowie III und VI gebe, zeigten sich die relevanteren strukturellen Parallelen (das, was George Lucas tatsächlich öfter als „Reime“ bezeichnet hat) zwischen den Episoden I und VI, II und V sowie III und IV. Mike Klimo hat dazu eine wirklich sehr detaillierte Analyse vorgelegt. Die Ringtheorie werde im englischen Sprachraum gerne herangezogen, um den Ruf der Prequels zu retten. Ein Gedanke, den ich hier nicht weiter verfolgen möchte, da die Prequels auch als eigenständige Filme im Angesicht der Teil IV bis VI keine „Rettung“ brauchen.

Ringe in aller Welt?

Interessanter finde ich, dass Adam Kotsko, Assistant Professor am Shimer College in Chicago, keine größeren Schwierigkeiten hatte, ad hoc eine ähnliche Ringsstruktur für die Star Trek Kinofilme 1 bis 6 aufzuzeigen bzw. zu konstruieren. Das bringt mich zu der weitreichenden Frage: Gibt es die Ringsstruktur tatsächlich als bewusstes Konstruktionsprinzip von Epen in aller Welt, wie es Mary Douglas in ihrem Buch mit dem Titel Thinking in Circles zeigen zu können glaubt? In diesem Buch nämlich wird die bewusste Konstruktion vor allem anhand kleinteiliger Strukturen etwa der Bibel, Chinesischer Lyrik usw. nachgewiesen. Quellen zur gewollten Konstruktion eines Epos nach dem Ringsprinzip finden sich nicht.
Oder ist der Ring vielleicht nicht eher eine sich fast zwangsläufig aus der Variation einer überschaubaren Anzahl von Motiven ergebende Kompositionsweise, so dass er sich in notwendig in einem gewissen Rahmen schematisch verfahrenden Werken (etwa mündlich überlieferten Epen oder eben seriellen Hollywoodproduktionen) beinahe wie von selbst einstellt? So ließe sich die Verbreitung der Struktur vom alten China über das Zweistromland, das antike Griechenland bis in südamerikanische präkolumbische Epen elegant begründen, ohne dass ein unwahrscheinlicher Fiktionstheorietransfer vorausgesetzt werden müsste (den Douglas übrigens nicht voraussetzt). Selbst im Fall von Star Wars muss ja durchaus manchmal noch mit dem schweren Hammer zugeschlagen werden, um die Theorie passen zu machen. Manchmal zeugen Parallelismen an der Oberfläche von der Tiefenstruktur, manchmal Antagonismen. Hier wird der Ring in der Bildsprache gesucht, da in den Symbolen, und so weiter, und so fort. Natürlich ist durchaus denkbar, dass Lucas, ein begeisterter Leser und Anverwandler, was Mythen aus aller Welt betrifft, die Struktur kannte und Star Wars bewusst nach dem traditionellen Modell formte. Doch Kotskos Star Trek Ring, der auch überzeugen kann, dürfte organisch aus dem Material gewachsen sein. Und das ist vielleicht die tiefer schürfende Erkenntnis, als dass George Lucas sich ernsthafte Gedanken gemacht hat, wie er das Star-Wars-Material organisieren kann (duh!). Denn die Intention Lucas wird ja sowieso allgemein gewürdigt, was kritisiert wird ist für gewöhnlich die technische Ausführung, besonders die Dialoge und eine gewisse Neigung zu Spektakel und Kitsch. Aber dass eine Struktur, die, würde man sie einem Unwissenden theoretisch darlegen, wahrscheinlich dem Verdikt „gekünstelt“ anheimfallen dürfte, sich womöglich beinahe wie von selbst einstellt, wenn man ein Thema aus verschiedenen Perspektiven immer wieder angeht, wenn man gewisse Grundmotive gesellschaftlich tief verankerter Erzählungen variiert, das ist doch eine Erkenntnis, die sich festzuhalten lohnt.

Und könnte den Anstoß zu einem lustigen Zeitvertreib geben – Ringe suchen. Also auf, liebe Leser, schaut euch eure liebsten Filmreihe noch einmal an. Und findet den Ring!

Bild: Pixabay, gemeinfrei

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