Faszinierendes Sujet, stellt sich selbst ein Bein: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer wurde mir auf Facebook als der beste Roman des vergangenen Jahres empfohlen. Für den deutschsprachigen Raum mag das stimmen. Ich habe die letztjährigen Neuerscheinung nicht alle parat, aber es könnte ein schwaches Jahr gewesen sein. Mit größerem Genuss lesen als die Buchpreiskandidaten in ihrer aufgesetzten Moderne (moderne Verfahrensweisen, die in keinem zwingenden Verhältnis zum Erzählten stehen) lässt sich dieser ultratraditionelle Roman alle Mal. Und die schönsten Spielereien sind wenig wert, wenn ein Text den Leser anödet. Das Genie dagegen bietet diesen typischen Diogenes-Flow – Hunderte Seiten am Tag lassen sich locker weglesen, ohne dass man sich unterfordert fühlt. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass der Verlag seine Autoren vor allem danach auswählt: Themen, die dem intellektuellen Publikum schmeicheln und eine Erzählweise die bloß nicht zu sehr herausfordert, eingetretene Pfade zu verlassen. Leon de Winter, John Irving, Paolo Coelho – im Guten wie im schlechten sammeln sich bei Diogenes Autoren, die das Angenehme stärker gewichten als das Schöne.

Stolpern über Politik

Das Genie aber will durchaus mehr sein als angenehm. Rund um die Lebensgeschichte des sogenannten Wunderkindes William James Sidis sollen soziale Fragen, politische Themen, Fragen der Erziehung und nicht zuletzt der Wissenschaft behandelt werden. Das sind denn auch die Ansprüche, mit denen der Roman sich seine Fallstricke selbst knüpft. Von der Frage, ob man vom New York der Jahrhundertwende überhaupt in dieser gemächlich-betulichen Weise erzählen kann, sehe ich dabei einmal weitgehend ab. Zehrer interessiert sich wenig für Form, ob man sich gerade in Manhattan, Boston oder im ländlichen Portsmouth befindet, der Erzählweise merkt man es nicht an.

Nun also: Die Politik. Das Genie ist ein dezidiert politischer Roman. Besonders im ersten Viertel lässt der Autor seinen Protagonisten Boris Siddis regelmäßig ausufernde politische Tiraden im Mund führen, die mit wenig Distanz präsentiert werden. So erfindet Siddis im Streit mit seinem ersten Arbeitgeber in den USA etwa mal kurz die nachfragebasierte makroökonomische Betrachtung und das Ford-Diktum (cars don’t buy cars), während der Erzähler gut vulgärmarxistisch Arbeiter als „Anhängsel der Produktionsmittel“ tituliert. Siddis wirkt in dieser Phase regelmäßig wie ein Sprachrohr der Theorien seines Autors. Da er alles besser macht als andere und ihm alles gelingt ist man versucht, ihn als eine so genannte „Mary Sue“ (bzw. Marty Stue) zu bezeichnen. Da dieser Begriff aber in unschöner Weise mit der Geringschätzung der Literatur von Frauen verknüpft ist, nennen wir ihn einfach Boris.
Boris hat keine Schwächen und das nervt. Selbst seine eine große „Schwäche“, seine totale Ignoranz sozialer Konventionen, ist eine Stärke und erobert ihm u.a. auch seine treue Ehefrau. Wenn man über die penetranten politischen Predigten hinweg sieht, kommt man mit Boris aber ganz gut zurecht. Sein kinderloses Leben ist witzig erzählt, sein New York erwacht, etwas betulich zwar, aber doch plastisch zum Leben.

Nochmal von vorn

Dann zeugt Boris William James und der Roman fängt gewissermaßen noch einmal von vorne an. Die ersten 150 Seiten waren nämlich nur Exposition, um zu der kuriosen Lebensgeschichte zu kommen, die den Roman eigentlich ausmachen soll. Ab hier liest sich Das Genie oft wie eine anekdotische unterfütterte Biografie jenes „Wunderkindes“, über das sich auch anderswo einiges nachlesen ließe. Die Beschreibung des Umfeldes wird zurückgefahren, Lebensstation nach Lebensstationen wird durchgearbeitet. Man wird Zeuge des spektakulären Scheiterns der Siddis-Methode der äußerst frühen systematischen Kindeserziehung und ist versucht, das nun als Kontrapunkt zum frühen Boris zu lesen: Seht her, so toll war der gar nicht. Nur funktioniert das nicht wirklich, denn weiterhin werden uns die Siddis‘ als ihren Zeitgenossen überlegen präsentiert, als jener Fokus der Leserperspektive, der in klassischen Gesellschaftssatire unverzichtbar scheint. Boris Siddis derweil scheint all seine Gesellschaftskritik aus Teil 1 vergessen zu haben. Das Genie, das in scharfsinniger Weise durchschaut hat, dass im ewigen Wettbewerb eben nicht alle nach oben können, propagiert nun den ultimativen Fortschritt durch Bildung. Wenn nur alle Menschen kleine William Jamse Siddisse wären, würde die Welt unweigerlich besser. Möglich, dass soll den Ruf des alten Siddis weiter unterminieren. Allein: Das geschieht nicht. Denn die Familie Siddis bleibt ja weiterhin ein recht vorbildliches Exponat des amerikanischen Traumes. Der Sohn zwar übernimmt bald das politische Engagement des Vaters aus dessen Jugendzeit, stellt etwa eines Tages den Plan einer meritokratisch gelenkten Sozialstaatsdiktatur auf oder erklärt Reportern, man müsse das Geld eigentlich ganz abschaffen, aber all das geschieht unvermittelt. Man muss es entweder als „richtig“ annehmen, weil hier ein „Genie“ redet, oder aus dem gleichen Grund verwerfen, weil solche Genies eben „weltfremd“ sind. Wie die Gedanken errungen werden, ob und warum sie folgerichtig sind, dieser Prozess wird nicht dargestellt. So wird von Zehrer dann auch nicht der Widerstreit von „Genie und Gesellschaft“ behandelt, in dem beide durchaus ihr gewisses Recht haben können, wie es Felix Bartels in seinem kleinen lesenswerten Buch über Peter Hacks analysiert, sondern es werden Thesen in den Raum geworfen.

Mehr Psychoanalyse!

Statt um die Einrichtung der Gesellschaft aber kämpft Mr Siddis derweil später vor allem gegen die Psychoanalyse. Hier täte sich ein für den Roman interessanteres Konfliktfeld auf, das vielleicht spannender wäre als die minutiöse Zeichnung des Triumphierens und Scheiterns des jungen William James. Denn Mr Siddis kritisiert nicht einfach in nüchterner Weise die Methoden Freuds und seines Gefolges: Seine Ablehnung dieser Theorie, die alles auf Triebe und Sexualität zurückführe, ist selbst in größtem Maß affektiv. Solchen „Schmuddelkram“ fasst ein rationaler Siddis nicht an. Und auch dem Sohn, den Siddis glaubt „frei“ von allen gesellschaftlichen Zwängen erzogen zu haben und der in allen anderen Bereichen weder Scham noch Zurückhaltung zeigt, ist geradezu ein regelrechter Ekel vor Sexualität zu eigen. Was genau geht denn in dieser Familie vor, deren gesamter Versuch sich in der Welt zurechtzufinden ja letztlich als brutale Verdrängung alles Triebhaften lesbar wäre? Mit ein wenig mehr Mut zur Psychoanalyse hätte hier eine Dialektik entfaltet werden können, die den Roman weit über die bloße Lebensnacherzählung hinaus katapultiert. Aber nein. Das Genie ist stattdessen ein in hohem Maße deklarativer Text, der statt durch das Ausagieren von Konflikten den Leser durch Meinungsäußerungen seiner Charaktere zu binden versucht. Das klappt aufgrund des faszinierenden Quellmaterials relativ gut, jedoch nur um den Preis der Stillegung tieferer Widersprüche. So ist der Roman, der doch offenkundig ein gesellschaftlich-politischer sein möchte am Ende dann doch wieder vor allem eine spekatakuläre Lebensgeschichte, die allein vom biografisch-voyeuristischen „was passiert als nächstes?“ getragen wird. Hätte der Junge Siddis noch einen Sohn gehabt, man fragt sich, ob Zehrer überhaupt einen Grund gefunden hätte, je wieder mit dem Schreiben aufzuhören.

Das Genie macht mit Abstrichen Spaß, vielleicht ist er gar tatsächlich der beste deutschsprachige Roman des Jahres 2017, wer weiß. Richtig gelungen ist das Ganze noch nicht. Von dem Autor, der mit 48 Jahren hier sein Debüt vorgelegt hat, wünscht man sich dennoch nun definitiv weitere Werke

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Zu dem Roman gibt es natürlich unzählige weitere Rezensionen online…

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