Ich bin keiner von diesen Anglisten, die ältere Sprachzustände nur wegen der alten Sprache lieben, das Mittelalter, weil es das Mittelalter ist oder britische Literatur wegen einer bestimmten Kultur, die sie verkörpere. Tatsächlich waren mir diese kulturbegeisterten Studenten, die England exotisierten wie das Empires einst die indische Peripherie und die von den gesellschaftlichen Verwerfungen innerhalb Englands und Großbritanniens wenig wissen wollten, immer ein wenig suspekt.

Mit Streitkolben jonglieren, Petrarca zitieren

Wenn ich also die Canterbury Tales zweimal komplett gelesen bzw. gehört habe und einzelne Verserzählungen daraus unzählige Male wieder, dann weil ihnen tatsächlich eine Qualität innewohnt, die auch heute noch fasziniert. Da ist natürlich in den versauteren Stücken der schalkhafte bis bösartige Humor, dieser auch sprachlich so wunderschön gestaltete Witz – oft unter der Gürtellinie. Da ist das Bild vom finsteren Mittelalter, das dieser Text aus dem 14. Jahrhundert komplett umwirft, einschließlich einer überraschend durchlässigen Zeichnung der Gesellschaftsschichten. Da sind Frauenrollen, die keine weißen Ritter brauchen um ihre Schlachten zu schlagen, überhaupt eine durchaus lebendige Gesellschaft, die sich in kurzen Beschreibungen so kaum greifen lässt. Und da ist die Leichtigkeit, mit der die schwerfällige Sprache, die Mittelenglisch für das literarische Schreiben doch noch definitiv ist, gehandhabt wird. Das sorgt für einen faszinierend befremdenden Effekt: ein sich reiben von Virtuosität und Knirschen im Gebälk: Wie wenn einer mit Streitkolben jongliert und dabei Petrarca zitiert.

Vor allem aber: Die gleichzeitige Offenheit und Geschlossenheit des Novellenzyklus scheint mir für das literarische Schaffen bis heute vorbildlich. Manchmal setze ich die bis heute fortbestehende Bereitschaft englischsprachiger Literatur zur Polyphonie, zum Ausbalancieren des Disparaten (im Gegensatz zur deutschen Geschlossenheit des „ich erzähl euch jetzt mal wie die Welt ist-Schinken“) schon an dieser frühen Stelle an: Im Unterschied von Canterbury Tales und kontinentalem Versepos. Das mag anachronistisch sein, aber kann man sich vorstellen, dass wer an diesen trotzdem nicht auseinanderfallendem Wechselgesang unterschiedlicher, sich gegenseitig kommentierender Lebensberichte geschult ist, einen Grünen Heinrich schreibt oder eine Blechtrommel? Und nicht eben doch eher Middlemarch, To the Lighthouse oder Ulysses?

Das Ideal macht den Reiz

Denn das habe ich ja, der nicht mit dem Werk vertraute Leser wird es verzeihen, noch gar nicht erwähnt: Das beste an den Canterbury Tales sind gar nicht unbedingt die Erzählungen der einzelnen Pilger auf dem Weg nach Canterbury. Es sind die jeweiligen Prologe und Epiloge, in denen sich die Charaktere ganz unterschiedlicher Stände gern mal ins Wort fallen, kabbeln oder die vorangegangene Erzählung kommentieren, auf die dann jeweils die eigene Erzählung ein neues Licht werfen soll. Zugegeben, die einzelnen Erzählungen sind nicht alle wirklich gut und einige kann man sich definitiv sparen. So sind die sowieso Fragment gebliebenen Canterbury Tales dann etwas, das rückblickend, quasi als Ideal des vielstimmigen Kunstwerkes, einen größeren Zauber ausübt, als in einzelnen Momenten der Lektüre. Dennoch kann man mit diesem Werk auch im Detail oft viel Spaß haben.

Als großer Freund von Hörbüchern, gerade wenn es um Literatur geht, die den Vortrag so tief in ihr Konzept eingeschrieben hat wie die Mittelalterliche, finde ich es schade, dass es bis heute keine mittelenglische Erfassung des ganzen Werkes gibt. Ein komplettes Hörbuch gibt es u.a. von der Übersetzung von Burton Raffael, die sich in der Satzstruktur versucht stark ans Original zu halten, was allerdings Abstriche bei der Geschliffenheit der Verse mit sich bringt. Richard Bepp hat fünf Erzählungen im Original eingelesen. Das ist wirklich ein Hörgenuss, macht aber nur umso schmerzhafter spüren, wie viel noch fehlt.

Advertisements