Der Reiz von Harry Potter. Wo die Serie literarisch überzeugt / Wo sie geschickt an den Zeitgeist andockt

Wenn man sich auf die Suche nach guten Kinder- und Jugendbüchern macht, fällt einem erst mal so richtig auf, wie gut Harry Potter allen Schwächen zum Trotz doch ist. Oder genauer vielleicht: Die ersten 3 bis 4 Bücher, von Der Stein der Weisen bis Der Feuerkelch. Viele haben seit dem Erfolg von Harry Potter versucht, an diesen anzuknüpfen, etwas Ähnliches, aber besser, zu machen oder etwas ganz Anderes, das oft genug wieder auf das Gleiche hinaus lief. Nur schlechter. Ob klassische fantastische Heldenreise wie in Tintenherz, fantastische Coming of Age Geschichte wie in Der Clan der Otori, oder düstere Urban Fantasy wie zuletzt in Stella Montgomery – man rechnet Joanne K. Rowling gern ihre Schwächen vor. Aber die wenigsten dieser Welten und Charaktere dürften den Lesern in ähnlicher Weise präsent bleiben und zum wieder und wieder lesen und weiter tradieren einladen, wie die aus Harry Potter. Ich habe in den 20 Jahren seit Beginn der Serie auch vor allem das zu Kritisierende hervorgekehrt, wie es durchaus angezeigt ist, wenn ein Hype jegliche kritische Distanz verliert und ein Werk als etwas lobt, das es einfach nicht ist. Hier möchte ich einmal darauf schauen, was eigentlich den Reiz der Harry Potter-Reihe ausmacht, rudimentär geordnet von den tatsächlichen Qualitäten der Darstellung zu denen, die eher an Affekte und Herdentrieb andocken.

Die Verbindung von Internatsroman & Fantasy

An erster Stelle zu nennen ist die geniale Verbindung des klassischen Internatsromans mit der beliebten Fantastik. Das ist, wie wir sehen werden, nicht einfach nur billig. Der Internatsroman oder Schulroman dockt an eine Erfahrung an, die sich fast jeder Leser zumindest vorstellen kann. Doch das Genre brauchte dringend Politur. Die meisten Klassiker, ob Englisch, Deutsch oder anderssprachig wirken auf heutige Leser doch nicht nur verstaubt, sondern in vielen Fällen geradezu reaktionär. Und die Fantastik in Harry Potter ist nun wirklich nicht nur Beiwerk, sie durchdringt die Welt ganz und wirkt ob des Settings herrlich natürlich-übernatürlich.

Die perfekte Serialität

Das Internatsszenario ermöglicht für Harry Potter zumindest in den ersten vier Romanen eine fast perfekte Serialität. Der Jahresbogen erlaubt es, in relativer Dichte (die ersten drei Harry Potters sind zusammen kürzer als Der Orden des Phoenix, selbst die ersten vier sind kaum länger als dieser) eine in sich geschlossene Geschichte zu erzählen, die dennoch überzeugend andeutet, dass im Hintergrund sich eine größere Geschichte abspielt. Doch die Serialität lässt die größere Geschichte nicht frei schweben, sondern verankert sie in einem zwar herrlich bunten, dennoch mondänen Alltag. Das erklärt auch die generationenübergreifenden Begeisterung. Junge Leser bekommen eine feste, nachvollziehbare Struktur geboten, Ältere sehen die Bedrohung im Hintergrund anwachsen.

Die sich „komplett“ anfühlende Welt

Beinahe ein Nebeneffekt davon ist, dass sich die Welt von Harry Potter tatsächlich sehr komplett anfühlt, ohne dass jenes klassische, oft langweilige, Fantasy-Worldbuilding betrieben wird, bei dem quer durch diese Welt gereist wird bis eine Art imaginäre Karte dieser erstellt ist. Mehr als in fast jedem anderen Fantasy-Roman hatte man bei den frühen Potters das Gefühl, dass das Leben zwischen den Buchdeckeln einfach weitergeht, wenn man sie schließt. Weltenbau-Wissen weist zu Recht darauf hin, dass die Welt von Harry Potter sogar zu stranguliert werden droht, sobald Rowling versucht, ihr in klassischer Fantasy-Weise Kohärenz zu verleihen.

Sicher ist Worldbuilding nicht unbedingt, was bei einer ästhetischen Betrachtung im Mittelpunkt stehen sollte, zu leicht degenerieren weltfixierte Romane zu Reiseführern. Aber Potter ist gerade nicht weltfixiert. Wenn man einen Roman durch seine Welt interessant machen möchte, zeigen die ersten Potters recht gut, wie es geht.

Die Charaktere

Ebenfalls sehr gelungen sind anfangs die Charaktere. Und zwar Haupt- und Nebencharaktere gleichermaßen. Das heldische Trio ist abseits einiger Grundeigenschaften seltsam unbestimmt. Eine Unbestimmtheit, die gerade in Kinderbüchern allerdings sehr gut funktioniert, weil sie Raum für das in jungen Jahren vorherrschende identifikatorische Lesen lässt, während gleichzeitig für verschiedene Charaktertypen drei halbwegs passenden Modelle angeboten werden. Und: In ihren Grundeigenschaften sind Harry, Ron und Hermine ausreichend konturiert, als dass ihre Rolle als Helden immer wieder erschüttert werden kann (die Balance wird ab Harry Potter und der Orden des Phoenix nicht mehr gehalten). Entscheidend für den Appeal von Harry Potter sind aber wahrscheinlich die Nebencharaktere. Ob klassische Rollen wie der Mentor Dumbledore oder die wichtigsten Lehrer: Sie bieten in den frühen Romanen sowohl eine gelungene Einführung in die Welt als auch Reibungsflächen, an denen sich die Hauptcharaktere entwickeln können. Die eigentliche Gegnerschaft der ersten Romane, das sind die Lehrer, ob als wohlwollend strenge Autoritätspersonen wie McGonagall oder als bösartiger Fiesling, der in Wahrheit vielleicht doch nur dein Bestes will, wie Snape. Der „Big Bad“ des jeweiligen Harry Potter Bandes dient dann als spannendes Kontrastprogramm, das ein neues Licht auf die Rollen der gerade noch scheinbar so sicher charakterisierten Lehrerschaft wirft. Die meisterhafte Darstellung des schadenden oder doch helfenden Snape, ebenso die des bedrohlichen oder doch freundlichen Sirius Black – sie vermitteln das fragile und ambivalente Feld zwischen den gedachten Polen „gut“ und „böse“ viel viel besser als die späteren Hintergrundstory-Exzesse um die schwierige Kindheit Zauberhitlers und die tiefgreifende Ähnlichkeit zwischen diesem und Harry Potter (oder die depperte Snape-Lily-Liebesgeschichte oder der unsägliche Dumbledore-war-mal-beinahe-Nazi-Backplot – ja, Harry Potter hat sich richtig übel zerlegt).

Die unvollständige Heldenreise

In Harry Potters Welt führt eine unvollständige Heldenreise. Dan Hemmens von Ferretbrain hat das vor einiger Zeit deutlich klargestellt: In der klassischen Heldenreise lernt der alltägliche Held in der fremden Welt Fähigkeiten, die er bei der Rückkehr in seine Welt gebrauchen kann. Harry Potter dagegen geht zum Schluss fast ganz in die Welt der Magier über. Literarisch stellt das durchaus vor Probleme, besonders nachdem diese Welt selbst immer mehr zum Abziehbild unserer plus Zauberei wird (samt Zauberhitler und wirklich beschissener Vergangenheitsaufarbeitung). Bezüglich des Zeitgeistes macht es allerdings Sinn (wir kommen hier zu einem eher ideologischen als literarischen Glanzstück): Die klassische Heldenreise ist ein bürgerliches Ideal der Herstellung der alten Ordnung. Harry Potter ist in seiner Ideologie postbürgerlich-romantisch, die alte Ordnung wird gefühlig aufgepeppt und in einer besseren, weil magischen Welt neu errichtet. Eskapismus quasi als individuelle Spiegelung einer Revolution, durch die nichts wirklich anders wird. Man könnte bösartig sagen: einer konservativen Revolution. Make Magical England great again. Aber das kommt an und dürfte den Erfolg der späteren Bände der Serie, die erzählerisch immer mehr aus dem Ruder laufen, mit erklären.

Der Mythen-Mischmasch

Harry Potter bedient sich wie Der Herr der Ringe ausgiebig an europäischen Mythen. Wenn auch weniger systematisch. Hinzu kommt ein buntes Sammelsurium aus der Alchemie entlehnter Symbolik, latinisierten Zaubersprüchen, und und und. Auch wenn das kaum in die Tiefe geht dürfte man sich besonders als junger Leser relativ intelligent dabei vorkommen, solche Symbole zu entdecken oder Kreaturen und Konzepte, die man aus der Schule oder anderen Lektüren kennt, wiederzufinden, oder Dingen die man in den Romanen entdeckt hat, außerhalb nachzuspüren. Außerdem hat Harry Potter einen stark christlich geprägten Torso, was als „westlicher“ Ursprungsmythos bekanntlich regelmäßig auch Leser anspricht, die mit dem Christentum wenig anfangen können und was gleichzeitig anscheinend selbst von Christen bewusst gar nicht mehr wahrgenommen wird – also erfolgreich unterschwellig wirkt (und nein, das ist erstmal nichts Schlimmes: Es ist nicht ehrenrühriger aus dem Christlichen zu schöpfen als zB aus der griechischen Antike oder dem Gilgamesh-Epos!). Aus diesem Torso entspringen allerdings auch einige der problematischsten Aspekte der Bücher. So etwa die tendenzielle Lebensverneinung, das blinde Vertrauen in autoritärer Vaterfiguren und die schreckliche Harry-Potter-Selbstmordparty in Die Heiligtümer des Todes, als die Schatten der Angehörigen Harrys auftreten, um diesen zu überzeugen, dass der Tod so übel nicht sei und Harry sich jetzt doch bitte im Kampf mit Voldemort opfern solle.

Die Puzzlebox

Ein eher ambivalentes Element ist der Puzzlebox-Stil der Romane. Rückblickend wird oft deutlich, dass irgendein früher eingeführtes, scheinbar nebensächliches Element in späteren Romanen der Reihe große Bedeutung erlangt. Darüber jubeln manche Fans, preisen das Genie der Autorin und zitieren „Chekhov’s gun“. Dass Harry Potter damit wenig zu tun hat, hat dankenswerterweise ebenfalls Hemmens schon einmal klargemacht. Das Diktum Tschechows lautet: Hänge im ersten Akt keine Waffe auf, die im letzten keine Bedeutung erlangt. Rowling dagegen überschüttet den Leser mit Details, von denen dann einige wenige später wichtig werden. Das mag anfangs faszinieren, kann in seiner Willkür aber auch auf die Nerven gehen. Es ist eben nicht so, dass wie in einem klug komponierten Kriminalroman der Leser selbst zumindest theoretisch aus frühen Details auf die spätere Lösung kommen könnte. Alles kann wichtig werden, das meiste aber bleibt Nebensächlich. Rowling betreibt keine clevere Vorausdeutung, sondern rückprojizierendes mit Bedeutung Aufladen. Ein eher einfacher Trick, der sich allerdings als überraschend effektvoll erweist.

Kinderroman für Erwachsene

Heute schreibt man den Erfolg der Harry Potter Reihe unter anderem auch dessen „erwachsener“ Behandlung der Themen Tod und nationalsozialistische Machtergreifung zu. Rowling nehme Kinder ernst und beschütze sie nicht vor der Welt da draußen. Ich glaube, das gehört weniger zu den Qualitäten des Romanes selbst, als zu dem Mythos, der rund um die Bücher gestrickt wurde. Denn wenn man ehrlich ist, und das zeigen durchaus auch die Reaktionen eingefleischter Fans, fällt Harry Potter ab dem fünften Band auseinander. Ohne das weiter oben gelobte feste Fundament der Jahreskreise zeigt sich, dass das Szenario für klassische Sword & Sorcery Fantasy wenig taugt. Die Plots werden chaotischer, es gibt unglaublich viele Längen und zunehmend Glaubwürdigkeitsprobleme: Jugendliche Zauberer, die hinter den sicheren Mauern eines Internats Kämpfe und Abenteuer bestehen, das mag angehen. Aber ausgebildete Todesser, darunter einige der größten Meister ihres Faches, die von kindlichen Betäubungszaubern in Schach gehalten werden? Schon weniger. Hinzu kommt, dass der eigentliche Gut-Böse-Konflikt ein absoluter ist. Harry Potters großer Bogen kennt keine Zwischentöne. Hier kämpft niemand anderes als Jesus persönlich gegen Zauberhitler und seine Nazis. Dass der große Konflikt schwarz-weiß gezeichnet ist, war in den ersten 3-4 Bänden Feature. Für die Zwischentöne war ja gerade der Internatsalltag dar, wie oben gezeigt. Ab Der Orden des Phoenix wird das zum Pferdefuß der Reihe. Denn Rowling behandelt den Konflikt, als hätte er Zwischentöne, während faktisch die Grenzen immer klar sind (so laufen vorherigen Behauptungen zum Trotz zum Schluss fast alle Slytherins zu Voldemort über). Und richtig kaputt wird das Ganze, wenn man sieht, dass wenige Jahre später „Nazis“ und „Resistance“ schon wieder in trauter Eintracht leben, ohne dass das problematisiert wird.

Allerdings: in gewisser Weise trägt all das doch zum Erfolg der Harry Potter Romane bei. Harry Potter ist in seinen späteren Installationen weniger ein Erwachsenenbuch für Kinder als ein Kinderbuch für Erwachsene. Man kann sich vorgaukeln eine tiefsinnige Lektüre vor sich zu haben und muss sich doch nicht aus der Komfortzone der eigenen Weltanschauung hinaus begeben.

Fazit

Das soll es gewesen sein. Harry Potter einfach nur für die ersten 3 bis 4 Kinderbücher zu feiern und den Rest unter den Tisch fallen zu lassen, griffe zu kurz. Der Plan des Umschlagens von Serialität in den großen Roman mit epischer Handlung war ja von Anfang an angedacht und ist auch in den ersten Texten schon zu spüren. Allerdings ist schwer vorzustellen, wie, was die ersten Texte so großartig machte, das Gesamtprojekt dann nicht unterminieren sollte. Dennoch gilt, nachdem sich die intellektuelle Elite heute größtenteils naserümpfend von dem Hype absetzt und der Fan sich kaum die Mühe macht, die Güte der geliebten Serie zu ergründen, darauf hinzuweisen: Harry Potter ist besser als sein Ruf, und die Zahl der Jugendbücher die, was Harry Potter von Der Stein der Weisen bis Der Feuerkelch leistet, wirklich besser hinbekommen, sind wahrscheinlich an ein bis zwei Händen abzuzählen.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

(Das ist der von mir vor einiger Zeit in einem Kommentar angekündigte Beitrag)

2 Gedanken zu “Der Reiz von Harry Potter. Wo die Serie literarisch überzeugt / Wo sie geschickt an den Zeitgeist andockt

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