Mein Murakami Fazit – Der Autor dessen Tops & Flops die größte Spannweite aufweisen.

Nach 9 Stationen denke ich, es ist Zeit für ein Fazit, und sei es nur ein Zwischenfazit meines abwechslungsreichen Weges durch das Werk Haruki Murakamis. Und weil Denken kompliziert ist und Listen so einfach wie beliebt, fange ich mit einer an: Meine Liste der gelesenen Bücher von Best to Worst.

1. After Dark: Einer der besseren bis besten Romane die ich je gelesen habe.
2. Hardboiled Wonderland: Cool mit Kitschneigung gegen Ende.
3. Wild Sheep Chase: Konsequente absurde Hardboiled-Schnitzeljagt mit Witz
4. Dance Dance Dance: Wie Sheep, aber undurchdachter, wie After Dark, aber geschwätziger
5. Wind: Recht cool für ein Debüt
6. Kafka am Strand: Bester Dr. Murakami, viel Körperflüssigkeit ohne Handlungsrelevanz
7. Pinball 1973: Wie Wind, ohne Kern
8. Gefährliche Geliebte: Immerhin kürzer als 1Q84
9. 1Q84: Yeah, Lets not talk about it…

Ich nenne sie die „Liste der Vernunft“. Eine List um zum Weiterlesen zu animieren. Was also habe ich gelernt?

1.: Murakami hat durchaus einige Werke verfasst, die seinen Ruf rechtfertigen und es ein wenig verständlicher machen, dass die Literaturwelt angesichts eines Machtwerkes wie 1Q84 nicht kollektiv lachend auf den nackten Kaiser zeigt, der gerade über sein Ejakulat monologisiert. Ja, liebe Leser, da musste ich durch, das müsst ihr jetzt auch. „Ein ganz besondrer Saft“ – Das ist beduetet Murakami etwas anderes als Mephisto.

2.: Es gibt starke Werk in allen Phasen des Gesamtwerks. Murakami wurde nicht einfach (wie zB JK Rowling) irgendwann zu mächtig für seinen Lektor – After Dark etwa ist gerade erst 2007 entstanden. Auch wer von Literatur mehr verlangt als Sex+verquaste Lebenshilfe, darf weiter auf den Autor hoffen.

3. Murakami ist wahrscheinlich der Autor, dessen stärkstes und dessen schwächstess Werk qualitativ am weitesten voneinander entfernt liegen. Ich habe das bekanntlich zwei Autoren-Persönlichkeiten zugeschrieben: Mr. Night schreibt coole, düstere, relativ dichte fantastische Mysterien; Dr. Murakami wälzt gequält-philosophische Innerlichkeit, voller klebriger Sexphantasien und aufbauender „akzeptiere die Welt“-Messages.

4. Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis … sorry, was ist los? War wohl gerade im Dr. Murakami – Modus.

5. Murakami ist ein schrecklich nachlässiger Schriftsteller. [Aus meiner Kafka-Rezension]: Hätte Murakami Faust geschrieben, es wäre absolut denkbar, dass Mephisto gegen Mitte des Stückes als Roboter von einem anderen Stern enthüllt würde. Allerdings: Ohne dass bis dahin ein Wort am Faust geändert würde. Es gäbe also keine vorherigen Hinweise auf die Robotereigenschaft des Mephisto. Sie würde aus dem Hut gezaubert und fortan behauptet. In der Kerkerszene dann würde der Roboter vielleicht die Hosen fallen lassen, und aus seinem Hintern käme eine gigantische hellrote Gaswolke, die „von Hass geformt ist aber in der Gestalt der Liebe erscheint“. Der Autor würde uns das nicht etwa durch die Geschichte vermitteln, so dass wir das Liebe/Hass-Ding gedanklich selbst erschließen müssten, sondern irgend eine Figur, vielleicht Mephisto selbst, vielleicht Grete, vielleicht Mephistos Hintern oder ein zufällig anwesender Papagei würde uns die Szene schon geschwätzig theoretisch auslegen, keine Sorge. Allerdings ist es durchaus möglich, dass das ein wenig untergeht, weil Faust sich derweil in eine Ecke des Kerkers verzogen hat, seinen Penis ausgepackt und nun interessiert seine Eichel betrachtet…

6. Ich bin relativ überzeugt, dass die Inkohärenzen nichts mit einer symbolischen Ebene zu tun haben, die sich nur dem westlichen Leser nicht erschließt. Immerhin wird die Willkür der magischen Interventionen ja durchaus auch von japanischen Kritikern gerügt (und einige Romanen, Sheep Chase etwa oder Hardboiled, sind chaotisch ohne wirr zu sein). In einem Interview übrigens erklärt Murakami, ihm sei die Handlung eines Buches relativ egal. Prinzipiell ist das sympathisch: Wohl geformt lässt sich aus fast allem ein Kunstwerk stricken. Aber Murakami vernachlässigt die Handlung nicht für die Form, sondern zu Gunsten von Einfällen. Ist die Form erst einmal missraten, hangelt er sich von einem Spektakel zum nächsten und dann ist es nicht weit bis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis Penis …

7. Murakami ist entgegen anderslautender Vorstellungen NICHT subtil. The Reading Ape arbeitet in einem starken Close Reading die Hauptthemen des Romans Kafka am Strand anhand des gleichnamigen Songs im Roman heraus. Das wäre bemerkenswerter, tauchten nicht im Roman selbst regelmäßig Lehrerfiguren auf, die genau diese Lehren dem Leser mit viel Gewalt verklickern. Nicht als Beispiel durch ihr Sein und Handeln sondern indem sie deutlich sagen: „Horsche mo zu, dess iss nähmlisch so…“ („hör einmal zu, das ist nämlich so…“)

8. Nochmal in aller Kürze, was mich am Verhältnis fast aller Murakamis zu Sex stört. Nicht, dass er stattfindet. Nicht, dass es oft grafisch wird. Sondern das geradezu exzessive Verhältnis eigentlich aller Charaktere zu diesem Thema, dass sexuelles Begehren kaum Schattierungen kennt, dass besonders in den Dr. Murakmis Frauen eigentlich immer nach dem plattesten Hure/Heilige-Schema als Projektionsfläche genutzt werden. Dass die umfangreiche Beschäftigung mit Körpersäften oft eher Selbstzweck scheint als für Handlung oder Charakterisierung bedeutend. Dann, dass regelmäßig fast alle attraktiven Frauen im Roman mit dem als absolut durchschnittlich beschriebenen Hauptcharakter ins Bett wollen. Das gilt sogar für Teenager und halbe Kinder. Ja, die Art wie Sex mit Minderjährigen behandelt wird ist besonders verstörend. So sind es etwa immer die jungen Mädchen, die sehr eindeutige Avancen machen (Lolita ist subtil dagegen), was zwar selten dazu führt, dass der erwachsene Protagonist tatsächlich mit dem Kind in die Kiste geht, doch als Gelegenheit begriffen wird, zumindest die Handlung vorzustellen und ein bisschen geträumte Gratuitous-Teen-Nudity einzubauen (bei Beibehaltung/Ausbau eines ansonsten engen Verhältnisses). Dass das allerdings, wie in Lolita, die Protagonisten jemals ernsthaft als Identifikationscharaktere erschüttern würde, darauf kann man lange warten. Mancher Murakami ist Lolita + positive Message –> eine no-go-Kombination.

9. So hervorragend einige Werke Murakamis auch sind und so stark noch Passagen der schwächeren. Den unglaublichen Massenappeal dieses Autors kann ich mir nur dadurch erklären, dass er erlaubt simple bis kitschige Messages aufzusaugen und sich dabei als Leser so genannter „hoher Literatur“ zu fühlen. Selbst in positiven Besprechungen werden Dinge gesagt wie es handele sich um „Jugendbücher für Erwachsene“. Das ist doch vergiftetes Lob. Und die Messages Murakamis, wo sie im Vordergrund stehen, sind doch wirklich im schlechtesten Sinne „Opium des Volkes“. Ändere dich, nicht die Welt. Akzeptiere den Tod. Kein Licht ist ohne Schatten denkbar. Das sind nicht etwa die Holzhammerbotschaften später verklärter Texte wie der Pilgerreise. Sondern das wird gegen Ende des toughen Hardboiled Wonderland fast schon propagandistisch aufbereitet. Der Protagonist des Zukunftsstrandes fragt nicht einmal, ob sein Leben noch zu retten sei sondern versucht noch ein paar schöne Tage zu verleben. Seine Kopfgeburt fügt sich ebenso in die Stadt ohne Widersprüche ein. Der Kitschfaktor des letzendlichen Bob Dylan hören & in den Sonnenuntergang schauen ist hoch. Und das als Dystopie missverstandene 1Q84 ist bei näherem Hinsehen ohne jegliches politisches Profil. Die Botschaft stattdessen: Uff jedes Dippsche passt en Deckelsche (auf jedes Töpfen passt ein Deckelchen). Die ewige „Liebe“, die daraus besteht, dass man(n) im Kindergarten einmal ein paar Nettigkeiten mit einem Mädchen getauscht hat, kann und muss sich erfüllen. Es ist nur die böse Parallelwelt, die dazwischen steht.

Fazit: Von den insgesamt 9 gelesenen Büchern gibt es drei, die ich wohl noch häufiger lesen werde, After Dark, A Wild Sheep Chase und Hardboiled Wonderland. Gar nicht so ein schlechter Schnitt. After Dark dürfte hierbei auf den eher kleinen Stapel meiner regelmäßigen Lektüren wandern, die alle ein bis drei Jahre dran kommen, wenn ich etwas Herausragendes brauche um irgendein schreckliches Machwerk zu kontern. Einige Texte waren wirklich grausam, unter aller Kanone, aber wenn man bedenkt, dass ich diesen Autor schon abgeschrieben hatte, hat das alles durchaus einigen Spaß gemacht. Murakami wird entgegen meiner Erwartungen nach dem 1Q84-Debakel durchaus zu Recht als Autor von Welt gehandelt. Aber die wirklich unglaublichen Unwuchten im Gesamtwerk gehören von einer Literaturkritik, die sich mit „der Masse scheint’s zu gefallen“ nicht zufrieden gibt, thematisiert, nicht ignoriert.

4 Gedanken zu “Mein Murakami Fazit – Der Autor dessen Tops & Flops die größte Spannweite aufweisen.

  1. literaturreiseblog sagt:

    Ein wunderbares und ausführliches Fazit! Vielen Dank dafür. Mir hat es Spaß gemacht, deine einzelnen Beiträge und nun auch dieses Fazit zu lesen und werde mich anhand deiner Liste und den Kommentaren/Einschätzungen/Bewertungen zu den einzelnen Titeln einige Murakamis rauspicken und mir selbst ein Bild machen.

    Was mich aber interessieren würde: Würdest du Murakamis Berühmtheit als gerechtfertigt sehen? Du hast geschrieben, dass er als Recht als Autor von Welt gehandelt würde, aber dass es im Gesamtwerk Titel gäbe, die man dann doch nicht ignorieren und einfach zu all seinen Erfolgen zählen sollte. Was ist er also für ein Autor? Schreibt er an sich immer handwerklich hochwertig, hat aber in einigen Werken den Bock abgeschossen und in anderen eben nicht oder was steckt für dich dahinter?

    Gefällt 2 Personen

    1. soerenheim sagt:

      Also zumindest auf deutsch würde ich mindestens die Hälfte der Titel als keinesfalls handwerklich hochwertig beschreiben. Oft wirkt es planlos, sprachlich unsauber, zu sehr verliebt ins Ziellose als Selbstzweck + eine anstregende Tendenz zu Kitschbotschaften. Und ich glaube ausgerechnet darauf gründet gewisser Weise sein Ruhm – Siehe „Kinderbücher für Erwachsene“. (Ruhm der für Wind/Sheep/Hardboiled/After Dark aber gerechtfertigt wäre).
      Man kann über Murakami grübeln, ohne jemals zu Gedanken oder einem Blick auf die Welt gezwungen zu werden, die weh tun. Auf der anderen Seite kann er Ziellosigkeit ja durchaus auch innerhalb eines konsequenten Kunstwerkes vermitteln… soweit ist das schon paradox. Wie ein Autor, der zwischendurch über ein paar Perlen stolpert. Meine These: bestimmte Bücher reicht es eigentlich, einmal zu schreiben. Murakami schreibt sie aber immer wieder. Nach „Sheep“ brauchts kein „Dance“… Murakami wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Autor, der sich unter anderem auch als Service an seine zahlreichen Fans, ständig selbst zitiert statt die Konsequenz zu ziehen und zu sagen: „OK, ich habe jetzt einen Roman darüber geschrieben, dass eigentlich alle Verbindungen ins Nirgendwo führen und entweder schreibe ich jetzt keine Romane mehr, weil man unter diesen Voraussetzungen keine Romane schreiben kann“, oder eben diese Prämisse irgendwann über Bord zu werfen.

      Gefällt 1 Person

      1. literaturreiseblog sagt:

        Vielen Dank für deine ausgiebige Antwort! Es ist irgendwie schon seltsam, dass viele Titel von Murakami handwerklich unsauber seien, aber dann wiederum grandiose Sachen dabei sind. Und das kann man ja auch nicht chronologisch erklären; dass also frühe Werke einfach schlechter sind wäre logisch, aber Hardboiled Wonderland war ja ein sehr frühes Buch zum Beispiel.
        Ich muss demnächst dringend ein, zwei Bücher in Angriff nehmen. Und deine Blogbeiträge werden dabei sicherlich hilfreich sein :-)

        Gefällt 2 Personen

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