Murakamis Hardboiled Wonderland – Cooles Szenario mit Nachlässigkeiten und Einhörnern

In der mittelauwarmen Besprechung zu Kafka am Strand habe ich die beiden Alter Egos Haruki Murakamis eingeführt: Dr. Murakami und Mr. Night. Mr. Night schreibt coole, düstere, relativ dichte fantastische Mysterien; Dr. Murakami (eine Inkarnation Dr Sommers) dagegen pubertär- philosophische Innerlichkeit andererseits, voller klebriger Sexphantasien.

Zum Stand des Projekts:
After Dark
: Einer der besseren bis besten Romane

die ich je gelesen habe.
Dance Dance Dance: Wie After Dark, aber geschwätziger
Wind: Recht cool für ein Debüt
Pinball 1973 – Wie Wind ohne Kern
Kafka am Strand: Bester Dr. Murakami,
viel Körperflüssigkeit ohne Handlungsrelevanz
Gefährliche Geliebte: Immerhin kürzer als 1Q84
1Q84: Yeah, Lets not talk about it…

 Murakami vor der Spaltung

Als einen Höhepunkt und vielleicht vorläufigen Schlusspunkt wende ich mich nun Hardboiled Wonderland Und Das Ende der Welt zu, dem Roman, den der Autor bis heute als seinen Liebling bezeichnet. Dieses erst vierte Werk Murakamis überhaupt ist auch dahingehend interessant, dass es vor die Aufspaltung in Dr. Murakami und Mr. Night zu fallen scheint. Auch Wenn der Wind singt und Pinball 1973 waren ja thematisch eher Dr.Murakamis, allerdings in der klaren harten Sprache von Mr. Night erzählt.

Noch etwas anders stellt es sich für Hardboiled Wonderland dar: Der Roman, der warum auch immer in der deutschen Version von zwei unterschiedlichen Übersetzern übersetzt wurde, fällt sprachlich wie thematisch zwischen die beiden Pole. Er ist auch auf Englisch (geprüft anhand der englischen Hörbuchversion) deutlich weniger rasch getaktet als in den Ausführungen zum Murakami-Übersetzungsproblem befürchtet, manchmal fast so geruhsam wie Kafka am Strand – auf der anderen Seite aber fehlen typische Dr. Murakmi-Themen fast völlig. Man ist zur Hälfte durchs Buch durch, ehe der erste Penis beschrieben wird und das auch nur kursorisch während einer Folterszene, Sex spielt keine all zu große Rolle, eine ewige unerreichbare Geliebte schon gar nicht. Natürlich herrscht oberflächlich wieder ein sehr männlicher objektivierender Blick auf Frauen vor – doch die wissen gut Kontra zu geben und das Heft in die Hand zu nehmen. Hier dominiert noch der Zweitakt von Toughness und Selbstironie, der auch Wind zum kurzweiligen Vergnügen machte.

Cyberpunk + Einhörner

Hardboiled Wonderland hat definitiv einiges für sich. In zwei Erzählsträngen werden zwei fantastische Parallelwelten entworfen. Das eine eine cybepunkig angehauchte Nah-Zukunft mit dystopischem Einschlag, in dem ein „Kalkulator“ einen geheimnisvollen Auftrag zur Berechnung von Daten ausführen soll, der ihn erst tief in die Welt, dann ins eigene Unterbewusste führt. Das andere eine seltsam zeitlose Landschaft in der ein namenloser Traumleser seinen Schatten verlieren muss, um sich in einer Stadt zu integrieren, die eine seltsame Verbindung mit Einhörnern eingegangen ist. Ja: Einhörner. Hardboiled Wonderland gelingt es tatsächlich, dieses Sehnsuchtstier in nicht kitschiger Weise in seine Geschichte zu integrieren. Ein seltsamer Schädel mit einem Horn ist lange das einzige, was den Nah-Zukunfts-Erzählstrang mit dem zeitlosen zu verbinden scheint. Und in für Murakami untypischer Weise wird das Rätsel der Verbindung tatsächlich gelöst (was natürlich längst nicht für alle Rätsel gilt).
All das liest sich wirklich kurzweilig, das Szenario bleibt interessant und die Frage was das alles soll trägt mit Leichtigkeit durch das Buch.

Kleine Meckerliste

Einige Dinge fallen dennoch negativ auf.

  1. Für das Erzählte ist das Erzähltempo manchmal tatsächlich zu gemächlich. Und das gilt auch auf Englisch, ist also nicht der meist sanfteren deutschen Murakami-Übersetzung allein anzulasten.
  2. Und wie ich es schon an Lundes Die Geschichte der Bienen kritisiert habe, wirkt auch hier der Einhorn-Erzählstrang manchmal vor allem dazu eingeschoben, um die nächste Wendung des futuristischen Stranges herauszuzögern. Es wirkt zeitweise nicht, als habe Murakami in beiden Erzählungen Luft für die Distanz, auf die er das Buch stecken will. Während jedes Kapitel in der nahen Zukunft seinen eigenen Spannungsbogen hat kann man das für die Stadt der Einhörner kaum sagen.
  3. Auch in Hardboiled Wonderland präsentiert sich Murakami hier und da als sehr nachlässig. Noch nicht so krass wie in Kafka am Strand etwa, wo verrückte fantastische Erklärungen aus dem Hut gezaubert werden, damit es bloß irgendwie weitergehen kann. Aber in kleinen Dingen. So geht etwa der gefolterte Protagonist zum Arzt und erfindet eine Geschichte über eine bewaffnete Auseinandersetzung. Der Arzt sagt, er müsse das der Polizei melden. Es scheint also ein entsprechendes Gesetz zu geben, ansonsten hätte kaum diese Abweichung von der ärztlichen Schweigepflicht explizit erwähnt werden müssen. Viel mehr als ein „können wir das nicht lassen?“ des Protagonisten braucht es aber nicht, um den Arzt anderweitig zu überzeugen. Dann lass es doch einfach weg! Entweder der Arzt hat diese Pflicht, dann muss das Überzeugen des Arztes auch für den Leser plausibel gemacht werden, oder ich mache es mir einfach und führe gar nicht erst eine neue Hürde ein. Klar, im ersten Moment klingt es spannend: jetzt auch noch die Polizei. Aber der Protagonist wird schon von zwei quasi staatlichen Betrieben verfolgt, und Polizei spielt weder vorher noch später im Roman eine Rolle. Ob es überhaupt noch Staaten gibt scheint durchaus fraglich. Warum dieser Schlenker? Es ist, zugegeben, eine Kleinigkeit, aber nicht die einzige. Und sie steht stellvertretend für eine immer größer werdende Schwäche des späteren Werkes Murakamis
  4. Der Nah-Zukunfts-Plot hat einen ziemlichen Bruch, nachdem der Erzähler und seine Unterstützerin das gewohnte Umfeld verlassen und im Höhlensystem unter der Stadt nach dem verantwortlichen Wissenschaftler suchen, der den Erzähler so verändert hat, dass er als Kalkulator arbeiten kann. Ein bis dahin glaubhaftes Umfeld wird für eine Art Heldenreise mit Actionsequenzen eingetauscht, die von einer austauschbaren Szene zur nächsten hetzt. Mag sein, das Höhlensystem steht für den Abstieg ins Unterbewusste, so weit, so gut. Aber die Art, wie das gestaltet ist, passt besser in die „Körper“-Folge von Es war einmal das Leben als in einen dystopischen Roman.

Aber das war’s auch schon. Hardboiled Wonderland ist spannend, kurzweilig, nicht unbedingt ein Buch zum ewig drüber grübeln, dafür eines, das man gut mehrfach lesen kann. Außerdem Einhörner. Habe ich schon die Einhörner erwähnt?

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