Murakamis A wild Sheep Chase – Auch Chaos lässt sich literarisch organisieren.

Haruki Murakamis A wild Sheep Chase ist ein ziemlich seltsamer Roman. Gelungen seltsam im Großen und Ganzen. Bei Murakami alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Zum Stand des Projekts:
After Dark
: Einer der besseren bis besten Romane

die ich je gelesen habe.
Dance Dance Dance: Wie After Dark, aber geschwätziger
Wind: Recht cool für ein Debüt
Pinball: Wie Wind ohne Zentrum
Kafka am Strand: Bester Dr. Murakami,
viel Körperflüssigkeit ohne Handlungsrelevanz
Gefährliche Geliebte: Immerhin kürzer als 1Q84
1Q84: Yeah, Lets not talk about it

Der Roman stammt aus der Zeit, bevor der Autor die Persönlichkeiten Dr. Murakami und Mr. Night entwickelte. Typische Murakami-Elemente sind schon vorhanden. Eine zum Ideal überhöhte Geliebte, eine mysteriöse Suche ohne letztendliches Ziel und die im späteren Werk leider in den Hintergrund tretende Triade aus Jazz,Whiskey und Düsternis. Tonal klingt das Werk an die beiden Vorgänger aus der Trilogie der Ratte an. Reduzierter Hardboiled, hier erstmals mit einigen fantastischen Elementen. Prominent ist wieder die Selbstironie der Vorgänger, die den pseudo-toughen männlichen Duktus erst erträglich macht und die spätestens dem Post-Hardboiled-Wonderland-Murakami leider auch immer mehr verloren geht. Die Handlung einmal wieder in Anlehnung an die englische Wikipedia:

Verrückt. Durchdacht verrückt

Die Quasi-Detektivgeschichte folgt einem namenlosen, kettenrauchenden Erzähler und seinen Abenteuern in Tokio und Hokkaido. Die Geschichte beginnt damit, dass der kürzlich geschiedene Protagonist, ein Werbefachmann, ein Foto einer Hirtenszene veröffentlicht, das ihm in einem Beichtbrief von seinem lange verschollenen Freund, der Ratte, zugesandt wurde. Er wird von einem mysteriösen Mann kontaktiert, der für den „Boss“ arbeitet, eine zentrale Kraft hinter Japans politischer und wirtschaftlicher Elite, die jetzt langsam stirbt. Der Sekretär des Chefs erzählt ihm, dass ein seltsames Schaf mit einem sternförmigen Muttermal, das auf dem Foto abgebildet ist, in gewisser Weise die geheime Quelle der Macht des Chefs gewesen sei und dass er zwei Monate Zeit habe, um das Schaf zu finden, da sonst seine Karriere und sein Leben zertsört würden. Der Erzähler und seine Freundin reisen in den Norden Japans, um das Schaf und Ratte zu finden…

Das liest sich in lang so verrückt wie in kurz. Wird aber kaltschnäuzig serviert und ist in seiner Absurdität und Ziellosigkeit durchkomponiert. Vom Titel, über eine kurze Abhandlung über „symbolische Träume“ in denen am Beispiel einer Kuh das Erzählprinzip angedeutet wird, bis hin zur Durchführung. Im Gegensatz etwa zu Kafka am Strand, der zweiten Hälfte von Dance Dance Dance oder 1Q84 wirkt Sheep niemals, als ziehe sich Murakami übersinnliche Ereignisse immer dann aus der Nase, wenn er mal wieder keinen Plan hat, wie seine Geschichte weitergehen soll. Auch scheint die Symbolik, so absurd sie im Einzelnen sein mag, als System doch auf die Geschichte hin durchdacht. Im Gegensatz zu späteren Murakamis, die sich oft eher wie Homagen an das Frühwerk lesen – wie „Fanservice“.

Antworten auf viele Fragen

Nimmt man die Trilogie der Ratte so autobiografisch, wie es der Autor manchmal nahe gelegt hat, lüftet es womöglich auch einige Rätsel bezüglich des Gesamtwerkes. Die kaum je zur Erzählung passende Obsession mit Sex und Penissen? Hören Sie gut zu:

„When I was a kid, there was an aquarium thirty minutes by bicyclefrom where I lived (…) There were, of course, no whales in the aquarium (…) Instead, the aquarium kept a whale penis on display. As a token, if you will. So it was that my most impressionable years of boyhood were spent gazing at not a Whale but a whale’s penis. Whenever I tired of strolling through the chill aisles of the aquarium, I’d steal off to my place on the bench in the hushed, high-ceilingecl stillness of the exhibition room and spend hours on end there contemplating this whale’s penis (…) It came back to me, that giant whale`s penis, after having intercourse with a girl for the very first time. What twists of fate, what torturous circumnavigations, had brought it to that cavernous exhibition room. My heart ached, thinking about it. I felt as if I didn’t have a hope in the world. But I was only seventeen and clearly too young to give up on everything. It was then and there I came to therealization I have borne in mind ever since. Which is, that I am not a Whale.“

Ja: Literarische Produktion als Verarbeitung des männlichen Traumas, keinen Walpenis zu haben. Das leuchtet ein.

Geschichten ohne innerem Zusammenhang und Ziel? Auftritt der bemerkenswerten Kuh:

„THERE ARE SYMBOLIC dreams – dreams that symbolize some reality. Then there are symbolic realities – realities that symbolize a dream. Symbols are what you might call the honorary town councillors of the worm universe. In the worm universe, there is nothing unusual about a dairy cow seeking a pair of pliers [Zangen]. A cow is bound to get her pliers some time. It has nothing to do with me. Yet the fact that the cow chose me to obtain her pliers changes everything. This plunges me into a whole universe of alternative consideratiorıs. And in this universe of alternative considerations, the major problem is that everything becomes protracted and complex. I ask the cow, “Why do you want pliers?” And the cow answers, “I’m really hungry.” So I ask, “Why do you need pliers if you’re hungry?”The cow answers, “To attach them to branches of the peach tree.“ I ask, “Why a peach tree?” To which the cow replies, “Well, thats why I traded away my fan, isn’t it?” And so on and so forth. The thing is never resolved, l begin to resent the cow, and the cow begins to resent me. That’s a worm’s eye view of its universe. The only way to get out of that Worm universe is to dream another symbolic dream. (…)“

Leider scheint sich Murakami die gesunde Skepsis seines Protagonisten gegen das Rindvieh nicht bewahrt zu haben. Sheep balanciert geschickt auf dem schmalen Grat zwischen durchdachter Simulation wirrer Traumlogik und tatsächlicher Willkür – es träumt den zweiten Traum. Etwas, was man von nachfolgenden Romanen nicht immer behaupten kann. Murakami macht sich zum One-Trick-Pony, das eigentlich eine geträumte Kuh ohne Gegenstück ist – And thats just beatin on a dead horse, isn’t it?

Ebenfalls interessant: der Protagonist in Sheep macht sich noch über einen Film lustig, der seiner finsteren Erzählung ein unpassendes Happy-End draufklatscht:

„It was an everything-works-out-in-theend-so-maybe-war’s-not-so-bad-after-all sort of film. One of these days they’ll be making a film where the whole human race gets wiped out in a nuclear war, but everything works out in the end.“

Schon mit Hardboiled-Wonderland schreibt Murakami genau diesen Film. Und bleibt auch darauf hängen. Sheep aber ist in jedem Fall fast durchweg gelungen. Das bessere Dance Dance Dance, das man dann allerdings aufgrund der Redundanz des Autors kaum noch zu lesen braucht.

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