Murakamis Pinball 1973 – Nicht so gut wie Wenn der Wind singt

Der Eindruck von Pinball 1973, dem zweiten spät übersetzten Frühwerk von Haruki Murakami ähnelt dem von Wenn der Wind singt. Da ist der gleiche toughe, kurz angebundene, an amerikanischen Krimis geschulte Tonfall, kontrastiert zu einer ähnlich ziellos dahinplätschern Handlung. Der Roman hat wieder einige sehr lustige Passagen, etwa wenn zu Beginn der Protagonist süchtig nach Geschichten von fremden Orten ist und unter den protestierenden Studenten von 1969 zuerst einen Bewohner des Saturn und dann eine Bewohnerin der Venus trifft, die, als sei es das normalste der Welt, von ihren Heimatsplaneten reden.

Zum Stand des Projekts:
After Dark
: Einer der besseren bis besten Romane

die ich je gelesen habe.
Dance Dance Dance: Wie After Dark, aber geschwätziger
Wind: Recht cool für ein Debüt
Kafka am Strand: Bester Dr. Murakami,
viel Körperflüssigkeit ohne Handlungsrelevanz
Gefährliche Geliebte: Immerhin kürzer als 1Q84
1Q84: Yeah, Lets not talk about it…

Allerdings fehlt dem Roman der Kern des Vorgängers. Wir erinnern uns: Darin gehörte eine fiktive Novelle eines amerikanischen Trash-SciFi-Autoren zu den schönsten und dichtesten Texten, die Murakami bis heute verfasst hat und kommentierte gewissermaßen den ganzen kleinen Roman. Diesmal entwickelt der Protagonist eine Flippersucht und verbringt seine Zeit für eine Weile damit, nach einer besonderen Flippermaschine zu jagen. Diese Sucht entsteht so unvermittelt, wie sie sich auflöst, der an sich interessante Konflikt zwischen Spiel und Leben wird desinteressiert beiseite geworfen, so dass der Roman eigentlich ohne ausgekommen wäre. Auch der zweite Hauptcharakter, Ratte, wird unmotiviert eingeführt, wer den Vorgänger nicht gelesen hat, weiß gar nicht, was dieser Typ plötzlich in der Handlung soll.

Immerhin: Sich kurz fassen. Das kann Murakami in dieser Zeit noch. Überraschung: Wenn der Protagonist morgens verkatert zwischen Zwillingen aufwacht, die T-Shirts mit den Aufschriften 208 und 209 tragen, so dass er eine Zeit lang grübelt ob das Seriennummern sein könnten und die Zwillinge vielleicht Roboter, dann kann sich der Leser hinreichend sicher sein, dass Sex stattgefunden hat – und dass es sich hierbei um einen markanten Einschnitt in das Leben des Protagonisten handelt. Tatsächlich ist diese Behandlung in neun von zehn Fällen interessanter als das akribische sich Fokussierung auf Körpersäfte, auf das Murakami in der Folge Sexualität reduziert. Sex in Pinball ist einfach, aber durch die Auslassung dennoch mysteriös und Handlungsrelevant. Sex in den Murakamis ab Gefährliche Geliebte ist vor allem klebrig und bedeutungslos. Weil Murakami aber dennoch möchte, dass der Leser ihn als einfach UND mysteriösis wahrnimmt muss er das dann regelmäßig seine Protagonisten oder den Erzähler erklären lassen. Dr. Murakami, lerne von deinem jüngeren Selbst!

Bild: Pixabay, gemeinfrei

3 Gedanken zu “Murakamis Pinball 1973 – Nicht so gut wie Wenn der Wind singt

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