Bei Texten mit bildreicher oder syntaktisch ungewöhnlicher Sprache unterscheide ich recht rigide zwischen solchen, die ihre Besonderheiten direkt aus dem Gegenstand, der Szenerie, der Atmosphäre, den behandelten Situationen, gewinnen, und solchen, die vor allem der Willkür des Autoren zu entspringen scheinen. Mir ist bewusst, die Trennlinie zwischen beiden ist schmal. Sibylle Lewitscharoffs Apostoloff aber ist definitiv ein Text aus der zweiten Ordnung. Typische Lewitscharoff-Sätze klingen so:

Sein Haupt aber, o dieses Vaterhaupt, war von der Fülle der Schwärze bereits bedeckt und in den Tod geschlungen.“

oder so:

„Auf hochflorigen Teppichen schliefen die Möbel in scheuer Widersetzlichkeit“

Normalerweise ziehe ich zum Vergleich gern Virginia Woolf (Bild- und Anspielungsreich ohne jegliche Prätention), James Joyce (manchmal sehr dick auftragen aber in den besseren Momenten immer aus Welt und aufeinanderprallenden Bewusstseinsinhalten zu begründende Melodik) oder fürs Deutsche auch Peter Kurzeck (der hessische Dörflichkeit, Kleinbürgerlichkeit, die Abgehängten, in eine Art von fingierter Mündlichkeit überführt, die aber außerhalb der Figurenrede ohne Mundart auskommt) oder auch Frido Lampe heran.

Was Jünger besser macht als seine (bewussten und unbewussten) Epigonen

Aber der Lewitscharoffsche Stil legt einen ungewohnten Gewährsmann geradezu nahe. Es fällt ja auf, dass diese Überfrachtung mit Neologismen, uralten Worten und pathetischer Überhöhung des Alltäglichen (ganz normale Menschen die in ihrer Rede ernsthaft Hermes bemühen, beim Teutates!) heute eine Domäne der dezidiert konservativen bis reaktionären Autoren ist. Der alte Strauß raunt so. Der junge Strauß raunt so ähnlich, der Mosebach sowieso, und eben auch Frau Lewitscharoff mit ihren Halbmenschen und der Religiösität, die die „Bösen“ bestraft.

Als bedeutendster unter den rückwärtsgewandten Stilisten wird wohl zurecht der „konservative Revolutionär“ (bzw. Protofaschist) Ernst Jünger genannt. Ein gewaltiger Unsympath, doch auch ein großer Schriftsteller. Ein typischer Jünger-Satz aber, etwa aus Auf den Marmorklippen, klingt so:

Solange der Wein noch süß und honigfarben war, saßen wir einträchtig am Tisch, bei friedlichen Gesprächen,und oft den Arm auf die Schulter des Nachbarn gelegt. Sobald er jedoch zu arbeiten und die erdigen Teile abzustoßen begann, wachten die Lebensgeister mächtig auf. Es gab dann glänzende Zweikämpfe, bei denen die Waffe des Gelächters entschied,und bei denen sich Fechter begegneten, die sich durch die leichte, freie Führung des Gedankens auszeichneten, wie man sie nur in einem langen,müßigen Leben gewinnt.“

Versuchen wir doch einmal, den im Sinne der zuvor genannten Autoren zu gestalten:

Solange noch süßend honigte der rötende Rebensaft, knüllten wir uns wie trächtige Wolken des Friedens palavernd bei Tisch, die Extremitäten verfließend in des Nachbars fleischwarme Scapula. Sobald Vino aber im Stomachus erdengrummelnd begann zu gastrieren, Ich sags dir, Alter, ich schwör bei Mars!, belebensgeistigten wir uns voll blutschwerer Macht… (usw, usf.)“

Jünger, tatsächlich, kommt fast durchgehend ohne Wortneuschöpfungen aus. Wo er sie einsetzt sind sie brutal treffend. Das Zurückgreifen auf archaisierende Begriffe erlaubt er sich nur in entsprechenden Kontexten, die nach Archaisierung zwingend verlangen. Sein Nah-Zukunfts-Roman Gläserne Bienen klingt ganz anders als die Marmorklippen. Und niemals würde er sich erlauben seine Protagonisten in genau der gleichen metapherngesättigten Weise daherreden zu lassen wie den Hauptstrom der Erzählung (OK, doch: in seinem erbärmlichen Spätwerk Eumeswill). Es sei denn vielleicht es erzählt ein Charakter wie der stilistisch in der Vorvergangenheit verhaftete Adelige Sunmyra.

Die Trennlinie zwischen Stil und Sülze

So lässt sich dann vielleicht doch noch der Finger auf ein paar relativ harte Unterscheidungskriterien zwischen den oben genannten Literaturtypen „opulenterer“ Machart treffen.

a) Es ist sehr verdächtig, wenn alle gleich klingen. Figuren, Erzähler usw.: Das gleiche raunende Metapherngesülze.

b) Es ist äußerst fragwürdig, wenn jedes zweite Wort Neologismus, Archaismus oder Portmanteau ist. Vielleicht nicht undurchführbar, aber meist klingt es einfach prätentiös.

c) Redundanz: Einmal „Schwarzhaar“ statt schwarzes Haar, das mag Kraft entfalten. Alle 10 Seiten reizt’s außerhalb klassischer Epen nur zum Gähnen.

c) Problematisch auch immer, wenn Figuren die Symbolik erklären. Besonders anfällig: Icherzähler:

Rumen ist unser Hermes, er trägt die Sprachen hin und her, fährt und findet im Fahren den Weg (…)“ – das will ich im Text erfahren, nicht behauptet bekommen.

d) Es wird besonders wirr, wenn Autoren, das gilt wieder für die ganze oben genannte Riege, einen Stil wie unter A und B aufgeführt mit eindeutig naturalistischen Passagen, Umgangssprache usw. verknüpfen, und zwar nicht: In der Figurenrede, sondern weiterhin in der Erzählerrede.

Es knirscht einfach an allen Ecken und Enden. Man merkt diesen Autoren an, wie sie sich einen Abbrechen, dass sie ihren Stil in der Gefolgschaft der alten Rechten gar nicht so wirklich glauben können, dass hier mit dem Brecheisen etwas hergestellt werden soll, das nicht mehr ist. Das stilistische Äquivalent zum Ungeglaubten Glauben: Jener Religiösität, die nicht mehr aus der Lebenserfahrung hervorgeht, aber umso verbissener für sich selbst behauptet und oft auch anderen aufgedrängt wird.

Jetzt erkenne ich endlich, was andere immer schon wußten: Ikonen sind nur dann in ihre Rechte gesetzt, wenn sie aus einem geweihten Raum hervorleuchten, aber nur kurz, dann bitten sie um Rückversetzung ins Dunkel und verschwinden darin so geheim wie gekommen. Nur zögernd, im Hervor und Wieder-Weg kann sich an ihrer gemalten Haut etwas entzünden, im Glücksfall jenes unerschaffene Licht, das als Sendelicht auf den Betrachter trifft, mal spärlich, mal festlich reflektierend der Kerzen und Lämpchen Zitterlichter.“

Das schreibt Lewitscharoff in einem der lichteren (natürlich dennoch überladenden, predigenden) Momente von Apostoloff. Man möchte ihr zurufen: „beherzigen Sie’s!“ Denn auch der Roman soll ja offenkundig so etwas Ikonenhaftes haben. Doch Lewitscharoff malt ihre Ikonen in Neonfarben, bestellt Scheinwerfer, reißt sich die Kleider vom Leib und tanzt in der hell erleuchteten Straße herum: „Schaut her! Die Religion! Und das Göttliche! Ultra-Wichtig! Und die Selbstmörder, diese Verachtenswerte Bagage! Und Bulgarien, dieses ekelhafte Land!“

Bild: Gemeinfrei