Mein ganz praktisches Murakami Problem – Englisch oder Deutsch? Vor den letzten Büchern

Ich bin in der Besprechung von Gefährliche Geliebte/Südlich der Grenze schon mal kurz auf das bekannte Übersetzungsproblem eingegangen. Die ketzerische Frage dazu war:

„Wäre es nicht theoretisch möglich, dass die amerikanische Übersetzung durchaus im Sinne des Autors war und die davon angefertigte deutsche immer noch ordentlich, während die neue Originalübersetzung dem Skandal all zu sehr Rechnung trägt?“

Hier möchte ich, ehe ich mich an die letzten Murakamis mache, die ich mir vorgenommen habe, eine noch ketzerische Frage stellen. Nämlich: Ist es wichtig (lies: für mich als Leser) welche die originalgetreuere Übersetzung ist? Denn: Ich möchte in erster Linie ein möglichst gutes Buch lesen, Murakamis sprachliche, d.i. muttersprachliche Feinheiten, kann ich so oder so nicht beurteilen.

Bisheriger Stand des Murakami-Projekts:
After Dark: Einer der besseren bis besten
Romane die ich je gelesen habe.

Wind: Recht cool für ein Debüt
1Q84: Yeah, Lets not talk about it…
Dance Dance Dance: Wie After Dark,
aber geschwätziger
Kafka am Strand: Teils toll /zuviel Penis

Bisher muss ich sagen: Mit Ausnahme von Wenn der Wind singt haben die Murakamis, die ich auf Englisch gelesen habe, durchgehend mehr Spaß gemacht. Mag daran liegen, dass ich die besseren zufällig auf Englisch hatte, für After Dark bin ich mir da relativ sicher – das wäre auch auf deutsch schwer zu vermurksen. Aber: Wenn Murakami sein „neues Japanisch“ am Englischen geschult hat und Japanisch wahrscheinlich sowieso schlecht „nah am Text“ zu übersetzen ist (wie anders ließen sich die krassen Unterschiede der Übersetzungen sonst erklären?) und das englische Werk bisher überzeugt hat – warum Risiken eingehen?

Von Hard Boiled Wonderland könnte ich ein deutsches Rezensionsexemplar bekommen und vielleicht auch ein deutsches Hörbuch (OnLeihe). Allerdings habe ich kurz in Ausgaben beider Sprachen rein geschaut und finde die Unterschiede allein im ersten Absatz schon krass:

„Der Aufzug fuhr ungemein träge aufwärts. Jedenfalls vermutete ich, dass er sich aufwärts bewegte, genau wusste ich es nicht. Er fuhr so langsam, dass ich mein Richtungsgefühl verlor. Möglicherweise war es auch abwärts gegangen, oder er hatte sich überhaupt nicht bewegt. Den Zustand des Davor und des Danach im Kopf, entschied ich, dass es aufwärts gegangen sein musste. Das war alles. Eine bloße Vermutung, die jeder Grundlage entbehrte. Möglicherweise war er auch zwölf Stockwerke auf- und drei abwärts gefahren oder hatte einmal die Erde umrundet. Ich wusste es nicht.“

„The elevator continued its impossibly slow ascent. Or at least I imagined it was ascent. There was no telling forsure: it was so slow that all sense of direction simply vanished. It could have been going down for all I knew, or maybe it wasn’t moving at all. But let’s just assume it was going up. Merely a guess. Maybe I’d gone up twelve stories, then down three. Maybe I’d circled the globe. How would I know?“

Wo nimmt der deutsche Übersetzer den umständlichen Relativsatz her – bzw: wieso fehlt er auf Englisch? Wieso wird das allgemeine („all sense of direction“) personalisiert (bzw. andersrum)? Wieso fehlt dieser Satzteil „ Den Zustand des Davor und des Danach im Kopf“ auf englisch? Oder kommt auf deutsch dazu? Warum steht hier „Merely a guess“, dort aber „Eine bloße Vermutung, die jeder Grundlage entbehrte“? Und so fort. Wie gesagt: Wer näher am japanischen Original bleibt – keine Ahnung. Wahrscheinlich ließe es sich, was die Inhalte betrifft, klären. Aber die Form? Für mich klingt der deutsche Text ein wenig tappert, umständlich, es gebricht ihm an einem durchgehenden sprachlichen Rhythmus. Währen dies zwei Bearbeitungen des gleichen Themas durch jeweils englische und deutsche muttersprachliche Autoren, die Englische wäre klar vorzuziehen. Besonders, wo die Forderung an eine Sprache wie kalte Faustschläge bereits im Titel mitschwingt: Hard-Boiled Wonderland.

P.S.: Folgendes würde ich, wäre es eine Übersetzung eines englischen Romans, aus dem Schnipsel machen, damit der Rhythmus halbwegs passt.

Der Aufzug fuhr weiterhin unglaublich langsam aufwärts. Oder zumindest glaubte ich, es ging aufwärts. Sicher zu sagen war es nicht. Er war so langsam, dass man jegliche[n] Orientierung[sinn] verlor. Nach allem was ich wusste hätte es auch abwärts gehen können, oder vielleicht bewegte er sich überhaupt nicht. Aber nehmen wir an es ging nach oben. Nur eine Vermutung. Vielleicht bin ich zwölf Stockwerke hochgefahren, dann drei runter. Vielleicht habe ich die Erde umrundet. Woher soll ich das wissen?

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Bild: Aoki, Landschaft, gemeinfrei.

3 Gedanken zu “Mein ganz praktisches Murakami Problem – Englisch oder Deutsch? Vor den letzten Büchern

  1. Niamh O'Connor sagt:

    Ich spreche kein Wort Japanisch, aber als ausgebildete Übersetzerin komme ich an diesem Beitrag natürlich nicht kommentarlos vorbei. Die beiden zitierten Übersetzungen sprechen eine ziemlich eindeutige Sprache (pun intended): Vergiss die deutsche Version, nimm lieber die englische! Und meiner Meinung nach geht es bei literarischen Übersetzungen (anders als bei technischen Texten) nicht darum, möglichst nahe am Originaltext zu bleiben, sondern darum, eine Version in ähnlicher literarischer Qualität hinzukriegen. Das ist natürlich immer auch ein bisschen Geschmackssache…

    Gefällt 2 Personen

    1. soerenheim sagt:

      Ja, sehe ich ähnlich. Nicht wortgetreu, sondern „ästhetikgetreu“.
      Wobei man dem englischen Murakami ja anscheinend vorwirft, in Richtung coolness „entstellt“ worden zu sein… aber mir ist das recht egal, Man kann auch zum besseren Entstellen ;)
      Zumal Murakami ja seine Liebe für amerikanischen Hardboiled uÄ betont…

      Gefällt 2 Personen

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