Murakamis Gefährliche Geliebte / Südlich der Grenze / Advocatus Diaboli zur Übersetzung

Ausgangspunkt dieser Reise durch das Gesamtwerk Haruki Murakamis ist bekanntlich der schreckliche Betriebsunfall 1Q84, den ich entsprechend der Bedeutung, die ihm zugeschrieben wurde, sehr ausführlich kritisiert habe. Seitdem habe ich mich verschiedenen anderen Texten zugewandt und zum Beispiel das Frühwerk recht lesenswert gefunden. After Dark (2007) war dann sogar regelrecht genial. Grenze/bzw Geliebte dagegen ist wieder ein sehr typischer (und der erste) Text der Sorte Murakamis, die ich als „Dr. Murakamis“ beschrieben habe: Er beinhaltet wenig mehr als die wohl unvermeidbaren Doppelhandlung einiger eher bedeutungsloser Geschlechtsakte und der gleichzeitigen Fixierung auf die ewig-unübertreffliche Jugendliebe, die Murakami in seinem Werk immer wieder durchexerzieren muss . Im Gegensatz zum mit Spaß zu lesenden Wenn der Wind singt konsumiert das hier leider fast alles drum herum.

Es ist nicht die Sprache, die stört

Mag sein, die Neuübersetzung ist besser als die, die ich zugrundegelegt habe, doch mein Einwand geht nicht gegen die meist sogar ertragbare Sprache. Die Obsession damit, wohin ein Mann ejakuliert, das notorische Mund ausspülen nach dem Oralverkehr, das ist definitiv auch aus dem Original übersetzten späteren Murakamis zu Eigen. Ebenso die schmachtende Pseudokeuschheit („ich möchte dich einfach nur nackt in die Arme nehmen“). Anders als in Wind fehlt dem hier aber jeder Witz und doppelter Boden. Und wie in 1Q84 lässt Murakami seine Protagonisten so viel, das er zeigen könnte, ausbuchstabieren. Statt den Leser spüren zu lassen, dass die ewige Geliebte nicht gleich Sex haben kann und den Oralverkehr als „Zwischenstation“ braucht, lässt er sie das zB genau so ausformulieren! Es wurde anderswo gefragt, wie Sigrif Löffler damals im literarischen Quartett diesen Text als reine Männerfantasie abtun konnte: Der Protagonist sei doch eigentlich sehr verschüchtert in seiner Sexualität. Nun: Wie oft bei Murakami sind die Frauenrolle in Gefährliche Geliebte kaum mehr als Projektionsflächen für die männliche Fantasie, sei sie nun gerade lüstern oder „keusch“. Verbunden damit, dass Murakami praktisch unfähig ist, eine Sexszene auch nur einmal halbwegs unverkrampft zu schreiben und das, siehe oben, alle Protagonisten gern die Handlung erklären, hat das schon einen ziemlich hohen Creep-Faktor.

Advocatus Diaboli zur Neuübersetzung

Übrigens habe ich bisher noch keine Darlegung gefunden, die zeigt, dass die neue Übersetzung wirklich originalgetreuer ist und nicht einfach nur sanfter und eleganter. Als Advocatus Diaboli: Es wäre ja zumindest das Folgende denkbar – Murakami stellt selbst gern das „amerikanische“ seines Stils in den Vordergrund, besonders im Frühwerk, zu dem Geliebte zählt. Nun sorgt eine deutsche Übersetzung aus dem Englischen für einen Skandal. Die neue Übersetzung liest sich dagegen seeeeehr sanft – fast wie ein Klischeebild fernöstlicher Innerlichkeit. Wäre es nicht theoretisch möglich, dass die amerikanische Übersetzung durchaus im Sinne des Autors war und die davon angefertigte deutsche immer noch ordentlich, während die neue Originalübersetzung dem Skandal all zu sehr Rechnung trägt? 1Q84 klingt mE zumindest wieder eher wie Gefährliche Geliebte als wie Südlich der Grenze. Ich sage nicht, dass es so ist. Das kann ich mangels Japanischkenntnissen nicht beurteilen. Aber im Zuge des Übersetzungsskandals wurde niemals dargelegt, wer eigentlich so geschlampt haben soll, dass am Ende auf Deutsch zwei unterschiedliche Bücher heraus kommen können. Der amerikanische Übersetzer, der auch mit dem Original arbeitete? Oder der deutsche Übersetzer, der aus dem Englischen übersetzte? Klar, die Gefahr, Fehler zu machen, wird bei jeder weiteren Übersetzung über eine Zwischensprache größer. Aber es wundert mich, dass in der ganzen Debatte niemals klar herausgearbeitet wurde, wo der Fehler liegt (oder die Fehler liegen).

Bild: Pixabay/gemeinfrei

7 Gedanken zu “Murakamis Gefährliche Geliebte / Südlich der Grenze / Advocatus Diaboli zur Übersetzung

    1. soerenheim sagt:

      Im Vorwort von Wind stellt er sein Japanisch noch als sehr amerikanisch beeinflusst dar:

      “ Ich setzte mich mit Manuskriptpapier und Füller an den Schreibtisch und „übersetzte“ das, was ich auf Englisch geschrieben hatte, ins Japanische. Ich nenne es zwar »übersetzen«,aber natürlich handelte es nicht um eine wörtliche Übertragung,sondern eher um eine freie Anverwandlung. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Auf diese Weise kam unweigerlich ein neuer japanischer Stil zustande, der zugleich mein eigener war. Der Stil, den ich selbst gefunden hatte. Sieh mal an, dachte ich, so musst du schreiben.““ (https://soerenheim.wordpress.com/2018/02/08/schau-an-der-murakami-kann-ja-doch-schreiben/)

      Aber möglich, es ist auch eher ein Gedankenspiel. Man findet aus einigen großen Organen aus der Zeitperiode Artikel, die behauptet, die Neuübersetzung „Grenze“ sei deutlich besser als „Geliebte“. Aber man findet kein Argument warum. Nur dass der neue Murakami jetzt eher den Vorstellungen eines sanften fernöstlichen Schriftstellers entspricht. Das ist ein bisschen Mau. Da erwarte ich eigentlich, dass zumindest plausibel gemacht wird, was mit Bezug auf den Primärtext an der neuen Übersetzung besser ist. Dass die wahrscheinlich besser ist möchte ich gar nicht infrage stellen, mir geht es um ein recht typisches Versäumnis der Literaturkritik: Textarbeit, gerade für die nicht japanischkundigen Leser.

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