Neuerscheinung: Garten, Baby! von Christine Zureich – Mehr Mut zum Roman!

Dass ich ein Leseexemplar für dieses Buch angefragt habe war so bisschen Glücksspiel. Einerseits: Ich würde gerne eine stimmige detaillierte (und: nicht satirische, gehässige) Geschichte in diesem suburbanen, eher emotional als politisch linken, gutbürgerlichen Milieu lesen. Genügend Konfliktlinien tun sich ja zweifellos auf. Andererseits: Wie alle Texte, die sich auf ein sehr aktuelles Thema stürzen und wie fast alle Texte die bestimmte politische Milieus abstecken, besteht immer die Gefahr auf einen Text zu stoßen, der mehr Haltung ist als Literatur.

Deklarativ, zerfahren

Garten, Baby! von Christine Zureich präsentiert sich dahingehend durchwachsen. Das erste Kapitel ist wirklich schlimm. Mehr eine Abhandlung im Stil eines Streitgespräches darüber, was eigentlich ein „Urban Garden“ sei, und was nicht, denn tatsächlich der Auftakt zu einer Geschichte. Schwer zu glauben, dass Menschen wirklich und in dieser Konzentration so über dieses Thema reden. Immer wieder gibt es in der Folge Passagen, die ähnlich aufdringlich eine Idee verkaufen wollen, statt sie mittels narrativer Techniken zu entwickeln, etwa:

„Natürlich feiern wir gern die Vielfalt, zelebrieren das Leben in allen Facetten, das urbane Biotop. Erst neulich ist Rob sogar zur Kleintierhilfe gefahren mit einer verletzten Amsel in einem Schuhkarton, Löcher im Deckel. Wir mögen Vögel; vorletzten Sommer haben wir uns ein Bestimmungsbuch zugelegt, das ganze Haus zusammen, aus der Gartenkasse. Es liegt auf dem Hocker neben der Hintertür, für alle zugänglich (…) Es lebe die Großstadt! Pflanzen, Menschen, Wildtiere. Es hat nie Probleme mit dem Nebeneinander gegeben“

Das ist schade und etwas nervig, denn es gibt durchaus gute Ansätze. So zeigt sich Zureich deutlich bemüht, sehr dicht zu erzählen. Der Stil ist vielleicht etwas sehr gezwungen auf zugängliche Modernität getrimmt, mit diesen kurzen Aufzähl-Sätzen wie aus dem Notizbuch:

„Sibel ist eine kluge Frau. Vom Gärtnern keine Ahnung aber Computer zum Beispiel kann sie. Die Rettung für meine Übersetzung. Festplattencrash, und ich hatte wochenlang keine Sicherung mehr gezogen. Von Sibel weiß ich außerdem, wie man Beine mit Heißwachs enthaart, gefüllte Weinblätter/Joints dreht mit nur einer Hand.“

Wille zur Dichte

Aber die Bereitschaft konkrete Lebenserfahrungen ihrer Protagonisten auszuleuchten und mit starken Bildern zu verknüpfen ist vorhanden. 95 % aller Romane, bin ich bekanntlich überzeugt, sind deutlich zu lang. Da freut diese Prägnanz besonders in einem Buch, das sich auch an Jugendliche wendet. Leider spart Zureich manchmal an den falschen Stellen. Eine Szene, in der das Beste, wie auch die größte Heuchelei dieses Millieus sich kondensieren ließe, wie etwa die Frage, ob die vom Kater zugerichtete Maus nun von den Gärtnern getötet werden sollte, hätte deutlich mehr Raum verdient. Sparen könnte man sich dagegen die ein oder andere rein didaktische Einordnung. In Abwandlung des Titels: Mehr Mut zum Roman, Baby!

Auch das Figurenensemble überzeugt leider nicht wirklich. Zu viele Klischees auf engem Raum. „Nette“ Klischees, aber dennoch. Und zu viel Charakterisierung geschieht durch reine Abrisse, die Beziehungen entfalten sich nicht. Das wiegt besonders schwer, da es nicht wirklich eine Handlung gibt, die den Stoff gliedert.

Nein, Garten, Baby! von Christine Zureich überzeugt leider nicht wirklich. Ansätze sind vorhanden, und der Roman liest sich gut runter. Aber trotz des Versuches, auch hier Literatur auf engstem Raum zu schaffen, reicht es zB an keinen der Texte heran, die ich in der dazu passenden Serie Gassenhauer bespreche. Wer Interesse am Thema hat kann aber durchaus einen Blick riskieren.

Leseexemplar von Ullstein. Bild: Pixabay, frei

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