Murakamis Dance Dance DanceAfter Darks älterer Bruder

Auch Dance Dance Dance ist definitiv einer der besseren Romane Murakamis. Kein Wunder: Im Großen und Ganzen handelt es sich um eine längere Version von After Dark (bzw: Das spätere After Dark ist eine konzentrierte Neugestaltung zentraler Motive aus Dance). Stimmung, sprachliche Gestaltung, Setting – in groben Zügen sogar die Handlung – ähneln sich auffallend. Wieder ein mysteriöses Hotel, diesmal eine Frau, die spurlos verschwindet. Die Suche nach dieser Frau, mysteriöse Träume, die vom Hauptcharakter/Erzähler sowie einem jungen Mädchen geteilt werden.

Bisheriger Stand des Murakami-Projekts:
After Dark: Einer der besseren bis besten
Romane die ich je gelesen habe.

Wind: Recht cool für ein Debüt
1Q84: Yeah, Lets not talk about it…

Der Plot, sehr frei nach der englischen Wikipedia:

Der Roman folgt den surrealen Missgeschicken eines ungenannten Protagonisten, der als Werbetexter seinen Lebensunterhalt verdient. Der Protagonist ist gezwungen, zum Dolphin Hotel zurückzukehren, einem heruntergekommenen Etablissement, in dem er einst bei einer Frau wohnte, die er liebte, obwohl er ihren richtigen Namen nie kannte. Seitdem ist sie spurlos verschwunden, das Dolphin Hotel wurde von einem großen Konzern gekauft und zu einem eleganten, modernen Hotel im westlichen Stil umgebaut.

Der Protagonist erlebt Träume, in denen ihm diese Frau und der Schafsmann erscheinen – ein seltsames Individuum in alter Schafshaut, das ohne Punkt und Komma spricht. Er macht sich auf den Weg den Mord an einem Callgirl aufzuklären, in den ein alter Schulfreund des Protagonisten, der heute ein berühmter Filmschauspieler ist, verwickelt ist.

Das Niveau von After Dark erreicht Dance Dance Dance dabei nicht. Weder faszinieren die Nebencharaktere in ähnlicher Weise, noch wird die Großstadtszenerie in ähnlicher Weise plastisch fühlbar gemacht.

Unkonzentrierter als After Dark

Wo After Dark dicht ist, ist Dance ausschweifend. Nach einem guten Drittel des Buches ist nur der Hauptcharakter zu einem halbwegs runden Menschen geworden, die Nebenfiguren dienen eher als Kuriositäten und Stichwortgeber. After Dark hatte an dieser Stelle bereits ein umfassendes und ausgewogenes Bild gezeichnet, und war: zu Ende. Dance holt hier erst zu seinem geschwätzigen Yuki-Nebenplot aus, in dem der Protagonist die de-facto Vormundschaft eines 13järigen Mädchens annimmt, auf die er aber auch irgendwie geil ist (wirklich unangenehm diese Passagen, vor allem anders als zB Lolita auch komplett unkritisch/unreflektiert) und mit ihr auf der Suche nach der Mutter nach Hawai reist – wo auch der düstere Tonfall dann seltsam anmutet.

An der Geschwätzigkeit dürfte auch die Ich-Erzählung schuld sein, die Murakami stets einzuladen scheint, mit all zu vielen Erklärungen in Vergangenheit und Seelenleben seines Protagonisten einzutauchen – und „Seelenleben“ dreht sich bei Murakami nunmal in ausgedehnter Weise um Sex.

Dennoch: Dance Dance Dance klingt an die Stimmung von After Dark an und ist interessant genug, um phasenweise als eigenständiges Buch zu begeistern. Man kann den Text durchaus empfehlen. Man kann stattdessen allerdings auch After Dark nochmal lesen. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal.

Bild: pixabay, gemeinfrei.

6 Gedanken zu “Murakamis Dance Dance DanceAfter Darks älterer Bruder

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