Literaturverfilmung: Coraline. Besser als das Buch.

Coraline ist einer dieser Literaturverfilmungen, bei denen ich ohne zu zögern feststelle: Besser als das Buch.

Coraline konkretisiert die diffuse pubertäre Angst aufs Vorteilhafteste: Während im Buch die „Fehler“ der Eltern kein klares Bild ergeben (Arbeiten zu viel, Vater macht sich aber viel zu viel Mühe beim Kochen (he cooks „recipies“) usw) ist im Film durchgehend eindeutig, dass Coraline vernachlässigt wird. Die Mutter ist eindeutig genervt von ihr und einige wenige Szenen zeichnen dieses Bild überzeugend, der Vater kocht schlecht und hat nie Zeit.
Zugleich bekommen die „Andere Mutter“ und der „Andere Vater“ deutlich mehr Raum sich zu entfalten, die Stimmung schlägt später um als im Buch. Das macht das „Andere Haus“ für den Zuschauer als Sehnsuchtsort verlockender. Das Problem, dass Gaiman seine Ideen nicht zu Ende denkt erbt der Film aber vom Buch und von Gaimans gesamtem Oevre. Das Andere Haus ist eben nicht Symbol des Innenlebens Coralines, die Botschaften nicht, dass die reale Welt am Ende vielleicht interessanter ist als eine nach Wunschvorstellungen zusammengebastelt. Sondern: das Andere Haus ist „böse“, Coraline muss nicht sich selbst ergründen um dessen Fehler zu entdecken. So endet auch diese Parabel als einfache Kampf- und Abenteuergeschichte. Atmosphärisch toll umgesetzt, aber nicht annähernd auf dem Niveau klassischer Anderwelt-Geschichten wie Alice im Wunderland.

In diesem Klassiker der Anderwelt-Geschichten (und offenkundig ein Vorbild von Coraline), ist die Symbolik in ganz anderer Konsequenz durchdacht: Alice ist ein Kind, das sich mit schrecklich erwachsenen Dingen herumplagen muss, Schule, Hausaufgaben, Logik, Sprachen usw. Aber der freien Assoziation des Wunderlandes rückt sie mit genau diesen Mitteln auf den Leib, steht immer schon ein wenig quer zu dieser Traumwelt. Im Gerichtsprozess schließlich erhebt sie sich (auch physisch) so weit über die Anderen (sie wächst mit der Morchel), dass sie wieder raus muss aus dem Wunderland. Das Spiegelland ist dann gleich ganz aufs Erwachsenwerden angelegt: Vom Bauern zur Königin. Und tatsächlich spiegelt es dabei die ganze Zeit Alices Spiel mit den Katzen, in dem sie sowieso schon eine Erwachsene spielt.

Gaiman liefert dagegen nie einen inneren Grund, warum man sich nicht dauerhaft in Traumwelten fliehen kann. Kursorisch kritisiert Gaimans aufgesetzte Düsternis auch meine Ferretbrain-Kollegin Kyra in ihrem Essay über Pan’s Labyrinth.

Bild: Pixabay, gemeinfrei.

(Die zweite Hälfte dieses Textes basiert auf meinem Kommentar bei Ricys Readingcorner)

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