Mal wieder ein „vorweg“ (vgl.): Mir ist nicht klar, wie Rezensenten dem Roman vorwerfen können, sich in Gewalt zu suhlen oder gar den Leser „erziehen“ zu wollen. Kommt damit klar: Sklavenhandel und Sklaverei sind unmenschlich, ein Roman über die transatlantischen Beziehungen zwischen Goldküste und amerikanischem Süden wird nicht zuckersüß sein. Aber Erziehung? Es gibt keine einzige didaktische Passage in Heimkehren. Die Bewohner der Goldküste kommen als handelnde Subjekte vor, dass man manchen Königreichen den Sklavenhandel nicht erst europäischerseits aufdrängen musste, nimmt sogar als Thema im Roman viel Raum ein.

In Raum und Zeit fragmentiert

Ästhetisch mutet der Text sich viel zu. Erlebnisse von insgesamt acht Generationen dies- und jenseits des Atlantiks werden erzählt, was naturgemäß eine durchgängige Handlung kaum ausmachen lässt. Hat man langsam ein Gefühl für einen Charakter bekommen ist bereits die nächste Generation an der Reihe. Auf der anderen Seite lassen die einzelnen Kapitel sich nicht als Kurzgeschichten lesen, dafür sind sie zu wenig abgeschlossen, enthalten nicht immer einen eigenen Spannungsbogen und einen befriedigten Schluss.

Die Brüchigkeit ist sicher gewollt: Sie spiegelt die Zerrissenheit der immer wieder entmündigten, verschleppten, gequälten Familien. In der ersten amerikanischen Generation etwa existiert die Verschleppung noch als Erinnerung, in der zweiten in kaum mehr verstandenen Liedern und Überresten der alten Sprachen, die den Sklaven systematisch ausgetrieben werden. Ein Sog, der durch das Buch zieht, stellt sich so allerdings nur phasenweise ein.

Nicht immer rund, aber stark

So ist denn Heimkehren ein detaillierter, interessanter Roman über mehrere Jahrhunderte Kolonialgeschichte, der zwischenzeitlich auch mal zäh werden kann. Einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen bei mir die Charaktere der frühen Jahrhunderte. Gyasi führt im Anhang einen beeindruckenden Quellenapparat auf, dennoch scheint mir die Häufung von Personen, die in aufgeklärter reflektiert- individualistischer Weise sowohl den Kolonialismus als auch die Gebräuche ihrer Herkunftsgemeinden schonungslos kritisieren, ein wenig sehr dem Selbstbild des modernen Lesers angepasst. Trotzdem ist Gyasi ein sehr bewegender Roman gelungen. Bedenkt man, welche Aufgabe die Autorin sich gestellt hat, ist das ein wirklich beeindruckendes Debüt.

Anspruch ****
Ausführung ***

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