Vornweg: Die Amazon-Kritiken, die Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao seine „Brutalität“ oder verrohte Sprache vorwerfen sind ziemlich daneben. Der Text spielt an einem der brutaleren Orte der Welt in einer brutalen Zeit. Autor Junot Diaz hält sich eigentlich sehr zurück, Vulgaritäten werden meist eher angedeutet, auch die Folter und Vergewaltigung der Mutter der Familie im Mittelpunkt nur ansatzweise geschildert und dann, wie der Erzähler sogar ausdrücklich bemerkt, nur im Ergebnis zusammengefasst. Man habe sich nicht so – Literatur, das heißt auch: die Welt ertragen.

Eigentlich sehr traditionell

Den großen Roman, den das Feuilleton sieht, sehe ich hier aber auch nicht. Eigentlich ist das Ganze ein ziemlich spießbürgerliches Stück. Eine klassische Familiengeschichte wie man sie auch im Biedermeier erzählt hätte, nur halt dadurch leidlich spannend, dass es in der dominikanischen Republik und der Exilgemeinde hoch her ging. Aber: Die Umstände gehen eben kaum ein in Komposition und Stil. Die krasse Zerrissenheit, unter der die Protagonisten leiden, wird formal überhaupt nicht deutlich. Da ist der Routinetrick, ein paar Zeitsprünge einzubauen, ansonsten wird schön nacheinander ein bürgerliches Leben mit Hindernissen geschildert.
Was der eine oder andere als besondere Qualität sehen mag, sehe ich als große Schwäche: Man erkennt die Charaktere je nach Handlungsstrang kaum wieder. Dass die Erzählerin aus dem zweiten Großkapitel tatsächlich die Schwester des Protagonisten aus dem Ersten sein soll: man glaubt es kaum. Auch die aufmüpfige Frau aus dem dritten Kapitel will nicht so wirklich als Mutter aus dem Ersten und Zweiten passen. Usw. usf. Man kann das, wie gesagt positiv drehen: Dann würde der Roman zeigen, wie wenig das Bild, das wir uns von uns selbst machen, mit dem Bild, das andere von uns haben, übereinstimmt. Aber durchgehend und in dem Ausmaß …?

Der aufgesetzte Herr der Ringe

Zuletzt: Der Roman arbeitet exzessiv mit Tolkien-Vergleichen, Polizisten als Orks, Trujillos Vertraute als Ringgeister. Das steht quer zum Erzählten. Es passt einfach nicht. Einmal, weil Alltagsprobleme in der gleichen Art mit Tolkien kurzgeschlossen werden wie Massenmord, dann weil das wohlgeordnete gut/böse-Schema Tolkiens in einer vielschichtigen Welt fehl am Platze ist. Im besten Fall verhängt es den Blick etwas, im schlimmsten, und den erreicht Diaz so spielend wie Frodo Bruchtal (das ist etwa das Niveau der Vergleiche) führt es dazu, dass man die Handlung kaum mehr ernst nimmt.

Der Roman hat einige gut geschriebene, eindringliche Passagen, und inhaltlich fungiert er als Gegenrede zu dem allerdings viel besser geschriebenen Das Fest des Ziegenbocks von Llosa (Diaz‘ politische Kritik an Llosa trifft allerdings päzise), doch wirklich über Mittelmaß heraus kommt Oscar Wao nicht. Ich empfehle als stilistisch gelungene Alternative zu ähnlichen Szenarien die Kurzgeschichten von Edwidge Danticat sowie (mit Einschränkung, da lang nicht gelesen) The Dewbraker. Was nicht heißt, dass man Diaz nicht lesen kann. Aber es gibt Besseres…

Bild: gemeinfrei

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