Alter, das ist mal wieder ein Buch! Nein, wirklich. Ich freue mich ernsthaft, von einem Autoren, den ich eigentlich abgeschrieben hatte, einen richtig starken Roman zu entdecken. Das gibt etwas Hoffnung in die lesende Menschheit zurück: Murakami wurde doch nicht völlig zu Unrecht so hochgejazzt. Und es hat etwas von dieser jugendlichen Phase der Entdeckungen. Wo es noch unzählige Autoren gibt, die einem regelrecht neue Welten eröffnen. Und Murakami könnte ja so einer sein. Er hat offenkundig ein Konzept, ein bestimmtes Gefühl, das er vermitteln möchte. Und er versucht sich an abgedrehten Szenarien. Und stolpert oft über viele Dinge, vor allem seine Obsession mit Ejakulat.

Aber After Dark ist richtig geil. Also Cool. Also düster, mysteriös, anspielungsreich, atmosphärisch und stimmig.

Düsterer Plot, coole Dialoge

Fangen wir mit dem Plot an. After Dark hat einen! Das heißt: Einen, der über das Murakami-Gewäsch vom Schmachten nach der ewigen Geliebten und tölpelhafte Sexszenen hinausgeht. Ich paraphrasiere aus Faulheitsgründen nach der englischen Wikipedia:

After Dark spielt in der Metropolregion Tokio. Mari Asai, eine 19-jährige Studentin, verbringt die Nacht in einem Denny’s (ne Art Diner/Nachtcafé). Dort lernt sie Takahashi Tetsuya kennen, einen Posaunenschüler, der Curtis Fullers „Five Spot After Dark“-Blues liebt; Takahashi kennt Maris Schwester Eri, die sich, während die Handlung abläuft, im Tiefschlaf beim Fernseher befindet und von einer bedrohlichen Gestalt verfolgt zu werden scheint.

Die beiden treffen unter anderem die pensionierte Wrestlerin Kaoru, die jetzt als Managerin in einem Liebeshotel namens „Alphaville“ arbeitet. Kaoru bittet Mari, mit einer chinesischen Prostituierten zu sprechen, die gerade verprügelt wurde. Die Gruppe versucht, den Angreifer aufzuspüren und trifft u.a. auf eine chinesische Mafiagruppierung, der die Prostituierte „gehört“.

Dichte Großstadt und Traumlogik

All das wird, was Sprache und Handlung betrifft, sehr reduziert erzählt. In Gesprächen, die oft mehr zu verschweigen scheinen als sie enthüllen, erfährt der Leser davon, was die verschiedenen Personen in Denny’s und Alphaville zusammengebracht hat. Der Kriminalfall wird nie letztgültig aufgeklärt. Und was genau die bedrohliche Gestalt symbolisiert, die Eri im Traum verfolgt, überhaupt, was diese Figur in den Tiefschlaf versetzt hat, wird höchstens angedeutet. Das nächtliche Tokio, das Murakami auf diese Weise zeichnet, auch indem er immer wieder Passanten kurz einbezieht oder den Blick wie eine Kamera durch die umliegenden Straßen schwänkt, ist unglaublich dicht, bedrängt den Leser geradezu, und wirkt selbst wie eine Zwischenwelt zwischen Traum und Realität. Der Rhythmus der Sprache: Kurze Sätze, bedeutungsschwangere, doch tatsächlich gewollt hohle Dialogfetzen, zwischendurch ein weit ausgreifender swingender Bandwurm, ist perfekt auf das Szenario abgestimmt. Die englische Hörbuchsprecherin übrigens klingt dazu fast wie eine Computerstimme – für den Moment gewöhnungsbedürftig, dann genial. Der Wechsel zwischen Traumsequenzen und Albtraumhafter Stadt bei Nacht: eiskalt getimed.

After Dark ist kein Buch für Leser, die am Ende eines Romans eine sauber präsentierte Lösung aller Probleme erwarten. Es ist ein Buch für Leser, die Verlorenheit aushalten können, vielleicht sogar ergründen wollen. Es ist ein Buch für alle, die bei Murakami schon hier und da gute Ideen entdeckt haben aber von der nachlässigen Ausführung immer angenervt waren.

Lese- bzw. Hörempfehlung auch und gerade für Murakami-Hasser!

Bild: gemeinfrei